Laut einer Umfrage eines Online-Jobportals geben sich zwei Drittel der Büroangestellten produktiver, als sie sind. Aber warum täuschen wir Produktivität im Job und im Homeoffice oft vor? Einen der Gründe sieht Jakob Schrenk im Wandel der Arbeitswelt. Er ist Organisationsberater und Autor bei der Süddeutschen Zeitung.
SWR1: Als eine Kollegin Sie per Mail für dieses Interview angefragt hat, da haben Sie in nur sechs Minuten geantwortet. Ist das Standard?
Jakob Schrenk: Ich fürchte, das ist schon Standard bei mir. Und Sie haben auch ganz recht. Also, ich selbst bin auch ein Opfer von dieser "Fake Work"-Kultur und dieser Produktivitäts-Darstellerei.
Ich merke an mir selbst, dass ich das auch ab und zu mache und in früheren Jobs sogar noch viel extremer gemacht habe.
Es gibt viele Gründe für Fake Work im Job und Homeoffice
SWR1: Sich produktiver machen, als man ist – ist das ein Symptom von Leistungsdruck und schlechter Führung, oder ist es einfach nur menschlich?
Schrenk: Ich glaube, es gibt viele unterschiedliche Gründe dafür. Ein Grund kann tatsächlich Leistungsdruck sein, auch große Unsicherheit darüber, was man eigentlich überhaupt leisten soll. Dann neigt man dazu, Meetings einzuberufen, die überhaupt nicht nötig wären. Man neigt dazu, sich in diesen Meetings zu Wort zu melden, obwohl man gar nicht so viel zu sagen hat. Man macht diese ganzen exzessiven Dinge wie den öffentlich einsehbaren digitalen Kalender zu füllen – all das, um irgendwie zu zeigen: Ich arbeite, ich bin schon da.
Ich glaube, wir erleben gerade [...] den Wandel zur Wissensarbeit. Die Leute machen immer weniger physisch sichtbare Dinge.
Fake Work: Resultate in der Arbeitswelt nicht immer sichtbar
Aber ich glaube, es gibt noch einen größeren Grund, warum wir das machen. Ich glaube, wir erleben gerade – oder auch schon in den letzten Jahrzehnten, aber jetzt immer mehr – den Wandel zur Wissensarbeit. Die Leute machen immer weniger physisch sichtbare Dinge.
Sehr wenige Leute ernten Äpfel oder schweißen Dinge zusammen. Stattdessen arbeiten weit über die Hälfte aller Beschäftigten am Computer, sind sogenannte "Wissensarbeitende". Die Resultate dieser Arbeit sind oft gar nicht so sichtbar. Wir reden von diesen ganzen Sachbearbeitern, Analysten, Personalern, leitenden Angestellten.
Hart daran arbeiten, beschäftigt auszusehen Warum wir Produktivität bei der Arbeit oft vortäuschen
Eine aktuelle Umfrage eines Jobportals hat ergeben, dass die große Mehrheit von uns auf der Arbeit Produktivität vortäuscht. Was sind die Gründe dafür?
Oft wissen die selbst gar nicht so genau, was sie da eigentlich arbeiten. Das steigert das Bedürfnis, die Ergebnisse der Arbeit auf irgendeine Art darstellen zu müssen – einfach, um vor sich selbst, vor anderen und vor den Vorgesetzten rechtfertigen zu können, was man da eigentlich überhaupt getan hat.
Ich glaube, dass das Homeoffice [...] diesen Trend noch verschärft. [...] Nicht nur die Arbeit ist unsichtbar, sondern man wird auch selbst unsichtbar.
Und ich glaube auch, dass das Homeoffice zum Beispiel, das immer stärker um sich greift, diesen Trend noch verschärft. Dann wird in gewisser Weise nicht nur die Arbeit unsichtbar, sondern man selbst wird auch unsichtbar – man ist ja gar nicht da.
Fake Work: Strategie, um Produktivität in Homeoffice und geänderter Arbeitswelt zu zeigen
Und dann muss man zu Strategien greifen, um zu zeigen, dass man sehr wohl präsent ist, dass man sehr wohl gearbeitet hat. Das kann man zum Beispiel mit diesen ganzen "Fake Work"-Tätigkeiten tun, mit Produktivitätsdarstellerei.
SWR1: Aber das ist tatsächlich ein Problem für Leute, die einfach so ihren Job machen, ohne viel Wirbel und ohne Show.
Schrenk: Ich glaube schon. Es wird auch oft in Bezug auf Frauen gesagt, dass sie sichtbarer werden müssen. Weil Frauen – auch das wäre meine Erfahrung in der Unternehmensberatung – weniger zu diesen ganzen Angebereien neigen. Diese Leute riskieren dann tatsächlich, dass sie weniger gesehen werden, weil sie weniger Wind um das machen, was sie leisten, weil sie sich weniger selbst darstellen.
Tipp gegen das Vortäuschen von Produktivität im Job: mehr Vertrauen
SWR1: Aber Sie haben gerade das Homeoffice angesprochen. Und darüber wird jetzt auch wieder verstärkt diskutiert. Sollten Chefs nicht einfach auch darauf vertrauen, dass im Homeoffice tatsächlich etwas geschafft wird?
Das Misstrauen von Vorgesetzten steigt, wenn die Beschäftigten viel im Homeoffice sind.
Schrenk: Genau. Wir wissen aber aus Umfragen, dass tatsächlich das Misstrauen von Vorgesetzten steigt, wenn die Beschäftigten viel im Homeoffice sind. Dieses Misstrauen kann sich dann übersetzen in stärkere Kontrolle, also in Mikromanagement.
Genau dieses Mikromanagement kann aber wiederum dazu führen, dass die mehr Produktivitätstheater machen und ihrem Chef zeigen: "Schau mal, das habe ich gearbeitet." Und dann hat man schon wieder das Problem, dass die Leute viel Zeit darauf verwenden, die Ergebnisse ihrer Arbeit darzustellen, anstatt einfach nur zu arbeiten.
Für Sichtbarkeit in der Arbeitswelt: Müssen wir Produktivität im Job vortäuschen?
SWR1: Was sagen Sie denn, wie viel Selbstdarstellung ist gesund, was ist vertretbar, was sollte man machen?
Ich glaube, ganz ohne Selbstdarstellung funktioniert es nicht
Schrenk: Ich glaube, ganz ohne Selbstdarstellung funktioniert es nicht – und es funktioniert gerade besonders in dieser Wissensarbeitsgesellschaft immer weniger. Ich glaube nicht so ganz an die großen Lösungen [...].
Ich denke eher, dass es da kleine, interessante Lösungen gibt. Als Vorgesetzter kann man schauen: Wo kontrolliere ich eigentlich zu viel? Wo sollte ich mehr Vertrauen in meine Angestellten setzen? Wo kann ich vielleicht auch Unsicherheit reduzieren und ein bisschen genauer sagen, was eigentlich überhaupt erwartet wird? Was will ich von dir?
Und dann gibt es auch so kleine Tricks. Man kann zum Beispiel in Meetings dafür sorgen, dass viele Meetings ohne Vorgesetzte ablaufen. Denn ganz viel dieser Selbstdarstellerei richtet sich an den Vorgesetzten. Ist der Vorgesetzte im Meeting gar nicht da, entfällt das. Das Meeting wird viel effektiver.
Denn ganz viel dieser Selbstdarstellerei richtet sich an den Vorgesetzten. Ist der Vorgesetzte im Meeting gar nicht da, entfällt das. Das Meeting wird viel effektiver.
Man kann auch dafür sorgen, dass Frauen wiederum im Meeting mehr reden – zum Beispiel, indem man sagt: Nach jedem Mann muss auch eine Frau sprechen. Dann wird es auch automatisch sachlicher und automatisch weniger selbstdarstellerisch.