SWR Aktuell: Warum kommt die ePA bei den Menschen nicht an?
Ramona Pop: Wir haben einen Verbraucheraufruf gestartet, die Zahlen ausgewertet, noch mal nachgefragt - und wir stellen fest: Die ePA ist durchaus bekannt. 90 Prozent der Menschen, das ist wirklich viel, kennen die elektronische Patientenakte. Allerdings, jetzt kommt der Dämpfer, nutzen das die allerwenigsten. 71 Prozent verwalten ihre ePA schlicht und einfach nicht aktiv. Ein kleiner Anteil hat sogar widersprochen. Das ist das Problem: Die Menschen melden uns, dass sie beispielsweise sehr hohe technische Hürden beim Zugang haben, dass es sehr viele unterschiedliche Apps der Krankenkassen gibt. Da scheint eine große Schwierigkeit zu sein, überhaupt erstmal reinzukommen.
SWR Aktuell: Das hier sagt Barbara Römer, die Vorsitzende des Hausärzteverbands Rheinland-Pfalz, sie hat ihre Praxis in Saulheim in Rheinhessen.
Barbara Römer: Sie müssen sich das so vorstellen, wir haben im Prinzip jetzt einen neuen digitalen Aktenschrank. Und eigentlich kennt man Aktenschränke mit vielen Fächern, die beschriftet sind, wo man genau weiß, was habe ich in welchem Fach abgelegt. Und ich habe auch eine Sortierung. Und im Moment ist die ePA einfach nur ein Riesenschrank, in den alles reingestapelt wird. Das heißt, je mehr wir dort hineinstapeln, umso schwieriger wird es dann auch, Befunde explizit und zielgerichtet zu finden. Und da hakt es noch unheimlich in der Ausgestaltung.
SWR Aktuell: Wenn selbst Hausärztinnen sagen, sie finden wichtige Befunde nicht schnell genug. Worin liegt denn dann der Vorteil für die Ärzte?
Der Impfpass muss da drin sein, der Mutterpass für Schwangere, das Bonusheft für den Zahnarztbesuch.
Pop: Den Vorteil für die Ärzte müssen die Ärzte natürlich selber erklären. Für die Patienten und Patientinnen ist die elektronische Patientenakte, wenn sie denn gut gemacht ist, tatsächlich ein großer Schritt. Die Zugänge müssen deutlich einfacher gestaltet werden, damit man überhaupt reinkommt. Und vor allem muss die elektronische Patientenakte auch sowas wie einen alltäglichen Mehrwert für die Menschen haben. Der Impfpass muss da drin sein, der Mutterpass für Schwangere, das Bonusheft für den Zahnarztbesuch. Das alles ist derzeit tatsächlich erstmal nicht vorgesehen. Nun kann man mit dem letzten MRT-Bild seiner Nebenhöhle vielleicht als Patient oder Patientin nicht ganz so viel anfangen. Die Ärzte können das schon. Auch da mit Blick auf die Ärzteschaft: die sind technisch durchaus gut ausgestattet. Die müssen diese Herausforderung der elektronischen Patientenakte auch annehmen, zum Wohl ihrer Patientinnen und Patienten, denn man verhindert eben zu viel Medikation, man verhindert Doppelbefunde und Doppeluntersuchungen, wenn sie wirklich gut läuft. Und das soll ja Sinn und Zweck der elektronischen Patientenakte sein: auch der Nutzen für Patienten und Patientinnen.
SWR Aktuell: Aber dafür muss man sich, wie Barbara Römer gesagt hat, in diesem unsortierten Aktenschrank erst mal zurechtfinden. Warum klappt das nicht?
Alle Ärzte können alles sehen – oder kein Arzt kann irgendwas sehen.
Pop: Offensichtlich ist es so oft, dass der erste Wurf technisch nicht gut funktioniert. Das schreckt dann ab, vor allem die Patienten und Patienten, die Schwierigkeiten haben reinzukommen. Es berichten Verbraucher und Verbraucherinnen auch, dass sie die Daten nicht fein einstellen können. Das heißt sozusagen alle Ärzte können alles sehen – oder kein Arzt kann irgendwas sehen. Das ist ein bisschen schwarz-weiß an der Stelle. Die Menschen wünschen sich ja zum Beispiel auch in diesem Aktenschrank, dass sie selbst auch gut sortieren können, um das Bild mal weiter zu benutzen, dass zum Beispiel nicht unbedingt jeder von einer Psychotherapie wissen muss. Wenn ich ein Knieproblem habe, was geht den Orthopäden das tatsächlich an oder meinen Zahnarzt? Diese etwas feinere und detailliertere Steuerung wünschen sich Patienten und Patientinnen auch. Und vor allem eben auch diesen Alltagsnutzen, dass man da einfach häufiger reinguckt, sich fragt: Wann ist mein nächster Impftermin eigentlich fällig? Wie viele Stempelchen habe ich jetzt im Bonusheft? Das sind die wichtigen Sachen, die jetzt kommen müssen. Das Gesundheitsministerium scheint dafür offen zu sein. Da muss nachgesteuert werden, vor allem von den Krankenkassen, die technischen Einbindungen, die Apps, so zu gestalten, dass die Menschen damit arbeiten können und auch öfter mal da reinschauen – und nicht die technischen Hürden so hochschrauben, dass es schwieriger ist, als sich ein Bankkonto mit allen Sicherungen einzustellen.
Jetzt ruft jeder „Haltet den Dieb!“ und zeigt auf den anderen.
SWR Aktuell: Wer trägt denn aus ihrer Sicht die Hauptverantwortung dafür, dass das alles nicht so rund läuft? Sind es die Krankenkassen? Sind es die Entwickler dieses ja wirklich langen Prozesses, die Ärzte - oder das Bundesgesundheitsministerium?
Pop: Alle so ein bisschen, muss man ehrlicherweise sagen, weil alle daran beteiligt waren, und jetzt ruft jeder „Haltet den Dieb!“ und zeigt auf den anderen. Das ist kein guter Umgang. Alle müssen sich jetzt zusammenreißen, im Sinne der Patienten und Patientinnen, und die elektronische Patientenakte verbessern. Sicherlich ist da viel Luft nach oben, gerade bei den Krankenkassen, bei den Apps, die sie da entwickelt haben. Aber das Gesundheitsministerium muss auch ermöglichen, dass besser gesteuert werden kann, welche Daten welcher Arzt überhaupt einsehen kann. Wie gesagt, der Alltagsnutzen muss einfach erkennbar sein für die Menschen. Dafür sind dann die Ärzte wiederum zuständig, diese Dinge auch in die elektronische Patientenakte mit reinzuladen.