Verkehrschaos vor den Schulen

Neue Regelung gegen "Elterntaxis": BW will mehr Schulstraßen für Autos sperren lassen

"Elterntaxis" sorgen laut BW-Regierung und Lehrerverband für Gefahren auf dem Schulweg. Deshalb bekommen Städte und Gemeinden jetzt neue Mittel gegen das Verkehrschaos vor Schulen.

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Schulstraßen und Schulzonen sollen in Baden-Württemberg künftig Gefahrenstellen an Schulen beheben. Das Verkehrsministerium hat dafür nun eine rechtliche Grundlage geschaffen. Eltern sollen so zum Umdenken animiert werden, ihre Kinder nicht mehr mit dem Auto zur Schule zu fahren.

Jeden Tag ein Unfall auf dem Schulweg

378 Kinder und Jugendliche sind im vergangenen Jahr auf dem Schulweg verunglückt. Ein Kind kam ums Leben. Wie oft chauffierende Eltern beteiligt waren, ist aber unklar. Dennoch entstehe Gefahr vor dem Schultor, wenn Väter oder Mütter direkt vor den Gebäuden halten oder anfahren - ob vor Unterrichtsbeginn oder danach, sagte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne).

Nach den Sommerferien soll das im neuen Schuljahr allerdings besser werden. Darum hat das Verkehrsministerium einen Erlass vorgestellt, der Schulen und Kommunen erklärt, wie sie solche Zonen einrichten können.

Bei Schulstraßen können ein oder mehrere Straßenabschnitte zu Beginn und zum Ende des Unterrichts für einen begrenzten Zeitraum für Autos gesperrt werden. In einer Schulzone wird eine Straße dauerhaft für den Verkehr gesperrt. "Das bietet sich an, wenn die Straße nur für die Schule benötigt wird, bislang aber die Durchfahrt auch als Abkürzung von Autofahrenden genutzt wurde", erklärte das Verkehrsministerium. 

Keine komplizierten Gutachten oder neue Straßenschilder

Eigentlich bräuchte es ein eigenes Verkehrsschild für Schulstraßen, sagte der Verkehrsminister. Doch das sei Aufgabe des Bundes. Er gibt den Kommunen und Schulen stattdessen einen Erlass an die Hand, der klarstellt, mit welchen Straßenverkehrsschilder-Kombinationen Schulstraßen- und Zonen beschildert werden können. Außerdem betonte Hermann, brauche es keine komplizierten Gutachten mehr, um solche Bereiche im Straßenverkehr einzuführen.

Durch den Erlass des Landes sollen Behörden und Schulen Schulstraßen und Schulzonen leichter und rechtssicher einrichten können. Denn Hermann will "Elterntaxis" drastisch reduzieren. Er ist sich sicher, aktive Kinder kennen sich besser im Verkehr aus und blieben dabei sogar eher gesund.

"Wir wollen die sogenannten Elterntaxis deutlich reduzieren. Denn wenn Kinder aktiv sind, kennen sie sich besser im Verkehr aus, sie bleiben gesund und bewegen sich."

Lehrerverband bestärkt Vorstoß des Landes

"Elterntaxi" sei ein niedlicher Begriff für ein Phänomen, das sich allmorgendlich an Schultagen zum Verkehrschaos vor den meisten Schulen auswachse, teilt der Realschullehrerverband Baden-Württemberg (RLV) mit.

Das Absetzen der Kinder direkt vor der Schule werde von zunehmend mehr Eltern praktiziert und werde oft als "Grundrecht" angesehen, so Karin Broszat, Landesvorsitzende des RLV. Tatsächlich gebe es nur wenige Fälle, die das Bringen einer Schülerin oder eines Schülers direkt bis vor den Schuleingang rechtfertigten. Beispiele seien Krankheit, körperliche Beeinträchtigung oder Verschlafen. Regelmäßiges Bringen der Kinder mit dem Auto sorge für gefährliche Situationen anderer Kinder auf dem Schulweg.

"Wenn Eltern ihre Kinder aber regelmäßig direkt vor der Schule abladen, kommt es zu gefährlichen Situationen rund um die Schule, vor allem für radfahrende, gehende und spielende Kinder."

Landeselternbeirat: Verzicht auf "Elterntaxis" nicht überall möglich

Auch der Landeselternbeirat Baden-Württemberg (LEB) begrüßt den Erlass des Verkehrsministeriums - vor allem die Einrichtung von sogenannten Hol- und Bringzonen unweit der Schulen sei von großer Bedeutung. Denn obwohl auch der Landeselternbeirat sich für verkehrsberuhigte Zonen an Schulen einsetzt, sei der Verzicht auf Elterntaxis nicht überall möglich. "Gerade im ländlichen Raum ist die Erreichbarkeit mit dem ÖPNV oftmals nicht optimal und Wege schlicht zu lang für eine Erreichbarkeit der Schule zu Fuß oder mit dem Rad", sagte der LEB-Vorsitzende Sebastian Kölsch. Die Hol- und Bringzonen seien dann ein wichtiger Baustein. "Niemand muss sein Kind bis direkt vor die Schultür fahren“, so Kölsch.

Rund jedes sechste Kind kommt im "Elterntaxi" zur Schule

In Baden-Württemberg wird rund jedes sechste Kind mit dem Auto zur Schule gebracht, erklärt das Verkehrsministerium. Auch Verkehrswacht und der Autoclub ADAC raten zum Umdenken, weg vom "Elterntaxi". Nur so lernten Kinder, sich selbstständig und sicher im Straßenverkehr zu bewegen. Sie träfen zudem Freunde, was soziale Kompetenzen stärke. Wer nicht auf das Auto verzichten könne oder wolle, solle prüfen, ob es im Umfeld der Schule sogenannte Elternhaltestellen gibt. Von dort könnten die letzten Meter zu Fuß zurückgelegt und gefährliche Situationen vor dem Schultor entschärft werden. Dass Kinder im Verkehr besonderen Schutz brauchen, betonen beide Organisationen gleichermaßen. Sie könnten Entfernungen und Geschwindigkeiten nicht zuverlässig einschätzen und ließen sich leichter ablenken.

Land: Städte sollen häufiger Schulstraßen für Autoverkehr sperren

Schon jetzt könnten die Behörden solche Schritte gehen. "Aber die Möglichkeiten wurden bislang nicht flächendeckend genutzt", sagte Hermann. "Behörden und Schulen können mehr machen, als sie denken. Offensichtlich brauchen sie eine Ermutigung."

Der Erlass ist Teil des Programms "Movers", das Familien vom täglichen Autofahren zur Schule abbringen soll. Seit dem Start der Kampagne stehen Schulen und Kommunen geschulte Berater zur Seite. Sie vermitteln Maßnahmen, um Schulkinder mobiler zu machen und Schulhöfe sowie Straßen fahrradfreundlicher zu gestalten. Ziel ist es, die Zahl der "Elterntaxis" bis 2030 zu halbieren. "Kinder sollen ihre Wege zu Fuß, mit dem Tretroller oder mit dem Fahrrad sicher zurücklegen", forderte Hermann.

Warum fahren Eltern ihre Kinder zur Schule?

Ein Bild vom morgendlichen Chaos vor den baden-württembergischen Schulen vermittelt eine gemeinsame Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), des Deutschen Kinderhilfswerks und des Verkehrsclubs Deutschland. Demnach fahren bei einer Schule mit 1.000 Schülerinnen und Schülern zu Stoßzeiten rund 170 Autos gleichzeitig vor - vor allem, weil's praktischer ist, wie die ADAC-Umfrage aus dem Jahr 2024 herausgefunden hat. Anschlusstermine, schlechtes Wetter und Zeitersparnis für das Kind werden als Gründe genannt, deutlich seltener dagegen der unsichere Schulweg.

Bodelshausen

Tigerparty statt Verkehrschaos vor der Schule Weniger Elterntaxis: Grundschule belohnt Kinder, die zu Fuß kommen

Das Kind mit dem Auto vor die Schule fahren? Unnötig und gefährlich, sagt die Grundschule Bodelshausen. Dort werden Kinder fürs Laufen belohnt - mit Stempeln und Party.

Bis zu 170 Autos gleichzeitig Trotz BW-Kampagne gegen Autos vor der Schule: Immer noch viele Elterntaxis

Weil Elterntaxis vor Schulen in BW für viele Unfälle sorgen, hat das Land 2022 eine Kampagne gestartet. Trotzdem bringen viele Eltern ihre Kinder noch mit dem Auto zur Schule.

Bad Marienberg

Aus Sorge um die Schüler Aktion gegen Elterntaxis am Schulzentrum Bad Marienberg

Jeden Tag bringen viele Eltern ihre Kinder in Bad Marienberg mit dem Auto direkt bis vor die Schule. Nicht ungefährlich für die Kinder.

SWR4 am Nachmittag SWR4

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Astrid Meisoll
Astrid Meisoll arbeitet als Moderatorin und Politik-Reporterin.
Matthias Roman Schneider
Matthias Roman Schneider - Redakteur bei SWR Aktuell

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