Fünf Schüler starben in Schneesturm

90 Jahre Engländerunglück auf dem Schauinsland: Nachfahren treffen sich in Freiburg

Am 17. April 1936 wandern englische Schüler von Freiburg zum Schauinsland. Der Tag endet in einer Katastrophe. Nun haben sich die Nachfahren zu einem Gedenkwochenende getroffen.

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Von Autor/in Nikolaus Rhein, Christof Gerlitz

Es ist kalt am 17. April 1936. In Freiburg sind es unter null Grad, im Schwarzwald liegt Schnee - alles andere als Frühlingswetter. Trotzdem macht sich der Londoner Lehrer Kenneth Keast an diesem Freitagmorgen auf den Weg in Richtung Todtnauberg. Mit dabei: eine Gruppe von 27 englischen Schülern - fünf von ihnen sind wenige Stunden später tot.

Das als "Engländerunglück" bekannte Drama hat sich am vergangenen Freitag zum 90. Mal gejährt. Am Wochenende kamen Nachfahren der Schüler, die bei dem Unglück dabei waren, erstmals zu einem Gedenktreffen nach Freiburg und besuchten Orte des damaligen Geschehens. Teil des Gedenkwochenendes war auch ein Gottesdienst in der St. Laurentius Kirche in Hofsgrund - der Kapelle, deren Glocken am 17. April 1936 eine noch größere Katastrophe verhinderten.

Gottesdienst in St. Laurentius Kirche
Am Wochenende kamen Angehörige der englischen Schüler, die damals beim Unglück dabei waren, nach Freiburg - unter anderem fand ein Gedenkgottesdienst in der St. Laurentius Kirche statt.

Trotz mehrfacher Warnung wandern Keast und die Schüler auf den Schauinsland

Der Historiker und Soziologe Bernd Hainmüller hat die Tragödie jahrelang erforscht und ein Buch darüber geschrieben, um zu rekonstruieren, was an jenem Tag passiert ist. Die Schüler eines Londoner Gymnasiums waren 1936 in den Osterferien gemeinsam mit ihrem Lehrer Kenneth Keast für zehn Tage in den Schwarzwald gereist.

Am 17. April ziehen Kenneth Keast und seine Schülergruppe trotz schlechter Wetterprognose von Freiburg aus los - teilweise in kurzen Hosen und Sandalen. Über Günterstal am Fuße des Schauinslands gelangt die Gruppe auf Umwegen ins Kappler Tal, als ein Schneesturm einsetzt.

Drei Mal treffen Keast und die Schüler im Schneegestöber auf Einheimische, die sie warnen: Die Wanderung fortzusetzen, sei zu gefährlich - doch Keast und die Schüler gehen weiter, und verlieren auf dem Bergkamm des Schauinsland die Orientierung. Insgesamt zehn Stunden irrt die Gruppe bei Nebel und Sturm umher, angetrieben von ihrem Lehrer, der völligen Erschöpfung nahe.

Lehrer Kenneth Keast
Der englische Lehrer Kenneth Keast brach am 17. April 1936 mit seinen Schülern zu einer Wanderung über den Schauinsland auf. Fünf Schüler verloren auf dem Berg ihr Leben.

Kirchenglocken retten Großteil der Gruppe das Leben

Es sind die Kirchenglocken von St. Laurentius, die einem Großteil der Gruppe höchstwahrscheinlich das Leben retten: Ein paar der umherirrenden Schüler hören die Glocken, die im knapp zwei Kilometer entfernten Hofsgrund zum Abendgebet läuten. Sie folgen dem Klang, schlagen sich durch den Schnee den Hang hinab und erreichen Hofsgrund. Sie alarmieren die Einheimischen, die sofort losziehen, um den Rest der Gruppe zu retten. Auf Skiern suchen die Helfer so lange, bis sie alle Jugendlichen gefunden haben. Doch für fünf Schüler kommt die Hilfe zu spät: Sie sterben an Erschöpfung.

Am Abend kletterten wir einen steilen Hang hinauf, ein Junge brach zusammen. Auch andere wurden ohnmächtig. Wir stapften weiter, so schnell, wie wir konnten, und hörten etwas später Kirchenglocken und liefen in diese Richtung. Und dann sahen wir Lichter…

St. Laurentius Kirche in Hofsgrund
Die St. Laurentius Kirche in Hofsgrund: Als am Abend des 17. April 1936 die Kirchenglocken läuten, hören das einige der englischen Schüler. Sie folgen dem Klang der Glocken bis zur Kirche und können so Hilfe holen.

Nazi-Propaganda deutete das tatsächliche Geschehen um

Für sein fahrlässiges Verhalten, die Tour trotz mehrfacher Warnungen fortgesetzt zu haben, musste sich Kenneth Keast nie verantworten. Er hat den Ablauf der Geschehnisse stets anders dargestellt und von einer unvorhersehbaren Naturkatastrophe gesprochen. Auch die Hilfe der Einheimischen aus Hofsgrund wurde zunächst verschwiegen.

Stattdessen nutzten die Nationalsozialisten das Unglück für Propagandazwecke und verklärten Keast zum Helden, der die überlebenden Schüler aus der Notsituation gerettet habe. Die Opfer und eigentlichen Helfer missbrauchten die Nazis für ihre Beschwichtigungspolitik gegenüber Großbritannien.

Mitglieder der Hitlerjugend
Die Nazis versuchten, das Unglück umzudeuten, und missbrauchten es für Propagandazwecke.

Nachfahren von Schülern und Helfern treffen erstmals aufeinander

Neunzig Jahre danach trafen am Wochenende Nachfahren der überlebenden Schüler und Nachkommen der Hofsgrunder Helfer zum ersten Mal aufeinander. Es sind Menschen, die diese dramatische Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven teilen und die gemeinsam derer gedenken, die den damaligen Tag nicht überlebt haben. 

Es ist schwer vorstellbar, dass die Kinder das erleben mussten.

Das Programm des Gedenkwochenendes hatte "Engländerunglück"-Experte Hainmüller gemeinsam mit der Gemeinde ausgearbeitet. Neben dem Gottesdienst in St. Laurentius besuchte die Gruppe auch die beiden Denkmäler am Schauinsland, die an die Geschehnisse von damals erinnern.

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Autor/in
Nikolaus Rhein
Nikolaus Rhein ist Reporter für Hörfunk, Online und Fernsehen beim SWR im Studio Freiburg.
Christof Gerlitz

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