"Ich bin froh, wenn ich abends heil nach Hause komme und nicht bespuckt oder bepöbelt wurde", sagt Zugbegleiterin Michaela Kettner. Damit ist sie nicht alleine. Auch Rettungskräfte, Behörden und Kliniken sind in Alarmbereitschaft wegen der zunehmenden Bedrohung im Miteinander.
Kliniken melden mehr Gewalt
Eine Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts ergab, dass in 66 Prozent der Krankenhäuser die Übergriffe mäßig oder deutlich gestiegen seien. 95 Prozent davon in Notaufnahmen. Als eine der Hauptursachen nennen die Krankenhäuser allgemeinen Respektverlust. Das zeigt auch ein Fall aus dem Krankenhaus in Alzey im vergangenen Jahr.
Ein Patientenbegleiter wurde aufgefordert, die Klinik zu verlassen. Doch statt zu gehen, warf er Steine gegen Türen und Fenster der Notaufnahme. Zwei Mitarbeiter flohen aus dem ersten Stock. "Gewalt und inakzeptables Verhalten findet an vielen Stellen statt, leider Gottes, und kann von verbalen Übergriffen über Sachbeschädigung bis hin zu körperlicher Gewalt reichen", sagt der Verwaltungsdirektor der Klinik, Frank Müller. Das Kreiskrankenhaus Alzey arbeitet jetzt enger mit der Polizei zusammen. Gemeinsam schauen sie sich die Räume an und helfen, zum Beispiel Türen sicherer zu machen. Es gibt jetzt ein neues festes Telefon auf der Station, um schnell Hilfe zu holen. Zudem werden Mitarbeiter geschult, um Streit zu beruhigen.
Gewalt und Beleidigungen auch in den Behörden in Rheinland-Pfalz
Ebenso merken die Beschäftigten in den rheinland-pfälzischen Verwaltungen, dass der Ton rauer geworden ist - vor allem dort, wo täglich viele Menschen vorsprechen. In Ordnungsämtern, Zulassungsstellen oder Ausländerbehörden häufen sich nach Angaben der Kommunen Beleidigungen und Drohungen. Im Donnersbergkreis ist laut Kreisverwaltung eine Mitarbeiterin für mehrere Wochen ausgefallen, nachdem sie bedroht worden ist.
Körperliche Angriffe bleiben meist die Ausnahme, kommen aber vor: In Ludwigshafen meldete die Stadt im vergangenen Jahr vier Fälle, im Landkreis Vulkaneifel wurden sogar zwei vom Jugendamt beauftragte Fachkräfte attackiert. Viele Behörden setzen deshalb inzwischen auf Schulungen, Sicherheitspersonal und sogenannte "stille Alarme", damit die Mitarbeitenden im Notfall schnell Hilfe rufen können.
Feuerwehr: "Man wird angepöbelt, beschimpft und körperlich angegangen"
Auch Feuerwehrkräfte erleben zunehmend Gewalt, berichtet Ullrich Bohland. Seit fast 30 Jahren ist er Feuerwehrmann in Mainz und bei der Gewerkschaft ver.di. In dieser Funktion spricht er offen: "Man wird angepöbelt, man wird beschimpft und körperlich angegangen." Einmal sei ein Löschfahrzeug mit Pflastersteinen beschmissen worden.
Am schlimmsten treffe es aber Einsatzkräfte, die Rettungswagen fahren, denn die hätten engen Kontakt zu den Angehörigen, so Bohland. "Die Angehörigen glauben, man würde sich nicht richtig kümmern. Und dann geht auch Gewalt von Angehörigen aus." Gewalt habe es schon in den 90ern gegeben. Aber sie nehme immer weiter zu, so Bohland.
Beim Dienstantritt weiß ich, es wird eine Situation geben, in der ich beleidigt werde oder mich unwohl fühle.
Polizeigewerkschaft Rheinland-Pfalz warnt vor Respektverlust
Noriko Nagy, die Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft in Rheinland-Pfalz betont, dass Übergriffe auf Polizeibeamte alltäglich seien - von Beleidigungen bis hin zu tätlichen Angriffen mit körperlichen und seelischen Folgen. "Beim Dienstantritt weiß ich: Es wird eine Situation geben, in der ich beleidigt werde oder mich unwohl fühle - auch als Mensch in Uniform. So geht es auch vielen Kollegen."
Diese Gewalt komme aus allen Gesellschaftsschichten, ohne klares Täterprofil, und werde ihrer Meinung nach durch gesellschaftliche Veränderungen wie Bildungsdefizite, eine schnelllebige Welt und einseitige Darstellungen von Polizeiarbeit in sozialen Medien angeheizt. Vor allem sinke der Respekt vor Einsatzkräften, was zu einer Zunahme der Aggressionen führe. Nagy wünscht sich mehr Unterstützung und politischen Rückhalt: "Nicht nur warme Worte nach schweren Einsätzen wie beim Zugbegleiter, sondern echte Maßnahmen zur Verhinderung."
In Zug randaliert Angriff auf Zugbegleiter: Verdächtiger offenbar schon vorher auffällig
Der tödliche Angriff auf einen Schaffner bei Landstuhl hat bundesweit für Entsetzen gesorgt. Jetzt wurde bekannt, dass der Verdächtige offenbar schon vorher einen Polizeieinsatz ausgelöst hatte.
Tödlicher Angriff in Bahn in Rheinland-Pfalz: Schaut die Politik jetzt hin?
Zumindest für Bahnpersonal gibt es jetzt einen großen Sicherheitsgipfel in Berlin, nachdem ein Zugbegleiter in Rheinland-Pfalz tödlich angegriffen wurde. Zugbegleiterin Kettner unterstützt die jüngste Forderung nach freiwilligen Bodycams. "Sie müssen sich vorstellen, wenn der Zug extrem voll ist, und Sie laufen da durch eine Menschenmenge", sagt sie. Man wüsste nicht wer, wo, was, warum oder ob jemand etwas aus der Tasche holt. Besonders für Frauen sei das schwierig. "Wir sind schon froh, wenn wir mal zu zweit im Zug sind, wenn zum Beispiel der Kollege eine Teilstrecke mitfährt." Deshalb unterstützt sie besonders die Forderung nach mehr Personal. Und sie wünscht sich mehr Respekt.