Als Eduard Zimmermann 1976 in Mainz den Weißen Ring mitgründete, stellte er die Frage: "Alle jagen den Täter - wer bleibt beim Opfer?" Der Moderator der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY: Ungelöst" wollte nicht mit ansehen, wie sich bei einem Kriminalfall alles nur um den Täter dreht und das Opfer in Vergessenheit gerät.
Rund 50 Jahre später arbeitet Heinz Pollini in der Südpfalz genau an diesem Punkt. Der frühere Polizist leitet heute eine Außenstelle des Weißen Rings. Die Erfahrungen aus dem Polizeidienst prägen Pollinis heutige Arbeit. "Ich war ja selbst oft genug daran beteiligt: Der Täter wird festgenommen, bekommt etwas zu essen, kann den Anwalt anrufen. Und das Opfer steht alleine da", sagte er.
Sechs-Augen-Prinzip bei Gesprächen mit Betroffenen
Der Weiße Ring verstehe sich deshalb als "Lotse im System": Betroffene anhören (zum Beispiel über das Opfer-Telefon), ihnen glauben, Situationen ordnen und gemeinsam klären, welche Unterstützung möglich ist - bis hin zu Anträgen nach dem Opferentschädigungsgesetz, das heute Teil des sozialen Entschädigungsrechts ist.
Nach Angaben Pollinis hat sich mit der Zeit die Arbeit in seiner Außenstelle verändert. Bundesweit sei ein Sechs-Augen-Prinzip bei Gesprächen mit Betroffenen eingeführt worden, das bei ihm grundsätzlich gelte. Damit sollten Betroffene vor möglichen Übergriffen durch Helfende geschützt werden, zugleich diene es dem Eigenschutz der Ehrenamtlichen etwa bei Fällen häuslicher Gewalt oder Stalking.
Weißer Ring: Hilfe und Hoffnung Vom Opfer zur Helferin: "Kein Mensch hat verdient, was mir passiert ist"
Mareike Luisa Groß überlebte häusliche Gewalt und fand Unterstützung beim WEISSEN RING. Heute hilft sie anderen Betroffenen. Im Interview mit SWR Aktuell teilt sie ihre Geschichte.
Das Vorgehen helfe zudem den Ehrenamtlichen bei belastenden Gesprächen. Zwei Personen brächten mehr Wissen mit ein, viele Betroffene fühlten sich mit mehreren Ansprechpersonen wohler.
Fälle aus der Opferhilfe bleiben besonders in Erinnerung
Die Fälle häuslicher Gewalt haben in den letzten Jahren zugenommen. Da decken sich Pollinis eigene Beobachtungen mit den Zahlen der Kriminalstatistik. Auch Missbrauchsfälle seien beim Weißen Ring sehr häufig. Vergleichsweise selten meldeten sich dagegen Menschen nach Einbrüchen, obwohl auch sie Opfer von Kriminalität seien und teils über Jahre psychisch unter den Folgen litten.
Es gibt einige Fälle, die Pollini besonders im Kopf geblieben sind. Die Frau, die Gewalt durch Eltern, eine Nonne und andere Kirchenvertreter erlebt hatte und nach jahrelangem Kampf als Geschädigte anerkannt wurde. Oder das Mädchen, das auf dem Schulweg von einem vorbestraften Sexualstraftäter entführt wurde. Der Mann hatte sich geweigert eine elektronische Fußfessel zu tragen.
Steigende Fallzahlen beim Weißen Ring in der Südpfalz
Rund 100 Fälle pro Jahr bearbeitet Pollinis Außenstelle - mit steigender Tendenz. Gespräche dauerten teils anderthalb Stunden, erzählt er, so lange bis er sicher sei, dass es den Betroffenen nach dem Gespräch besser gehe. "Einfach bedingungslos erst mal da sein", beschreibt Pollini den Kern der ehrenamtlichen Arbeit. Eine Arbeit, die auch nach 50 Jahren nicht aufhört - und weiter Mitstreiter sucht.