Immer mehr Menschen erzeugen Strom durch Balkonkraftwerke - auch in Baden-Württemberg boomen die kleinen Solaranlagen. Bei der Bundesnetzagentur sind deutschlandweit derzeit mehr als eine Million Stück gemeldet. Allein in Baden-Württemberg gibt es etwa 130.000 der Steckerkraftwerke. Damit liegt das Bundesland auf Platz 3 hinter Nordrhein-Westfalen (200.000) und Bayern (150.000). Zum Vergleich: Anfang vergangenen Jahres waren in Baden-Württemberg insgesamt etwa 45.200 Stück in Betrieb.
Allerdings ist nach Angaben des BW-Umweltministeriums davon auszugehen, dass nicht alle Balkonkraftwerke gemeldet wurden - und es eigentlich mehr gibt. Sebastian Müller vom Freiburger Verein Balkon.Solar schätzt gegenüber dem SWR die tatsächliche Zahl der im Land installierten Anlagen drei- bis viermal höher ein. Demnach liege die Zahl der Balkonkraftwerke in Baden-Württemberg zwischen 300.000 und 500.000.
Umweltministerium: Mieter können an Energiewende mitwirken
In Bezug auf die Anzahl pro Haushalt hinkt Baden-Württemberg dem Bundesdurchschnitt leicht hinterher. Pro 1.000 Haushalte gibt es hier etwa 24 Anlagen, deutschlandweit sind es 25 Balkonkraftwerke. Spitzenreiter ist Niedersachsen. Hier kommen auf 1.000 Haushalte knapp 34 Anlagen, Rheinland-Pfalz folgt mit knapp 31.
Aus Sicht des Umweltministeriums ist ein Vergleich jedoch nicht aussagekräftig. Die Bundesländer haben unterschiedliche Gegebenheiten wie etwa Fläche, Einkommen oder Bevölkerungsdichte, teilte eine Sprecherin auf SWR-Anfrage mit. Außerdem: In Baden-Württemberg seien bereits viele Photovoltaik(PV)-Dachanlagen verbaut - nicht zuletzt aufgrund der seit 2022 geltenden PV-Pflicht bei Neubauten. Wer eine PV-Anlage auf dem Dach habe, sehe unter Umständen weniger Handlungsbedarf hinsichtlich eines zusätzlichen Steckersolargeräts.
Der Beitrag, den Steckersolargeräte zur Verringerung der Treibhausgasemissionen leisten, ist nach Angaben des Ministeriums gering. Trotzdem können dadurch zum Beispiel Mieterinnen und Mieter sowie Wohnungseigentümer und Wohnungseigentümerinnen ohne viel Aufwand und hohe Kosten "an der Energiewende mitwirken", so die Sprecherin weiter. Wer ein Balkonkraftwerk betreibe, werde in den meisten Fällen mit mehr Engagement seinen Energieverbrauch beobachten und reduzieren und entwickle eine größere Akzeptanz gegenüber der Energiewende.
Förderung von Kommunen in Baden-Württemberg
Der Boom geht vor allem auf stark gestiegene Strompreise nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine zurück. Günstigere Anlagen, aber auch vereinfachte Regeln und der Verkauf durch große Handelsketten treiben das Wachstum zusätzlich an. Beispielsweise muss, wer sich ein Balkonkraftwerk zulegt, dieses seit April 2024 nicht mehr beim Netzbetreiber anmelden, es genügt eine Auskunft an die Bundesnetzagentur. Die Inbetriebnahme wurde zudem mit einer Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im vergangenen Jahr technisch einfacher. Verbraucher können seitdem übergangsweise ihre alten Stromzähler behalten, statt für das Balkonkraftwerk einen neuen digitalen Stromzähler einzubauen.
Aus Sicht von Sebastian Müller vom Verein Balkon.Solar ist die Inbetriebnahme durch Mieterinnen und Mieter insbesondere bei kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsgesellschaften aber nicht immer einfach möglich. Hier verhinderten Auflagen teilweise die Nutzung, so Müller.
Vom Land Baden-Württemberg werden Balkonkraftwerke zwar nicht gefördert, dafür aber von einigen Kommunen, wie etwa Ludwigsburg, Aalen (Ostalbkreis), Friedrichshafen (Bodenseekreis) oder Lörrach.