Bahnchefin will mehr Sicherheit

"Plötzlicher Aktionismus": Wie Experten aus BW das Alkoholverbot an Bahnhöfen einschätzen

Die Bahn will an allen Bahnhöfen ein Alkoholverbot erlassen. Verbände und Experten zweifeln jedoch an der Umsetzung und Kontrolle - auch, weil Bahnhöfe immer unsicher seien.

Teilen

Stand

Von Autor/in Nicolas Friese

Die Deutsche Bahn plant an allen 5.400 Bahnhöfen in Deutschland ein Alkoholverbot. Dabei soll es untersagt sein, auf Bahnsteigen oder in Bahnhofshallen außerhalb der Bahnhofsgastronomie Bier, Wein, Schnaps oder anderen Alkohol zu trinken. Das bestätigte die Bahn.

Die Maßnahme soll demnach zum Schutz von Mitarbeitenden und Reisenden sein. "Wir wollen mehr Ordnung und Sicherheit auf unseren Bahnhöfen und in unseren Zügen", erklärte Bahnchefin Evelyn Palla. Deshalb komme jetzt das Alkoholverbot an Bahnhöfen. In Baden-Württemberg gibt es Kritik an der Maßnahme.

Das sagt der Fahrgastverband zum Alkoholverbot an Bahnhöfen

Am Dienstagvormittag erreicht man Joachim Barth, den Landesvorsitzenden des Fahrgastverbands Pro Bahn, erwartungsgemäß im Zug. Barth sagt, die Bahn müsse nach dem Unfall am vergangenen Wochenende, bei dem ein Fahrkartenkontrolleur bei einer Auseinandersetzung mit einem Fahrgast aus einem fahrenden Zug gestürzt ist, handeln.

"Ich habe den Eindruck, dass das aus einem plötzlichen Aktionismus heraus entsteht", sagt Barth. Klar, an etwa 30 Bahnhöfen in Deutschland gebe es bereits ein Alkoholverbot, an denen "die Erfahrungen auch recht gut waren." Trotzdem zweifelt Barth an der Umsetzung.

SWR-Bahnexperte Frieder Kümmerer sieht beim Alkoholverbot noch offene Fragen, etwa ob es auch in den Zügen eingeführt wird. Seine Einschätzung im Video:

In diesen Bahnhöfen gilt bereits Alkoholverbot

In Baden-Württemberg gilt bereits in sechs Bahnhöfen ein allgemeines Alkoholverbot. Wie eine Bahnsprecherin auf Anfrage mitteilte, ist der Konsum von Alkohol an den Bahnhöfen in Bruchsal (Kreis Karlsruhe), Emmendingen, Heidelberg, Heilbronn, Mannheim und Pforzheim untersagt.

"Die Ausweitung auf sämtliche Stationen, bis zum kleinsten Haltepunkt, kann letztlich nicht kontrolliert werden", sagt der Pro-Bahn-Landesvorsitzende. Nach Ansicht von Barth müsste man das Verbot konsequenterweise auch auf die Züge ausweiten. "Es gibt sicherlich noch ein paar offene Fragen, die geklärt werden müssen", so Barth.

Zum anderen sei es ohne zusätzliches Personal schwer durchzusetzen: "Ich glaube, konsequent zu kontrollieren und eine hundertprozentige Entfernung des Alkohols von Bahnhöfen und Zügen wird nicht möglich sein." Laut Bahnchefin Evelyn Palla soll das Verbot bis Mitte Oktober in allen Bahnhöfen eingeführt werden.

Polizei zweifelt an Umsetzbarkeit von Alkoholverbot

Auch die Gewerkschaft der Polizei zweifelt an der Umsetzbarkeit des Plans. Wie der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Alexander Poitz, den Sendern RTL und ntv sagte, halte er das Alkoholverbot für "gerechtfertigt". Doch zum einen müsste das Verbot auch in den Zügen gelten.

Auf Anfrage des SWR sagte die Bundespolizei, dass Verstöße gegen das von der Bahn erlassene Alkoholverbot durch den Hausrechtsinhaber, also die Bahn, geahndet werden. Über von der Bahn getroffene Entscheidungen werde man sich nicht äußern, so die Bundespolizei. Wer die Maßnahme letztendlich umsetzen wird, ist noch unklar.

Forscherin ordnet ein: Alkoholverbot bringt nichts

Laut Rita Haverkamp, Professorin für Kriminalprävention und Risikomanagement an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, hat Alkohol eine enthemmende Wirkung, die sicherlich das Sicherheitsempfinden der Mitmenschen in öffentlichen Räumen beeinträchtigt. "Wenn Sie einer Gruppe Betrunkener begegnen, wechseln Sie vermutlich die Seite", sagt Haverkamp im Gespräch mit dem SWR. Ob das Alkoholverbot für mehr Sicherheit sorgen wird, bezweifelt Haverkamp: "Das liegt an der Natur der Bahnhöfe."

Denn Bahnhöfe seien so konzipiert, dass sie bei vielen Unsicherheiten auslösen würden. "Tagsüber begegnen Sie vielen Menschen, zu Stoßzeiten herrscht ein Gedränge - nachts ist es oft leer und verlassen, was auch für Unsicherheitsgefühle sorgt", so die Forscherin. Die vielen Verspätungen würden eine große Rolle spielen, da sich die Wartezeiten in den Bahnhöfen verlängern und Fahrgäste unter Umständen verunsichert sind, wann denn ihre Bahnreise weitergeht.

Diese Rolle spielen Verspätungen bei Sicherheit in Bahnhöfen

Denn wegen der immer häufig verspäteten Züge verbringen Menschen mehr Zeit an Bahnhöfen. "Klar ist auch, dass Sie sich an Orten, die Sie nicht kennen, unsicherer als an bekannten Orten fühlen, sagt Haverkamp. Bahnhöfe seien, so sagt es Haverkamp, Mobilitätsbrennpunkte, an denen sich ganz unterschiedliche Menschen treffen würden, "die sich normalerweise nicht über den Weg laufen und auch nicht unbedingt über den Weg laufen wollen."

Eine Möglichkeit, das Sicherheitsempfinden an Bahnhöfen zu stärken, ist laut Haverkamp Sauberkeit. "Die Bahn hat in den vergangenen Jahren eine Offensive gestartet, die auch die Züge betrifft."

Freiburg im Breisgau

Ermittlungen gegen Bahn-Mitarbeiter Nach Entgleisung nahe Freiburger Hauptbahnhof: Zugverkehr läuft wieder an

Am Mittwochmittag war die Rheintalbahn in Richtung Süden wegen einer entgleisten S-Bahn nahe des Freiburger Hauptbahnhofs gesperrt. Nun können die Züge wieder am Bahnhof halten.

SWR4 am Nachmittag SWR4

Stuttgart

Neuer Kostenrahmen von 14,5 Millionen Euro Bahn stellt neuen Zeitplan für Stuttgart 21 vor und äußert sich zu Pannen

Die Bahn will heute im Lenkungskreis erläutern, wann S21 in Betrieb gehen soll. Neben den Gründen für die erneute Verzögerung könnte der neue Kostenrahmen vorgestellt werden.

Stuttgart

S21-Eröffnung erst 2031 Recherche des SWR: Bahn hat bei Stuttgart 21 kilometerweise falsche Kabel verlegt

Um den Eröffnungstermin von S21 zu halten, hat die Bahn in der Hektik falsche Kabel verlegt - und kann nun erst 2031 den Bahnhof in Betrieb nehmen. Hinzu kommen weitere Gründe.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Nicolas Friese
SWR-Redakteur Nicolas Friese.

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!