Anfang März hat Clemens Fuest, Chef des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts ifo gesagt, man solle im Zuge möglicher Etatkürzungen das Elterngeld streichen. Es sei zwar "nice to have", erfülle jedoch seinen Zweck nicht. Bei Anna Radermacher aus Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg) stößt diese Aussage auf Unverständnis.
Fast 130.000 Menschen in BW bekommen Elterngeld
Radermacher ist im Vorstand der Landeselternvertretung baden-württembergischer Kitas, Mutter eines Sohnes und erwartet im Sommer ihr zweites Kind. Ihr erster Gedanke, als sie die Aussage Fuests gehört hat: "Eine Streichung des Elterngeldes würde bedeuten, dass uns als Familie ein gesamtes Vollzeitgehalt fehlt", sagt die 32-Jährige im Gespräch mit dem SWR. Das seien etwa 50 Prozent ihres Familieneinkommens.
Im Bundeshaushalt beträgt der Etat für das Elterngeld rund 8 Milliarden Euro. Der Zuschlag wird pro Jahr ausgezahlt, seit der Einführung 2007 wurde es jedoch nie an Inflation und sinkende Kaufkraft angepasst. Das bedeutet: Das Elterngeld ist heute viel weniger wert als früher.
Einkommensgrenze für Elterngeld ab April 2024
Auch das kritisiert Anna Radermacher. Die Landeselternvertreterin findet, das Konzept benötige eine grundlegende Reform: "Wenn das Elterngeld gestrichen werden würde, müssten wir auf unser Erspartes zurückgreifen."
Eine Anpassung um 35 Prozent, wie sie eine Petition aufgrund der Inflationsentwicklung der vergangenen Jahre fordert, sei notwendig, damit die Familie auch in Zukunft die hohen Lebenshaltungskosten im Raum Stuttgart stemmen könne. Eine weitere Senkung der Einkommensgrenze findet die 32-Jährige nicht zielführend.
Bereits vor zwei Jahren stand der Vorschlag der Halbierung der Elterngeld-Einkommensgrenze in der Kritik. Im vergangenen April einigte sich der Bundestag darauf, dass Paare und Alleinerziehende mit einem Einkommen von 200.000 Euro für Geburten ab dem 1. April 2024 keinen Anspruch auf Elterngeld mehr haben. Für Eltern, deren Kinder ab dem 1. April dieses Jahres auf die Welt kommen werden, gilt eine Einkommensgrenze von 175.000 Euro.
Kita-Verband: Ohne Elterngeld mehr Bedarf an Betreuungsplätzen
Ein weiterer Bereich, auf den Konsequenzen einer Streichung des Elterngeldes Auswirkungen haben könnte, ist die Kinderbetreuung. Denn kein Elterngeld würde auch bedeuten, dass Eltern nach kurzer Zeit wieder in den Beruf einsteigen müssten.
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Heidi Poschelt vom baden-württembergischen Verband der Kita-Fachkräfte sagt, eine Streichung des Elterngeldes bedeute, dass noch mehr Bedarf an Betreuungsplätzen entstehe. Angesichts des Fachkräftemangels: "ein schier unlösbares Problem."
Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung fehlen in Baden-Württemberg rund 60.000 Kita-Plätze, um den Bedarf zu decken. Um die Nachfrage erfüllen zu können, brauche es bis 2025 14.800 zusätzliche Fachkräfte.
Elterngeld-Streichung würde Frauen treffen
Junge Familien bräuchten verlässliche Kitas, "damit auch Frauen Beruf und Kinder vereinbaren können", so Poschelt weiter. Meist würden die Mütter, die oftmals weniger verdienen, das Elterngeld in Anspruch nehmen. "Mit einer Kürzung wäre es für viele Familien nicht mehr möglich, in Elternzeit zu gehen."
Für uns ist die Aussage des ifo-Chefs nicht nachzuvollziehen, da am falschen Ende gespart werden soll. Sicherlich gibt es andere, sinnvollere Maßnahmen, um Einsparungen zu erzielen.
Kornelius Knapp, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Württemberg sagt, die Anzahl der Kinderbetreuungsplätze reiche nicht aus, wenn Eltern schnell wieder in Arbeit kommen müssten. "Wir dürfen Familien nicht alleine lassen im Übergang vom Single- oder Paar-Dasein zu einer jungen Familie", so Knapp.
Radermacher: Elterngeld ist kein "nice to have"
Es wären dann voraussichtlich vor allem Frauen, die Erziehungszeiten nehmen würden, was der gleichberechtigten Fürsorge für die Familie entgegenstehen würde, schätzt Knapp.
Auch Anna Radermacher fürchtet bei einer Streichung einen Rückschritt der Gleichberechtigung. "Das Elterngeld sorgt oftmals dafür, dass Mütter nicht komplett abhängig von den Partnern sind", sagt sie. "Elterngeld ist kein 'nice to have'". Es gehe bei vielen darum, sich keine Gedanken um die Existenz machen zu müssen, sobald man Kinder bekomme.