Albert Reich hat viele schöne Erinnerungen an seine Kindheit - und ganz grausame. Mit gerade mal 13 Jahren dachte er: "Jetzt sterbe ich". Er saß in einem feuchten Gefangenenkeller im damals tschechoslowakischen Tabor fest. Immer wieder holten die Soldaten Mitgefangene aus dem Keller, nutzten sie als Zielscheibe für Schießübungen. Mal trafen sie, mal nicht. "Ich habe mir in die Hosen gemacht, weil ich dachte, gleich triffts mich", erzählt der 92-jährige. Sein Vergehen: Pflaumen sammeln, weil seine Familie und er so schrecklichen Hunger hatten.
Grausame und gute Erinnerungen an die Tschechoslowakei
Ganz wichtig ist für Albert Reich: "Die Tschechen waren nicht alle schlecht. Es gab gute und böse." Eine alte Frau, eine Tschechoslowakin, sei zum Gefangenenkeller gekommen und hätte ihnen Wasser gebracht. Ein Soldat hätte sie niedergeschlagen, aber sie sei einfach aufgestanden und hätte immer wieder neues Wasser geholt. Einen Großteil seiner Kindheit hat Albert Reich im Egerland verbracht, das heute zu Tschechien gehört. Er ist Sudetendeutscher und einer von rund 12 bis 14 Millionen Heimatvertriebenen.
Während der brutalen nationalsozialistischen Gewaltherrschaft starben hunderttausende Tschechoslowaken. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war die Stimmung in der Tschechoslowakei geprägt von Anspannung, Schmerz und dem Wunsch nach Rache für die Verbrechen während der nationalsozialistischen Besatzung des Landes. Das richtete sich vor allem gegen die deutschsprachige Bevölkerung. 1946 wurden Albert Reich, sein jüngerer Bruder Karl-Heinz und seine Mutter wie so viele andere vertrieben.
Sie sind drei von insgesamt drei Millionen Sudetendeutschen. In Viehwaggons wurden sie in die russisch besetzte Zone gebracht. Einige der Mitgefangenen sprangen während der Fahrt ab, weil sie nicht zu den Russen wollten. "Und dann haben die Tschechen auf die Leute geschossen, viele erwischt", erinnert sich Albert Reich.
"Meine Mutter wäre fast verhungert"
Mitnehmen konnten sie so gut wie nichts. Das wenige, was sie bei sich trugen, war auch noch geplündert worden. Vor Ort gab es auch nichts, auch kaum Essen. Ohne Albert Reich wäre seine Mutter verhungert. "Ich habe Eier aus Spatzennestern geholt. Dann stand schon mein kleiner Bruder Karl-Heinz da und hat den Mund aufgesperrt, weil er auch hungrig war", erzählt Albert Reich. Doch er durfte ihm nichts geben, jeder Bissen war für die Mutter der beiden überlebenswichtig.
Seine Tochter und sein Enkel kennen diese Geschichten. Trotzdem stehen Enkelsohn Norman Thalheimer Tränen in den Augen, während Albert Reich erzählt. "Jedes Mal hört man doch auch wieder irgendwas Neues, was man noch nicht gehört hat, und das ist einfach bewegend", sagt er. Auch Tochter Regina Thalheimer findet es immer wieder furchtbar: "Dass man weiß, in dem Alter damals, ich muss jetzt schauen, dass die Mutter überlebt und muss den kleinen Bruder hungern lassen, das sind unfassbare Verhältnisse, aber auch Leistungen, da kann ich nur einen Hut ziehen." Ihr gehe es richtig schlecht, "wenn ich die Geschichten hör da, auch diese Todesängste, diese Erschießungskommandos."
Unwillkommener Flüchtling in Stuttgart
1947 schlugen sich die Reichs nach Stuttgart durch. Sie schlüpften bei der Schwester von Albert Reichs Mutter, Tante Liesi unter. Die Stadt war zerstört, die Stuttgarter seien ablehnend gewesen. Das blieb lange so, erzählt Albert Reich. Die Schwaben hätten ihn angepöbelt, als Flüchtling beschimpft, der von nichts eine Ahnung habe. Mit 17 war er dabei, als vor den Ruinen des neuen Schlosses in Stuttgart die Charta der Heimatvertriebenen verkündet wurde.
90 Prozent der Vertriebenen damals waren Frauen und Kinder. Als es hieß, "wir verzichten auf Rache und Vergeltung", ging ein Raunen durch die Menge, erinnert sich Albert Reich. "Die wollten ja nach Hause. Die Menschen da, die haben immer gewartet, dass der Anruf kommt, morgen geht der Transport zurück. Wir haben geglaubt, wir gehen wieder heim."
Heimatvertriebene wurden als Verräter beschimpft
Heimatvertriebene, die sich in Stuttgart Häuser und ein neues Leben aufbauen wollten, wurden von ihren Landsleuten als Verräter beschimpft. Lange ging das so. Ein Leben im Wartezustand. Wirklich ankommen und weitermachen konnte Albert Reich erst, als er anfing, die Egerländer Kultur nach Stuttgart zu holen. Auf alten Fotos sieht man die Egerländer Tanzgruppe, die er mitgegründet hat. Erst dadurch habe er sich wieder als Mensch gefühlt, erzählt er. So lernte er auch seine Frau kennen.
Sein ganzes Leben hat er der Egerländer Kultur gewidmet. Er engagierte sich in der Sudetendeutschen Jugend und im Bund der Vertriebenen. Später baute er das "Haus der Heimat" mit auf, das er jahrelang leitete. Für seine Verdienste um die Egerländer Kultur wurde er sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Sehnsucht nach der alten Heimat
Auch privat hat er die Traditionen gepflegt. Seine Tochter Regina Thalheimer hatte schon mit drei ihre erste Tracht, von klein auf Mundart gelernt. In der ersten Klasse hätte man ihr gesagt, sie rolle das R so seltsam. Das habe sie sich dann schnell abgewöhnt, nur noch gerollt, wenn sie Mundart redet. Doch das passiere häufig. Ihre ganze Familie pflege Egerländer Bräuche, sogar die Enkelkinder. Die Egerländer Kultur sei ein Teil ihres Lebens. "Ohne würde ich mich wie amputiert fühlen", so Regina Thalheimer.
Anders als ihr Vater wollte sie nie weg aus Stuttgart. Aber wenn sie auf dem alten Grundstück ihres Vaters in Tschechien stehe, denke sie: "Eigentlich gehört es doch meinem Vater und warum ist der Kampf immer noch da um die Rechte?" Das beschäftige sie nach wie vor und lasse sie auch nicht los. Das tschechische Verfassungsgericht hat mehrfach bestätigt, dass die nach 1945 erfolgten Enteignungen im damaligen Kontext rechtmäßig waren. Deutschland erkennt die Eigentumsverhältnisse so nicht an, unterstützt aber auch keine Rückgabeforderungen von Vertriebenen.
Egerländer wollen ihre Traditionen bewahren
Enkel Norman Thalheimer fühlt sich als Egerländer Schwabe. "Dadurch, dass man eigentlich schon immer mit dabei war, fühlt man sich genauso als Stuttgarter wie als Egerländer", sagt er. Auch ihm ist Brauchtumspflege wichtig. Demnächst moderiert er wieder den Tag der Heimat. Er zieht regelmäßig zu Festen seine Tracht an. So will die Familie Reich/Thalheimer dazu beitragen, dass die Egerländer Kultur nicht verloren geht, nicht vergessen wird. Großvater, Tochter, Enkel und Urenkel.