Er ist wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors in Mannheim am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. Als Traumforscher deutet er die nächtlichen Träume unser Hörer- und Hörerinnen und beantwortet SWR1 Moderator Veit Berthold Fragen rund ums Träumen.
Die Faszination des Träumens
SWR1: Träumen wir alle wirklich jede Nacht?
Prof. Michael Schredl: Ja, es ist tatsächlich so, dass das Bewusstsein nicht schläft. Das kann man auch im Schlaflabor feststellen, in sogenannten Weckstudien. Dabei wird man alle fünf Minuten direkt nach dem Einschlafen geweckt, und man hat fast immer eine Erinnerung. Das Gehirn ist als biologisches Organ natürlich auch nicht abgeschaltet, es arbeitet weiter, aber auch dieses subjektive Erleben, das Bewusstsein, ist immer vorhanden.
SWR1: Warum lässt unser Gehirn uns träumen?
Schredl: Warum das Hirn das macht, wissen wir gar nicht. Wir wissen nur, dass es das macht. Die Inhalte, die uns tagsüber beschäftigen, werden nachts kreativ, meistens sogar emotional intensiviert dargestellt. Ob das tatsächlich einen Sinn hat, da sind wir uns noch nicht ganz einig.
Unterschiedliche Träume
SWR1: Träumen Frauen anders als Männer?
Schredl: Tatsächlich sind die Inhalte anders und es werden auch alle Vorurteile, die man hat, vollkommen bestätigt. Dementsprechend träumen Männer mehr von Sex und Gewalt, während Frauen mehr von Problemen und von Kleidung träumen.
SWR1: Träumen Kinder auch anders als Erwachsene?
Schredl: Ein Thema, das bei Kindern besonders deutlich vorkommt und bei Erwachsenen selten ist, sind Tiere. Es gibt Studien, die zeigen, dass in bis zu 50 Prozent aller Kinderträume Tiere vorkommen, bei Erwachsenen sind es etwa fünf Prozent. Bei Kindern ist das Verhältnis zu Tieren, ob das Stofftiere, Haustiere oder Tierfilme sind, viel intensiver, und deshalb kommen Tiere auch häufiger im Traum vor.
Albträume und schöne Träume
SWR1: Sie haben bisher bereits 18.900 Träume in einem Traumtagebuch festgehalten. Überwiegen dabei eher böse oder schöne Träume?
Schredl: Es ist natürlich bunt gemischt, wie bei vielen. Aber so richtige Albträume habe ich glücklicherweise gar nicht. Es ist tatsächlich positiv und negativ.
SWR1: Ich habe das Gefühl, mehr schlimme Träume zu haben. Liegt das nur an meiner Wahrnehmung, oder träumt man insgesamt tatsächlich relativ ausgeglichen?
Schredl: Im Durchschnitt ist es eher ausgeglichen, aber wenn man akute berufliche oder private Stressphasen hat, dann sieht man doch deutlich mehr negative Träume.
SWR1: Ist es möglich, seine Träume durch Vorstellungskraft positiv zu beeinflussen?
Schredl: Die Wahrscheinlichkeit ist relativ gering. Es muss auch emotional intensiv sein. Vor allem Gespräche mit anderen Menschen tauchen häufig auch im Traum auf. Ob das jedoch immer so angenehm ist, ist eine andere Frage.
Früher wurde das als Trauminkubation bezeichnet. Da gab es griechische Tempel, in denen man schlafen konnte und dann von bestimmten Sachen geträumt hat. Tatsächlich ist es jedoch so, dass man doch eher von dem Stress träumt, den man tagsüber erlebt hat. Die beste Chance für schöne Träume ist es, einen angenehmen Tag zu verbringen.
SWR1: Welchen Einfluss hat Alkohol auf unsere Träume?
Schredl: Tatsächlich ist Alkohol eine Einschlafhilfe, aber er stört den Schlaf. Es kann sogar sein, dass in der ersten Nachthälfte der Traumschlaf unterdrückt und dann in der zweiten Nachthälfte verstärkt wird, meistens auch mit negativen Gefühlen und Albträumen. Das heißt, Alkohol, wenn man empfindlich ist, gar nicht und ansonsten in Maßen.
Traumdeutung: Ermordet werden
SWR1: Ich wurde in meinen Träumen schon mehrfach erschossen und erstochen.
Schredl: Träume neigen dazu, Themen, die einen tagsüber beschäftigen, in einer dramatisierten Form darzustellen. Das heißt, wenn man erschossen oder erstochen wird, hat man das Gefühl, da will einem jemand an den Kragen. Im Wachzustand ist das Gefühl ganz klein […] und der Traum malt das dann so richtig plastisch aus. Es geht dabei um die Angst, es könnte etwas Böses auf einen zukommen.
Dabei muss es nicht mal sein, dass beispielsweise der Chef etwas gesagt hat – der Gedanke alleine reicht. Der Traum spiegelt die Angst wider und die Idee ist, dass man sich Gedanken macht, wie man dem entgegnen könnte. Sich schon im Traum überlegt: Wie kann ich damit aktiver umgehen? Bei Ängsten ist es wichtig, sie anzunehmen und einen Umgang mit ihnen zu finden. Man nimmt den Traum im Nachhinein ran: Fragt sich was würde ich jetzt brauchen, damit es mir im Traum besser geht? Und übt es dann tagsüber. Das wirkt sich gerade bei Wiederholungsträumen dann auf die folgenden Träume aus.
Traumdeutung: Unter Wasser atmen und fliegen
SWR1: Verschiedene SWR1 Hörer- und Hörerinnen träumen, dass sie unter Wasser atmen oder plötzlich fliegen könnten. Was steckt dahinter?
Schredl: Das tolle Gefühl ist die Grundidee bei dem Traum. Solche Träume spiegeln die schönen Seiten des Lebens wider und können eine Motivation sein, sich auch im Wachzustand zu überlegen: Was kann ich noch für schöne Sachen machen? Was macht mir Spaß?
Traumdeutung: Hochzeit trotz glücklicher Ehe
SWR1 Hörerin: Ich habe heute Nacht geträumt, ich würde einen anderen lieben Mann heiraten, obwohl ich seit zwei Jahren verheiratet bin. Was soll mir das sagen?
Schredl: Ich nehme an, dass die aktuelle Ehe gut ist. Die Grundidee ist, dass das Heiraten auch eine Metapher ist, für sich mit etwas verbinden. Man guckt sich also mal den lieben Mann an, den die Frau geheiratet hat: Welche Eigenschaften hat er, die sie selbst auch gerne haben möchte? So kann man den Traum tatsächlich nutzen, um zu gucken, wo möchte ich mich gerne noch weiterentwickeln?
SWR1: Wie ist es mit dem Fremdgehen in der Nacht?
Schredl: Das Fremdgehen ist mit Ängsten und Reue und so weiter verbunden. Diese Art von Träumen neigen dazu, die Themen sehr kreativ darzustellen.
Traumdeutung: Hindernisse und Selbstüberwindung
SWR1 Hörerin: Ich war in einem Raum, den ich nur durch einen schmalen Spalt verlassen konnte. Ich kam nicht durch, aber jeder, der nach mir kam, schaffte es problemlos. Als ich es irgendwann geschafft habe, habe ich die ganze Mauer eingerissen.
Schredl: So wie die Träumerin das beschreibt, geht es um etwas, was für alle anderen einfach scheint, aber für sie schwierig ist. Träume spiegeln nicht nur das wider, was draußen real passiert, sondern auch die Ängste und Befürchtungen. Möglicherweise hat sie Angst, dass bestimmte Dinge, die sie kann oder gerne machen würde, für sie besonders schwierig sind.
Traumdeutung: Verlust von nahestehenden Personen
SWR1: Oft trifft man verstorbene Verwandte, Mamas, Papas, Großeltern in seinen Träumen. Warum bewegt uns das auch noch viele, viele Jahre später?
Schredl: Wichtige emotionale Erlebnisse werden auch nach Jahren oder nach Jahrzehnten im Traum widergespiegelt. Beim Trauern ist es wichtig, sich mit den Erinnerungen, die man von der Person hat, nochmal zu beschäftigen. Da können Träume auch sehr helfen, den Prozess bewusster durchzugehen. Was hat man Schönes mit der Person erlebt, was war gut? Man weiß auch – das zeigen die vielen Träume in dem Bereich –, dass ein Teil von der Person in einem weiterlebt, weil sie eben nicht vergessen wird.
Traumdeutung: Verfolgt werden ohne Ausweg
SWR1 Hörer: Als Kind hatte ich immer wieder denselben Traum. Ich war in einem Labyrinth voller Dornen, durch das ich mich hindurchkämpfen musste. Dabei wurde ich von riesigen Erdbeeren verfolgt, vor denen ich weggelaufen bin. Immer wieder stand ich an denselben Kreuzungen, musste dieselben Wege nehmen und habe es nie herausgeschafft, bis die Erdbeeren mich jedes Mal eingeholt haben und ich vor Schreck aufgewacht bin.
Schredl: Letztendlich ist es nicht so wichtig, was einen da verfolgt, sondern eher, wie man handelt. Die Idee ist, dass die Person im Traum immer weggelaufen ist und wir übersetzen das dann im Vermeidungsverhalten. Das heißt, dass es tagsüber irgendwas gibt, was einem unangenehm ist, was einem Angst macht, wo man lieber in die andere Richtung geht, als sich damit zu konfrontieren. Der Traum zeigt aber, dass das Weglaufen und Flüchten gar nichts bringt. Was könnte ich also anders machen? Was wäre denn besser als weglaufen?