Eine Mehrheit der Beschäftigten möchte nicht noch mehr arbeiten - und hält es volkswirtschaftlich auch nicht für notwendig. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Befragung von 2.000 Beschäftigten in Deutschland im Auftrag des Online-Karrierenetzwerks Xing. Zwei Drittel der Befragten gaben sogar an, dass sie anstatt mehr lieber weniger arbeiten möchten.
Deutsche wollen weniger Arbeiten für bessere "Work-Life-Balance"
In der Online-Umfrage wünschten sich vor allem die 25 bis 34-Jährigen weniger zu arbeiten, statt ihre Arbeitszeit zu steigern. Gründe dafür seien demnach Stress, zu wenig Zeit für sich selbst und die Hobbys sowie für Care-Arbeit, Familie, Freunde und Verwandte. Diejenigen, die nicht weniger arbeiten wollten, gaben in der Umfrage an, dass sie dies aus finanziellen Gründen und aus Spaß an ihrer Arbeit tun. Ähnlich äußerten sich die Befragten zu Anreizen für freiwillige Mehrarbeit: Mehr Geld, zusätzliche Urlaubstage und steuerliche Anreize sind die größte Motivation für mehr Arbeitszeit.
Dass eine Mehrheit der Befragten ihre Arbeitszeit nicht erhöhen möchte, deckt sich auch mit einer Befragung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) im Juli. Könnten die Beschäftigten über ihre Arbeitszeit selbst bestimmen, würden drei von vier Deutschen maximal acht Stunden am Tag arbeiten. 95 Prozent der Befragten wünschen sich zudem einen Arbeitstag, der spätestens um 18 Uhr endet. Tatsächlich würden aber heute schon 43 Prozent der Beschäftigten sehr häufig oder oft länger als acht Stunden pro Tag arbeiten, so der DGB-Index.
Politik fordert mehr Arbeit
Wegen fehlender Fachkräfte fordern Politiker und Experten aber immer wieder, dass die Menschen mehr und länger arbeiten müssten. Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) forderte in der Vergangenheit angesichts der wirtschaftlichen Lage in Deutschland die Menschen dazu auf, mehr zu arbeiten. "Dass wir ausgerechnet in einer Krise weniger arbeiten wollen, ist völlig aus der Zeit gefallen", sagte der Grünen-Politiker dem Magazin "stern". Die Jahresarbeitszeit aller Industrienationen sei in Deutschland am geringsten. "Wir müssen mehr arbeiten", forderte Kretschmann und verwies dabei auf sich selbst: "Ich bin 76 und habe Zwölf-Stunden-Tage", sagte der Grünen-Politiker.
Die Bundesregierung aus CDU und SPD will das Arbeitszeitgesetz reformieren: Unter anderem soll statt einer täglichen Höchstarbeitszeit eine Wochenarbeitszeit eingeführt werden. Arbeitgeber wie der Spitzenverband Handwerk BW sprechen sich für diesen Schritt aus. Das Argument: Die demografische Entwicklung führe dazu, dass in Deutschland immer mehr Ältere lebten und immer weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter. Um Rente und andere Sozialsystem nicht zu überlasten, müsse jeder Einzelne mehr arbeiten. Flexiblere Arbeitszeitregeln schafften mehr Flexibilität und seien ein wichtiger Schritt, um Beruf und Familie besser zu vereinbaren - was es mehr Eltern ermöglichen würde, mehr zu arbeiten.
Arbeitgeber warnen vor Wohlstandsverlust
Der Verband Unternehmer BW, der die Interessen verschiedener Branchen vertritt, plädiert deshalb dafür, die tägliche Obergrenze von zehn Stunden Arbeit abzuschaffen. Denn, so warnte Gesamtmetallpräsident Stefan Wolf im Juli in einem Interview mit der "Thüringer Allgemeinen": "Um den Wohlstand zu erhalten, müssen wir alle mehr arbeiten".
Deutscher Gewerkschaftsbund: Mehr Arbeit ist nicht die Lösung
Für den Deutschen Gewerkschaftsbund Baden-Württemberg geht die politische Forderung nach mehr Arbeitszeit aber am Problem vorbei. Denn zum einen bewege sich das Arbeitsvolumen auf einem Rekordniveau und Beschäftigte leisteten jährlich 1,2 Milliarden Überstunden - davon mehr als die Hälfte unbezahlt, sagt der DGB dem SWR. Zum anderen würden Betriebe vor allem in der Automobil- und Maschinenbaubranche massiv Arbeitsplätze abbauen. Viele Werke seien nicht ausgelastet, sodass Arbeitszeitkonten eher im Minus als im Plus seien. Mehr Arbeitszeit ist laut dem DGB zudem nicht die Lösung für die schwächelnde Wirtschaft. Mehr Wachstum erreiche man durch mehr öffentliche Investitionen und einem handlungsfähigen Staat. Genehmigungsprozesse müssten vereinfacht werden, Behörden besser zusammenarbeiten und Prozesse vollständig digitalisiert werden.
Arbeitsexpertin: Diskussion über Arbeitszeitmodelle ist nötig
Arbeitsforscherin Katharina Hölzle von der Universität Stuttgart plädiert für besseres beziehungsweise intelligenteres Arbeiten und nicht zwingend für Mehrarbeit. Das bedeute, dass die Arbeitgeber mit den Arbeitnehmern über die verschiedenen Arbeitszeitmodelle diskutieren müssen, um herauszufinden, welche für beide Seiten vorteilhaft sind. Vor allem müsse aber darüber diskutiert werden, wie Arbeit gestaltet werden muss, damit es Lust auf und an der Arbeit gibt, so die Arbeitsforscherin zum SWR. Denn dann werde Arbeit weniger als Belastung und mehr als Möglichkeit verstanden, Dinge zu bewirken und Neues zu schaffen. Für solche Gespräche brauche es allerdings auch ein Umdenken bei den Führungskräften und konstante Nachbesserungen von Struktur und Kultur.
Sinkende Loyalität und Bindung zu Arbeitgeber Tiefstand: Drei Viertel der Beschäftigten arbeiten nur das Nötigste
Etwa acht von zehn aller Beschäftigten machen nur noch das Allernötigste im Job. Auch das Vertrauen in Arbeitgeber sinkt weiter. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor.
Bessere Rahmenbedingungen für berufstätige Mütter schaffen
Aus der Xing-Umfrage geht hervor, dass sich viele Beschäftigte kürzere Arbeitszeiten wünschen. Für den DGB wäre das möglich, wenn die Arbeit auf mehr Köpfe verteilt werden kann. Insbesondere Mütter würden gerne mehr arbeiten, könnten es jedoch wegen fehlender Kinderbetreuungsmöglichkeiten nicht und arbeiteten deshalb oft in Teilzeit. Für den DGB muss man deshalb bessere Rahmenbedingungen für Mütter schaffen. Dadurch würde der Fachkräftemangel gelindert werden und auch die Betriebe würden stark profitieren.
Auch Arbeitsforscherin Katharina Hölzle sagt, dass man bei der Diskussion um Mehrarbeit die Teilzeitbeschäftigten berücksichtigen müsse. Denn die Teilzeitbeschäftigung ist in Deutschland besonders hoch - vor allem bei Frauen. Hölzle spricht sich aber dagegen aus, eine generelle Erhöhung der Arbeitszeit bei Frauen als einzige Lösung zu sehen. Denn es gebe vielfältige Gründe wie etwa eine fehlende Infrastruktur und mangelnde Qualität der frühkindlichen beziehungsweise schulischen Bildung, warum Frauen nicht mehr arbeiten können, selbst wenn sie es wollten.