SWR Aktuell: Was bringen denn solche Drohnenflüge oder solche Ausnahmen dem, der sie losschickt- wer immer das auch sei? Was ist daran brisant?
Amelie Theussen: Da geht es natürlich darum zu zeigen, dass man stören kann, dass man sowas machen kann, dass man die kritische Infrastruktur in Augenschein nehmen kann - und den Flugverkehr behindern oder unterbrechen kann. Einfach eben zu zeigen, dass man da ist und sich bemerkbar macht.
SWR Aktuell: Das heißt, Sie sagen tatsächlich, das ist keine Spionage im klassischen Sinne, sondern Verunsicherung?
Hier geht es um die Aufmerksamkeit.
Theussen: Darum kann es natürlich auch gehen, sich die Lage der kritischen Infrastruktur nochmal genau anzuschauen und einzuprägen. Aber da gibt es auch andere Möglichkeiten. Und wenn man so sieht, wie jetzt in Dänemark die Drohnen zum Beispiel nachts mit Licht fliegen, das zieht ja Aufmerksamkeit auf sich. Hier geht es um die Aufmerksamkeit, so wie ich das sehe.
SWR Aktuell: Jetzt hat Dänemark ukrainische Soldaten eingeladen, die aus dem Krieg mit Russland wissen, wie man mit Drohnen umgeht, sie abwehrt. Was kann das konkret bringen?
Die Ukraine teilt Wissen über Drohnen, das sehr nützlich ist.
Theussen: Schon sehr viel, weil einfach die Erfahrungswerte sehr, sehr groß sind in der Ukraine. Die haben jetzt jahrelang Erfahrungen mit russischen Drohnen gemacht, haben auch Erfahrungen mit eigenen Drohnen und Drohnenabwehrsystemen.
Milliarden-Investitionen für Drohnen-Abwehr?
Das Interessante hier ist natürlich, dass die Technologie sich wahnsinnig schnell entwickelt in allen Richtungen: was die Drohnen angeht, was die Abwehrsysteme angeht, was die Drohnen für verschiedene Zwecke angeht, in verschiedenen Größen und Ähnlichem - und da kann die Ukraine natürlich Wissen teilen, das sehr nützlich ist.
SWR Aktuell: Was für eine Frage hätten Sie denn ans ukrainische Militär?
Theussen: Ich denke, das Interessante hier ist wirklich, wie man die Drohnenindustrie auf Vordermann bringt, wie man dafür sorgt, dass man halt diesen Innovationszyklus mitmachen kann, dass man eben nicht irgendwo auf einmal stehen bleibt. Wenn man jetzt eine Technologie einkauft, dann hat man diese Technologie, aber das nützt natürlich nichts, wenn diese Technologie in ein paar Monaten, vielleicht sogar ein paar Wochen, schon wieder veraltet ist. Und darum geht es: Wie sorgt man dafür, dass man praktisch immer up-to-date ist, und was kann man da lernen? Und wie kann man Zugang zu diesen Technologien bekommen? Da sind natürlich ukrainische Firmen zurzeit einfach wirklich Vorreiter.
Billig und tödlich – wie Drohnen den Krieg verändern
SWR Aktuell: Dänemark macht sich stark für eine wirksame Drohnenabwehr auch anderer EU-Staaten – für eine gemeinsame wirksame Drohnenabwehr. Haben Sie ganz konkret eine Sache, wo Sie sagen, das empfehle ich da auf jeden Fall, wenn ich mir angucke, wie es die Ukraine macht?
Theussen: Das ist eine gute Frage. Für mich ist der Zugang hier das Wichtigste - dass man da auf verschiedenen Ebenen ansetzt: Einerseits natürlich verhindert, dass aus Russland oder Weißrussland Sachen angeflogen kommen, wie wir es vor ein paar Wochen in Polen gesehen haben. Andererseits, dass man zuhause wirklich die kritische Infrastruktur besser rüstet. Da geht es darum, dass man die Drohnen entdecken kann. Und dann in der sozusagen zweiten Schritt geht es darum, dass man die Drohnen dann auch neutralisieren kann auf verschiedene Arten. Da gibt es verschiedene Technologien. Und eine Kombination von verschiedenen Technologien ist wahrscheinlich das, was hier notwendig ist.
Behörden müssen der Bevölkerung deutlich machen, dass man sowas nicht zu 100 Prozent verhindern kann
Aber für mich ist das Wichtigste tatsächlich, dass man sich selbst als Behörden und vielleicht auch der Bevölkerung doch deutlich macht, dass man nicht zu 100 Prozent sowas verhindern kann in der Zukunft. Es wird Drohnenflüge geben, es wird Cyberangriffe geben und Ähnliches. Und das Wichtige ist eigentlich, dass man Möglichkeiten findet, das zu hantieren so gut wie es geht, dass die Störungen halt minimal bleiben einfach.
SWR Aktuell: Wie könnte man das machen? Sie haben jetzt gerade neutralisieren gesagt, das heißt ja übersetzt abschießen, oder?
Theussen: Ja, das ist tatsächlich eine der Möglichkeiten. Man kann natürlich auch erstmal das Signal blockieren. Viele der normalen kommerziellen Drohnen werden, wenn das Signal blockiert wird, entweder landen oder dorthin zurückfliegen, wo sie hergekommen sind. Es gibt auch Möglichkeiten, wie man Drohnen mit anderen Drohnen bekämpfen kann, also versucht, sie aus der Luft zu holen, über Netze oder Ähnliches. Es gibt auch elektronische Möglichkeiten, die Drohne zu neutralisieren oder außer Gefecht zu setzen - oder eben dann das Abschießen.
SWR Aktuell: Täuscht jetzt mein laienhafter Eindruck, aber bislang erlebe ich wenig von Netzen oder dem Neutralisieren von Drohnen - oder erreicht uns das einfach nur nicht?
Theussen: Das ist auch eine gute Frage. Man erlebt das tatsächlich wenig. In Dänemark zum Beispiel hat man ja die Drohnen dann fliegen lassen. Und da war die Bewertung des Risikos, dass man gesagt hat, okay, die fliegende Drohne stört den Flugverkehr, aber sie ist keine Gefahr von sich aus. Aber wenn wir sie jetzt irgendwie aus der Luft holen, dann wissen wir nicht genau, fällt sie auf ein Haus, vielleicht fällt sie auf Passanten, vielleicht fällt sie auf ein Treibstofflager am Flughafen, was dann natürlich gleich ein größeres Risiko wäre als die Drohne an sich. Das ist zumindest die Erklärung, die die Behörden gegeben haben.
SWR Aktuell: Sie haben angesprochen, dass wir uns möglicherweise an solchen Drohnenüberflüge auch gewöhnen werden müssen. Geht es da tatsächlich darum, dass man nämlich das Instrument dieser Verunsicherung auch ganz einfach durch eine gewisse Resilienz ausschalten kann?
Theussen: Ja, schon. Ich denke, dass man da tatsächlich viel machen kann in dem Dialog zwischen der Regierung und der Bevölkerung, weil es hier genau eben darum geht, Unsicherheit zu schaffen. Es geht darum, Zweifel zu säen, ob die Behörden in der Lage sind, die Bevölkerung zu beschützen und Ähnliches. Und genau diese Angst sollte man der Bevölkerung nehmen. Und da, glaube ich, ist es wichtig, dass man einfach realistisch mit der Sache umgeht. Und bei Drohnen oder auch ähnlichen hybriden Aktivitäten ist es einfach so: Man braucht eigentlich nur eine Person an einem Ort mit entweder einer Drohne oder einem Schiff oder Ähnliches.
Und dann fliegt die Drohne über den Flughafen, oder das Kabel wird zerschnitten mit einem Anker oder Ähnliches. Es ist wahnsinnig schwer, dem komplett vorzubeugen. Und dementsprechend denke ich, dass das ein Teil des Gesprächs sein sollte. Diese Drohne, die über den Flughafen fliegt, ist natürlich nervig und eine Störung und frustrierend und kostet Geld. Aber es sieht doch von der Situation her einfach auch noch ganz anders aus als der Gebrauch der Drohnen in der Ukraine zum Beispiel, wo Krieg herrscht. Und ich glaube, es ist wichtig, das auch so anzusprechen.