Drei Worte sind in die Geschichte eingegangen und haben vor zehn Jahren für eine riesige Diskussion gesorgt: “Wir schaffen das!” Ein Ausspruch der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts der vielen Flüchtlinge, die 2015 vor allem aus Syrien zu uns gekommen sind.
Wir haben mit Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni über seine Doku "Merkels Erbe – 10 Jahre "Wir schaffen das!" gesprochen.
SWR1: Was sagt die Ex-Kanzlerin Merkel heute dazu? Steht sie zu diesen drei Worten "Wir schaffen das“, oder würde sie es heute anders machen?
Ingo Zamperoni: Sie würde auf jeden Fall die Entscheidung noch mal so treffen. Und sie wunderte sich auch im Gespräch, wie sehr ihr dieser Satz in den Jahren um die Ohren gehauen wurde und wie sehr er ein Eigenleben entwickelt hat.
Und gleichzeitig sagt sie, das war für sie alternativlos. Das ist ja auch ein Wort, das sie oft benutzt hat, und sie ist damit sicher auch sehr im Reinen mit sich. [...]
In der ARD Mediathek Merkels Erbe – 10 Jahre "Wir schaffen das!"
2015 sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel den historischen Satz "Wir schaffen das!". Zehn Jahre danach fragt Ingo Zamperoni: Was hat Angela Merkels Mantra mit unserem Land gemacht?
Sie ist da ziemlich stoisch.
SWR1: Angela Merkel wurde dafür weltweit gefeiert. Gleichzeitig finden das in Deutschland viele Menschen – um es mal vorsichtig zu formulieren – nicht so gut. Was hat das langfristig mit ihrer Persönlichkeit gemacht?
Zamperoni: Sie ist da ziemlich stoisch. Denn man darf auch nicht vergessen, dass sie davor ja auch schon viele Entscheidungen getroffen hat, die nicht populär waren. Beispielsweise in der Eurokrise, was ja auch der Startschuss beispielsweise für die AfD war. [...],
Insofern ist es etwas, da hat sie gesagt: Naja, was hätten wir denn sonst machen sollen? Was hätte ich denn sonst sagen sollen? Nach dem Motto: Ja, das machen wir jetzt, aber es wird furchtbar? Das wäre ja auch nicht gegangen.
Ich glaube schon, dass diese Entscheidung der Startschuss für eine Entwicklung war, die bis heute andauert. Und ja, die Ergebnisse auch. Und auch die heutige Politik der Bundesregierung hat damit ja auch zu tun […].
Angela Merkel: "Wir schaffen das“ und die AfD
SWR1: Beobachter sagen, das Zitat von Angela Merkel war der Startschuss für die AfD. Wie schätzen Sie das ein?
Zamperoni: Ich führe in dem Film auch ein Gespräch mit unserem Journalisten-Kollegen Robin Alexander von der Welt. Er sagt, dass Angela Merkel das nicht wollte, aber dass sie die Geburtshelferin der AfD war. Und das lässt sich auch nicht leugnen.
Vor 2015 war die Partei unter fünf Prozent, hatte gerade ihren Vorstand abgesägt, war innerlich zerstritten. Dann kam dieses Thema, das ihr in gewisser Weise in den Schoß gefallen ist. [...]
Aber darauf wollte Angela Merkel nicht nur Rücksicht nehmen, sagte sie auch im Gespräch. Eben die Entscheidung nicht so zu treffen, nur um das zu verhindern. Denn als Regierungschefin musste sie immer das Gesamtbild betrachten.
Merkel: "Wir schaffen das" – auch die Geflüchteten?
SWR1: Wie sieht es mit den Menschen selbst aus, die 2015 und danach zu uns kamen? Haben die es geschafft?
Zamperoni: Ja, auch da ist es nicht so leicht zu sagen, es kommt drauf an. Wir haben für den Film beispielsweise einen Pfleger in Cottbus getroffen, der es sehr wohl geschafft hat.
Er kam als Siebzehnjähriger alleine in eine neue Welt, in eine neue Sprache, nach Deutschland. Er ist vor dem Bürgerkrieg geflohen und sah keine Alternative. [...] Er bildet mittlerweile selbst aus und ist deutscher Staatsbürger.
Solche Beispiele gibt es zuhauf, und trotzdem gibt es natürlich auch Beispiele, bei denen Menschen jetzt sagen werden, dass da eine Parallelgesellschaft entsteht, dass Menschen kein Deutsch sprechen und es auch zehn Jahre später nicht auf die Reihe gekriegt haben.
Insgesamt habe ich aber den Eindruck, dass uns schon viel mehr gelungen. Und je länger die Zeit andauert, desto besser gelingt auch die Integration in den Arbeitsmarkt, als es vielleicht die Stimmung hierzulande hergibt.
Das war das große Thema von Anfang an seit 2015: dieses Gefühl der Überforderung.
SWR1: Dieser Satz "Wir schaffen das" ist auch ein Mutmach-Satz, auch im Hinblick auf die vielen Ehrenamtlichen, die damals geholfen haben, die Flüchtlinge zu versorgen. Welche Erinnerungen gibt es zehn Jahre danach?
Zamperoni: Da ist natürlich auch eine gewisse Abnutzung gewesen, gerade bei den vielen Ehrenamtlichen, die sich vielleicht dann nicht so unterstützt gefühlt haben oder einfach ausgebrannt waren.
Die vielleicht gesagt haben: Das schaffe ich hier gar nicht. Und ich glaube, das war das große Thema von Anfang an, seit 2015: dieses Gefühl der Überforderung.
Angela Merkel gibt Ingo Zamperoni einziges Interview
SWR1: Angela Merkel hat zehn Jahre nach ihrem Satz "Wir schaffen das" genau ein einziges Interview gegeben, nämlich Ihnen, Herr Zamperoni. Lässt sich daraus herauslesen, dass sie vielleicht mit ihrer Rolle in der Flüchtlingspolitik heute nicht mehr so ganz im Reinen ist?
Zamperoni: Doch mit ihrer Entscheidung ist sie sehr im Reinen, hatte ich den Eindruck. Sie hat ja neben dem Interview für uns noch eine Runde mit Flüchtlingen von damals gemacht.
Da spricht sie eben auch darüber, dass sie mit der heutigen Flüchtlingspolitik ihrer Partei Bauchschmerzen hat, zumindest Fragezeichen, sagen wir es mal so. Aber was ihre eigene Rolle von vor zehn Jahren betrifft, da sagt sie: Das mussten wir so machen und wir werden das schaffen.