Knapp fünf Monate vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg schmilzt der Vorsprung der CDU, sie bleibt aber mit Abstand stärkste Kraft. Die AfD gewinnt hinzu und liegt erstmals vor den Grünen. Das hat eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap im Auftrag des Südwestrundfunks (SWR) und der "Stuttgarter Zeitung" ergeben.
Eine Mehrheit der Wahlberechtigten im Land wünscht sich, dass die CDU die nächste Landesregierung anführt, obwohl Spitzenkandidat Manuel Hagel nur wenigen bekannt ist. Am wahrscheinlichsten ist momentan eine schwarz-grüne Koalition. Derzeit regieren die Grünen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit der CDU als Juniorpartner.
- Sonntagsfrage zur Landtagswahl 2026 in BW mit Koalitionsrechner
- Welche Partei soll die nächste BW-Landesregierung anführen?
- Wie zufrieden sind die Menschen mit der Landesregierung?
- Özdemir oder Hagel - wer ist beliebter?
- Wie zufrieden sind die Menschen mit den Politikern?
- Welcher Partei trauen die Wähler zu, die wichtigsten Aufgaben zu lösen?
- Welche Probleme sind den Menschen in BW am wichtigsten?
- Soll es mehr Sozialausgaben geben?
Sonntagsfrage: Großer Vorsprung der CDU schrumpft seit einem Jahr
Wenn an diesem Sonntag Landtagswahl wäre, käme die CDU auf 29 Prozent, ein Minus von 2 Prozentpunkten im Vergleich zum letzten BW-Trend im Mai. Das Polster auf die Verfolger von AfD und Grünen ist mit acht und neun Punkten zwar noch komfortabel, aber es wird kleiner. Seit Anfang 2024 erreichte die Union immer einen Wert von über 30 Prozent und hatte einen Vorsprung von mindestens zehn Punkten vor den Grünen. Vor einem Jahr - auf dem Höhepunkt der Krise der Ampel-Bundesregierung - lagen die Christdemokraten mit 34 Prozent sogar 16 Punkte vor den Grünen und 18 Punkte vor der AfD. Seit die CDU mit Kanzler Friedrich Merz im Bund an der Macht ist, hat der Rückenwind aus Berlin für die Landespartei merklich nachgelassen.
AfD BW nicht ganz so stark wie Bundespartei
In der neuen Umfrage gewinnt die AfD, die in Baden-Württemberg als rechtsextremistischer Verdachtsfall gilt, zwei Punkte hinzu und liegt nun mit 21 Prozent erstmals auf Rang zwei. Das ist der höchste Wert, der jemals von Infratest dimap für die AfD BW gemessen wurde. Allerdings liegt der Landesverband damit noch ein Stück hinter der Bundespartei, die derzeit auf 26 Prozent kommt und sich damit auf Augenhöhe mit der CDU befindet. In Berlin ist die AfD seit der Bundestagswahl im Februar stärkste Oppositionskraft, in Baden-Württemberg ist sie noch die kleinste Fraktion im Landtag. Der Vorteil der AfD scheint derzeit zu sein, dass vor allem sie in Umfragen profitiert, wenn die schwarz-rote Bundesregierung Fehler macht.
Özdemir kann Grüne bisher nicht nach oben ziehen
Die Grünen von Spitzenkandidat Cem Özdemir würden unverändert 20 Prozent erreichen. Dass die Ökopartei in Baden-Württemberg mal nur auf Rang drei in den Umfragen lag, ist schon lange her. 2011 rangierte die SPD kurz vor der Landtagswahl noch vor den Grünen, jetzt ist es die AfD. Von ihrem Rekordergebnis von 32,6 Prozent bei der Landtagswahl 2021 mit Kretschmann als Zugpferd sind die Grünen weit entfernt. Die Zustimmungswerte sind aber schon länger im Sinkflug, was auch mit der grünen Beteiligung an der Ampel zu tun hatte.
Es ist aber auch schon länger klar, dass Kretschmann 2026 nicht noch einmal als Spitzenkandidat antritt. Als der damalige Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir im Oktober 2024 ankündigte, die Grünen in die Landtagswahl zu führen, ging es ein kleines Stück nach oben. Aber seit Mai liegt die Partei nun bei 20 Prozent und damit immerhin 8 Punkte über dem Wert der Bundespartei. Die Hoffnung der Grünen: Ein halbes Jahr vor der Landtagswahl im Frühjahr 2016 lagen sie 13 Punkte hinter der CDU und gewannen am Ende noch. Die bange Frage bei den Grünen ist nur: Schafft Özdemir, was Kretschmann gelungen ist?
Linke zieht es im Sog des Bundes nach oben
Hinzu kommt, dass die Linke den Grünen Stimmen abnehmen könnte. Die Linke liegt in der aktuellen Umfrage bei 7 Prozent und würde damit erstmals in den BW-Landtag einziehen. Sie profitiert dabei offenbar vom Hoch der Bundespartei, die sogar 10 Prozent erreicht. Bei den Grünen wird befürchtet, dass vor allem junge Wählerinnen und Wähler bei den Linken ihr Kreuz machen könnten. Durch das neue Wahlrecht können zum ersten Mal auch Jugendliche ab 16 Jahre bei der Landtagwahl ihre Stimme abgeben.
SPD und FDP verharren auf niedrigem Niveau
Die SPD verharrt mit 10 Prozent auf niedrigem Niveau - sie regiert im Bund mit der Union und rangiert auch dort nur um die 14 Prozent. Die FDP kann ihr Ergebnis von 5 Prozent aus der Umfrage im Mai halten und würde es knapp wieder in den Landtag schaffen. Damit können sich die Liberalen in ihrem Stammland Baden-Württemberg ein wenig vom Bundestrend absetzen. Dort liegt die FDP nach ihrem Rauswurf aus dem Bundestag bei 3 Prozent. Das BSW würde mit 3 Prozent an der 5-Prozent-Hürde scheitern. Zum Vergleich: Bei der Landtagswahl im März 2021 hatten die Grünen 32,6 Prozent erreicht, die CDU kam auf 24,1 Prozent, die SPD schaffte 11,0, die FDP 10,5, die AfD 9,7 Prozent und die Linke 3,6 Prozent. Das BSW wurde erst Anfang 2024 gegründet und nimmt somit zum ersten Mal an einer Landtagswahl in Baden-Württemberg teil.
Die meisten wollen CDU-geführte Landesregierung
Nachdem die Grünen und Kretschmann nun seit fast 15 Jahren an der Macht sind, gibt es in Baden-Württemberg offensichtlich den sichtbaren Wunsch nach einem Parteiwechsel an der Spitze der Regierung. 40 Prozent der Befragten würden eine CDU-geführte Landesregierung bevorzugen - das sind etwas weniger als noch im Mai (minus 2 Punkte). Dagegen hätten unverändert 29 Prozent lieber weiter einen Grünen in der Regierungszentrale. Eine Landesregierung unter Führung der AfD favorisiert gut ein Fünftel der Bürgerinnen und Bürger (21 Prozent, ein Plus von 2 Punkten).
Schwarz-Grün derzeit wahrscheinlichste Variante
Derzeit wäre eine schwarz-grüne Landesregierung die wahrscheinlichste Variante. CDU und Grüne kämen zusammen auf eine Mehrheit von 49 Prozent - AfD, SPD, Linke und FDP rechnerisch nur auf 43 Prozent. Eine Deutschland-Koalition aus CDU, SPD und FDP hätte dagegen keine Mehrheit. Die drei Parteien hätten zusammen 44 Prozent - AfD, Grüne und Linke kämen theoretisch gemeinsam auf 48 Prozent. Da niemand mit der AfD regieren möchte, kämen andere Koalitionen derzeit nicht infrage.
Befragte eher unzufrieden mit Landesregierung
Gegen Ende der Legislaturperiode sinkt die Zufriedenheit mit der aktuellen Landesregierung. Nur noch 48 Prozent sind mit ihrer Arbeit "sehr zufrieden" oder "zufrieden". Das sind 8 Punkte weniger als noch im Mai.
Özdemir läge bei Direktwahl noch deutlicher vor Hagel
Beim Personal ist die CDU noch klar im Nachteil, was vor allem an der Bekanntheit von Özdemir liegt. Wenn die Menschen im Land ihren Ministerpräsidenten direkt wählen könnten, würden sich 41 Prozent für den früheren grünen Bundeslandwirtschaftsminister entscheiden. Nur 17 Prozent würden CDU-Landes- und Fraktionschef Manuel Hagel vorziehen. Der Abstand hat sich nochmal um drei Punkte vergrößert im Vergleich zum vergangenen BW-Trend. Markus Frohnmaier von der AfD wünschen sich 8 Prozent als Ministerpräsidenten.
Özdemir weiter deutlich bekannter und beliebter als Hagel
Özdemir profitiert laut Infratest dimap davon, dass er bekannter ist als alle anderen Spitzenkandidaten. 46 Prozent sehen seine Arbeit positiv, er verliert hier zwei Punkte im Vergleich zum Mai. Mit der Arbeit von Ministerpräsident Winfried Kretschmann sind immer noch mit Abstand am meisten Menschen in Baden-Württemberg sehr zufrieden oder zufrieden (61 Prozent).
Dem CDU-Landes- und Fraktionsvorsitzenden Hagel ist es nicht gelungen, bekannter zu werden. Er überzeugt aktuell nur 19 Prozent, verliert sogar 2 Punkte. Dahinter kommen SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch, der 16 Prozent erhält (minus 1 Punkt) und der FDP-Vormann Hans-Ulrich Rülke mit 12 Prozent (minus 1 Punkt). Den letzten Platz in der Umfrage belegt AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier. 10 Prozent der der Befragten zeigten sich "sehr zufrieden" oder "zufrieden" mit der Arbeit des Landesparteichefs, das sind zwei Punkte mehr als noch im Mai.
Vertrauen in Fachkompetenz sinkt bei CDU und Grünen
Das Vertrauen in die Fachkompetenz der CDU BW ist im Vergleich zur letzten Umfrage deutlich gesunken. Hier überzeugt sie noch 26 Prozent und damit ein Viertel der Menschen, die wichtigsten Aufgaben zu lösen (minus 8 Punkte). Auch die Grünen fallen hier weiter zurück (14 Prozent und minus 2 Punkte). Sie liegen damit hinter der AfD (17 Prozent, plus 4 Punkte), die damit so gut abschneidet wie noch nie. Der SPD trauen 7 Prozent zu, die wichtigsten Aufgaben in Baden-Württemberg zu lösen, der Linken 5 Prozent (plus 2 Punkte) und FDP und BSW jeweils 3 Prozent (jeweils plus 1 Punkt).
Zuwanderung bleibt mit Abstrichen wichtigstes politisches Problem
Die Zuwanderung bleibt für ein Viertel der Menschen in Baden-Württemberg das wichtigste Problem, das die Politik lösen soll. Allerdings spielt die Migration nicht mehr die zentrale Rolle wie noch im Frühsommer. Für gut ein Fünftel zählt die Bildung zu den wichtigsten Aufgaben. Die Lage der Wirtschaft beschäftigt ebenfalls jeden Fünften. Nach dem von Bosch und anderen Unternehmen aus der Autobranche angekündigten Job-Abbau ist auch die Situation am Arbeitsmarkt etwas stärker in den Fokus gerückt als zuletzt. Sie treibt jeden Zehnten um. Auch die Mobilität wird von mehr Menschen als problematisch angesehen (16 Prozent, plus 5 Punkte).
Mehrheit für weniger Ausgaben beim Bürgergeld
In der Umfrage wurde auch exklusiv für den SWR die Reformbereitschaft der Menschen abgefragt. Kanzler Merz hatte einen "Herbst der Reformen" ausgerufen. Nach wochenlangen Verhandlungen haben sich die Spitzen von Union und SPD auf Verschärfungen beim Bürgergeld geeinigt. Die Union verspricht sich dadurch auch Einsparungen. In Baden-Württemberg befürworten 63 Prozent der Menschen, weniger für das Bürgergeld auszugeben.
Bei weiteren Sozialausgaben ist das anders. Für die Pflege alter und kranker Menschen wollen 72 Prozent mehr Geld ausgeben, bei der Gesundheitsversorgung sind es 61 Prozent. Auch bei Renten und Pensionen wünschen sich 48 Prozent, dass die Politik mehr Geld in die Hand nimmt. 41 Prozent sind dafür, es bei dem Niveau zu belassen.