Enttäuschung und Wut bei Mitarbeitenden

Cellforce in Kirchentellinsfurt: Porsche will eigene Batteriezellenproduktion streichen

Der Sportwagenbauer Porsche schließt seine Batteriezellfertigung in Kirchentellinsfurt. Bei Cellforce soll es nur noch um Forschung und Entwicklung von Batteriezellen gehen.

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Von Autor/in Thorsten Weik

Porsche will sich nun nur noch auf die Entwicklung von Batteriezellen und Batteriezellsystemen konzentrieren. "Eine eigene Fertigung von Batteriezellen verfolgt Porsche aus Volumengründen und fehlenden Skaleneffekten nicht weiter", sagte Porsche-Chef Oliver Blume am Montag. Der Markt für elektrische Fahrzeuge weltweit habe sich nicht so entwickelt wie angenommen. Das Unternehmen veröffentlichte eine entsprechende Pressemitteilung.

Entwicklungschef Michael Steiner sagte, ursprünglich sei die Fabrik in Kirchentellinsfurt (Kreis Tübingen) als "Anlauffabrik" mit einem Produktionsvolumen von etwa einer Gigawattstunde im Jahr geplant gewesen. Später hätte es eine Skalierung an einem zweiten Standort geben sollen. "Das ist aus heutiger Sicht nicht realistisch."

Kritik der IG Metall an den Porsche-Plänen

Porsche plant daher, Stellen abzubauen. Dem Unternehmen zufolge soll das sozialverträglich passieren. Außerdem gebe es für einige Betroffene die Perspektive, zum Unternehmen PowerCo zu wechseln - dem Batteriekompetenzzentrum des Volkswagenkonzerns.

Die Gewerkschaft IG Metall kritisierte den Schritt und forderte einen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen vor Abschluss der Betriebsratswahlen Mitte September. Der Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Reutlingen-Tübingen, Kai Lamparter, schrieb in einem Brief an das Porsche-Spitzenmanagement, die vorzeitige und übereilte Entlassung der Mitarbeiter sei der falsche Weg.

Gewerkschaft: Einige Kündigungsschreiben schon eingegangen

Stattdessen müssten Lösungen gesucht werden, welche die Zukunft des Standortes ermöglichten, die sich alle Beteiligten erwartet hätten. Die IG Metall fordert, Porsche dürfe die Zukunft der Batteriezellproduktion in Kirchentellinsfurt nicht verspielen.

Die Gewerkschaft befürchtet, dass 200 der insgesamt 286 Beschäftigten ihre Jobs verlieren könnten. Nach Angaben eines Sprechers sollen einige Beschäftigte bereits am Montag eine Kündigung per Post erhalten haben. Der Konzern selbst wollte sich gegenüber dem SWR nicht festlegen, wie viele Beschäftigte von Entlassungen betroffen sind, dementierte die von der Gewerkschaft ins Spiel gebrachte Zahl allerdings nicht.

IG-Metall kritisiert Porsches Vorgehen bei den Kündigungen

Am Tag nach der Betriebsversammlung bezeichnetet Lamparter gegenüber dem SWR den Umgang von Porsche mit den Mitarbeitenden des Batteriezellunternehmens Cellforce als dilettantisch und übereilt. Mitten in der Urlaubszeit würden die Kündigungsschreiben zugestellt, Beschäftigte im Urlaub könnten so teilweise erst spät oder zu spät darauf reagieren.

Außerdem habe Porsche angekündigt, am Donnerstag Gespräche anzubieten und erst danach die Kündigungen zu verschicken. Laut Gewerkschaft wurden jedoch schon viele Kündigungen per Kurier den Mitarbeitenden nach Hause gebracht.

Porsche hatte in einer Pressemitteilung angekündigt, eine "Sozialverträgliche Begleitung des Personalabbaus" anzubieten. Laut Gewerkschaft werde in den Kündigungen eine Abfindung angeboten, aber nur bei Verzicht auf rechtliche Schritte.

Mit einer Protestaktion hatten Beschäftigte der Cellforce Group gemeinsam mit der IG Metall am Montag Morgen gegen die Pläne demonstriert. Anschließend gab es eine Betriebsversammlung.

Beschäftigte der Porsche-Tochter Cellforce protestieren gegen einen möglichen Stellenabbau.
Beschäftigte der Porsche-Tochter Cellforce protestieren gegen einen möglichen Stellenabbau.

Protestaktion vor der Betriebsversammlung

Die Stimmung unter den Mitarbeitenden bei Cellforce war am Montag Vormittag gedrückt. Viele sind enttäuscht, wütend und verunsichert. Ein Teilnehmer der Betriebsversammlung berichtete im Anschluss, einige Kolleginnen seien in Tränen ausgebrochen: "Eine lange Zeit der Anstrengung wird jetzt einfach abgebrochen."

Alle sind enttäuscht, wütend und sauer. Es hat sich bestätigt, was wir durch die Medien mitbekommen haben. Durch die Geschäftsleitung haben wir nichts mitbekommen. Im Urlaub mussten wir erfahren, dass wir demnächst arbeitslos werden.

Für die Beschäftigten galt das Batteriezellunternehmen Cellforce eigentlich als Zukunftsprojekt, das jetzt plötzlich fast komplett geschlossen werden soll.

Die Porsche-eigene Batterieproduktion in Baden-Württemberg ist damit offenbar nach nur vier Jahren gescheitert. Bereits im April hatte der Sportwagenbauer Veränderungen bei Cellforce angekündigt. Details wurden damals nicht genannt.

Batterieproduktion in BW mit öffentlichen Subventionen - gescheitert?

Zum Start vor vier Jahren galt Cellforce noch als Hoffnungsträger für die Batterieproduktion in Baden-Württemberg. Eine Entwicklung bis zur Serienreife ist jedoch gescheitert. Mit Cellforce wollte Porsche die eigenen E-Modelle voranbringen und international konkurrieren.

Ein Rückschlag für Porsche und ein Politikum: Denn die öffentliche Hand hat das Projekt mit einer zweistelligen Millionensumme unterstützt. Das Land Baden-Württemberg hat bislang rund 14 Millionen Euro an Fördermitteln an Cellforce ausgezahlt, weitere rund drei Millionen sind laut Finanzplan bis zum Ende der Laufzeit als Kofinanzierung vorgesehen. Die Gesamtförderung aus Landes- und Bundesmitteln beläuft sich auf rund 56,7 Millionen Euro. 

Landesregierung: Geplanter Stellenabbau bei Porsche-Tochter "sehr bedauerlich"

Entsprechend enttäuscht fiel am Montag die Reaktion aus der Landesregierung aus. Ein Sprecher teilte mit, der Stellenabbau sei "bitter und bedauerlich" für die Betroffenen. Herausfordernde Rahmenbedingungen wie die hohen Energiepreise und die geopolitischen Spannungen hätten dazu geführt, dass die Investition in die Schlüsseltechnologie der Batterieproduktion nun zurückgenommen werde.

Hoffnung setzt die Landesregierung auf den geplanten Innovationsfonds der EU, der innovative Batterieprojekte mit fast einer Milliarde Euro fördern soll. So könne doch noch eine wettbewerbsfähige Batterieproduktion entstehen.

Rückschlag für Transformation von Porsche

Für den Sportwagenbauer und für den Automobilstandort Deutschland ist das ein weiterer Rückschlag bei der Transformation hin zu E-Mobilität. Vor etwa vier Jahren war man mit Cellforce mit den größten Ankündigungen gestartet. Mit der Fertigung sollten Hochleistungsbatterien für die E-Auto-Flotte von Porsche "Made in Germany" entstehen. Im Geschäft mit dem E-Antriebsstrang wollte Porsche international konkurrenzfähig werden.

Davon ist wenig übriggeblieben. Für Fachleute kommt dieser Rückzug allerdings wenig überraschend. Denn das Marktumfeld bei Batterien sei herausfordernd, heißt es. Der Kostendruck aus Asien ist laut Experten zu groß, um in Europa schnell konkurrenzfähige Batterien herzustellen. Jetzt wird Porsche offenbar vorerst weiter Batterien überwiegend aus Asien beziehen müssen, und damit auch weiter in einer Abhängigkeit sein.

Der Oberbürgermeister von Reutlingen, Thomas Keck (SPD), zeigte sich am Montag bestürzt von der Nachricht. Die ganze Region habe große Hoffnungen in das Projekt gesetzt:

Es handelt sich um eine Hightech-Geschichte mit einer ernormen Strahlkraft - nicht nur am Standort, sondern darüber hinaus für ganz Deutschland. Insofern bin ich ein Stück weit schockiert über die aktuelle Entwicklung.

Porsche kündigt offenbar Zusammenarbeit mit Valmet

Auch in Kirchardt im Landkreis Heilbronn könnte der Strategiewechsel von Porsche Arbeitsplätze kosten. Wie die "Automobilwoche" meldet, hat der Sportwagenhersteller der finnischen Firma Valmet den Auftrag zur Fertigung von E-Auto-Batterien gekündigt.

In Kirchardt in der Nähe eines Porsche-Entwicklungsstandorts hätten eigentlich Batterien für die Porsche-Modelle Boxter und Cayman gebaut werden sollen. 150 Arbeitsplätze seien dafür veranschlagt worden. Im größeren Stil ist die Produktion dort allerdings offenbar nie angelaufen.

Porsche arbeitet bei Batteriezellen weiter mit Varta zusammen

Es geht um komplett unterschiedliche Technologien. An den Varta-Standorten Ellwangen und Nördlingen werden sogenannte Booster-Zellen produziert für den Porsche 911 GTS. Also Hochleistungs-Lithium-Ionen-Rundzellen, die in ein Auto mit Verbrennermotor eingebaut werden, für eine noch bessere Beschleunigung.

Dazu ist im Frühjahr in Ellwangen aus der Varta heraus das Porsche-Tochterunternehmen V4Smart (Wiforsmart) gegründet worden. Die zweite Produktionslinie in Nördlingen ist laut einem Porsche-Sprecher inzwischen planmäßig hochgefahren worden. Bis zum Jahresende sollen in Ellwangen und Nördlingen 375 Menschen arbeiten, vor allem ehemalige Varta-Beschäftigte.

Wann sprechen wir von Massentlassungen?

Wenn ein Arbeitgeber vorhat, eine größere Zahl an Beschäftigten auf einmal zu entlassen, muss er das bei der Bundesagentur für Arbeit anzeigen.

Die sogenannte Massenentlassungsanzeige ist ein Begriff aus dem deutschen Arbeitsrecht. Sie ist in Paragraf 17 Kündigungsschutzgesetz geregelt. Eine unterlassene oder fehlerhafte Anzeige kann dazu führen, dass die Kündigungen unwirksam sind.

E-Mobilität: Warum Porsches Batteriewerk vor dem Aus steht

Es scheint beschlossen zu sein: Der Stuttgarter Sportwagenbauer Porsche will sein Batterie-Tochterunternehmen Cellforce weitgehend einstellen. Ein Grund dafür sei, die mangelnde Akzeptanz von E-Autos, sagt Birgit Priemer, Chefredakteurin von 'auto motor und sport' im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderator Andreas Fischer. Die Politik müsse handeln.

Stuttgart

Kriselnde Automobilwirtschaft Porsche will mehr Modelle mit Verbrennermotoren bauen

Der Stuttgarter Sportwagenbauer Porsche sucht nach Wegen aus der Krise. Dafür setzt das Unternehmen wieder verstärkt auf Autos mit Verbrennermotor.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Neue Modelle und Personen Gewinneinbruch bei Porsche: Autobauer will noch mehr sparen

Der operative Gewinn beim Sportwagenbauer Porsche ist im vergangenen Jahr  - wie erwartet - eingebrochen: um rund 23 Prozent auf 5,6 Milliarden Euro.

SWR Aktuell am Abend SWR Aktuell

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Thorsten Weik
Portrait
Onlinefassung
Michael Herr
Ein Mann mit langen Haaren steht mit verschränkten Armen und in legerem Hemd in einer hellen Halle und lächelt

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