Wie lang sollte der Arbeitstag sein? Acht Stunden? Zehn Stunden? Zwölf? Vielleicht am einen Tag länger arbeiten und dafür an einem anderen Tag mehr Freizeit - oder sogar einen freien Tag? Genau das will die neue Bundesregierung durch eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes einfacher möglich machen.
Möglichkeit längerer Arbeitstage: Mehrheit lehnt das in Umfrage ab
Doch die Pläne rufen ein geteiltes Echo hervor. Laut einer aktuellen Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) sind 73 Prozent der Beschäftigten in Deutschland gegen eine unbegrenzte tägliche Arbeitszeit. 34 Prozent der Befragten wären dagegen bereit, an einzelnen Tagen mehr als zehn Stunden pro Tag zu arbeiten.
In Baden-Württemberg sprechen sich Handwerks- und Unternehmerverbände für den Vorschlag aus. Große deutsche Gewerkschaften dagegen warnen davor, Hand an die hart erkämpften Errungenschaften für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu legen.
BW-Handwerk: Wochenarbeitszeit bringt Flexibilität
Die tägliche Höchstarbeitszeit durch eine wöchentliche Arbeitszeitgrenze zu ersetzen - das brächte mehr Flexibilität, lobt Frank Herrmann. Er leitet ein mittelständisches Unternehmen in Pforzheim mit über 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Hier produzieren sie Stahlgeländer, Aufzüge und Balkone. Da seine Beschäftigten teilweise wochenlang auf Montage unterwegs sind, wäre die neue Regelung ein echter Mehrwert, sagt der Unternehmenschef. In der Produktion sei der klassische Acht-Stunden-Tag kein Problem. Auf Montage in einer anderen Stadt sei der Acht-Stunden-Tag schon deutlich unpraktischer. "Meine Mitarbeiter fragen mich dann auch: Chef, was soll ich jetzt um fünf ins Hotel gehen und mich da aufs Bett legen", erzählt Herrmann. Eine flexibel gestaltbare Wochenarbeitszeit sei da einfach zeitgemäß - auch aufgrund des Fachkräftemangels.
Wir haben ja keinen Überschuss an Mitarbeitern. Also müssen wir die, die wir haben, möglichst effizient einsetzen.
Tatsächlich erlaubt das Arbeitszeitgesetz schon heute Arbeitszeiten von bis zu zehn Stunden täglich. Mit dem Vorhaben der Regierung könnten es ausnahmsweise auch mal zwölf werden. Und an anderen Tagen eben weniger.
Das hält auch Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) für sinnvoll: "Der wesentliche Effekt ist ein Gewinn an Flexibilität. Weniger Arbeit am einen Tag durch Mehrarbeit an einem anderen auszugleichen, sei "unter der gegebenen Gesetzgebung nicht möglich", so Schäfer gegenüber dem ARD-Hauptstadtstudio.
Deutscher Gewerkschaftsbund warnt vor Gesundheitsgefahren
Die Gewerkschaften allerdings befürchten ein stückweises Aushöhlen des Arbeitsschutzes. Die Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbunds Yasmin Fahimi kritisiert die Pläne der Bundesregierung: "Der 8-Stunden-Arbeitstag als reguläre Arbeitszeit ist von den Gewerkschaften bereits seit 1918 erkämpft worden, und zwar mit gutem Grund." Ihr Argument: Arbeitszeiten bis zu zwölf Stunden gefährdeten die Gesundheit.
Beim Spitzenverband Handwerk BW will man das so nicht stehen lassen. "Ich wehre mich gegen den grundsätzlichen Verdacht, Arbeitgeber seien Regelverletzer. Die Wirklichkeit im Handwerk ist eine andere", sagt Hauptgeschäftsführer Peter Haas. Allein aufgrund der allenthalben fehlenden Fachkräfte hätten Handwerksbetriebe ein großes Interesse daran, ihre Mitarbeitenden vor zu langen und körperlich anstrengenden Arbeitstagen zu schützen. Sein Verband sei dafür, das Arbeitszeitgesetz "grundlegend zu modernisieren", so Haas. Nicht weil das Mehrarbeit ermögliche, sondern für "mehr Freiheit und Fairness in einem flexiblen System" sorge.
Arbeitszeitreform gut für Vereinbarkeit von Job und Familie?
Auch der Verband Unternehmer BW (UBW), der die Interessen verschiedener Branchen vertritt, plädiert dafür die tägliche Obergrenze von 10 Stunden Arbeit abzuschaffen. Unter anderem mit dem Argument, dass mehr Flexibilität helfen würde, "Familie/Kinder und Vollzeitbeschäftigung besser unter einen Hut zu bringen".
Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung (HBS) argumentiert dagegen, eine Deregulierung der Arbeitszeit komme Eltern nicht entgegen. "Sehr lange Tagesarbeitszeiten machen es Menschen mit Sorgeverpflichtung schwerer, erwerbstätig zu sein", erklärt Yvonne Lott, Arbeitszeitexpertin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der HBS.
Wie Ökonomen und Gewerkschaften bundesweit über die schwarz-roten Pläne zum Arbeitszeitgesetz denken, hat Uwe Jahn aus dem ARD-Hauptstadtstudio zusammengefasst:
Arbeitszeitgesetz: Bundesregierung kündigt Gespräche an
Der Koalitionsausschuss der Bundesregierung hat die Gespräche mit Gewerkschaften und Arbeitgebern über flexiblere Arbeitszeiten in das Sofortprogramm der Bundesregierung geschrieben. Laut Ministerium laufen die Vorbereitungen dafür. Auch wenn die neue Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) bereits deutlich gemacht hat, dass sie dem Vorhaben eher reserviert gegenübersteht. Ziel sei eine gute Lösung im Sinne des Gesundheitsschutzes, der Flexibilität und der betrieblichen Realität zu finden. Und das könnte dauern.
Dem IW-Ökonomen Holger Schäfer kommt das bekannt vor: "Es ist bereits das dritte Mal, dass diese Absicht in einem Koalitionsvertrag formuliert wird. Bisher ist es trotzdem nicht umgesetzt worden", die Hoffnung aber sterbe zuletzt.