Ohne festen Arbeitsvertrag nach Deutschland einreisen und vor Ort einen Job suchen: Seit knapp zwei Jahren ist das für ausländische Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern mit der Chancenkarte möglich. Die Idee dahinter: Vor Ort ist es leichter, mit Unternehmen in Kontakt zu kommen. So wollte die Ampel-Regierung dem Fachkräftemangel etwas entgegensetzen. In Einzelfällen ist das gelungen, wie ein Beispiel aus Weil am Rhein (Kreis Lörrach) zeigt.
Erfolglose Bewerbungen aus dem Heimatland Indien
Mehrfach hat sich Poonam (der volle Name ist der Redaktion bekannt) von ihrer Heimat Indien aus auf Jobs in Deutschland beworben - ohne Erfolg. Poonam ist Programmiererin. Lange hat sie in Indien für ein deutsches Unternehmen gearbeitet. Mehrfach war sie auf Dienstreise in Deutschland. Arbeitskultur und Lebensstil hätten ihr gefallen, sagt Poonam. Deshalb wollte sie gerne nach Deutschland ziehen.
Sohn musste vorerst in Indien bleiben
Als sie dann von der Chancenkarte hörte, entschied sich Poonam, das Risiko einzugehen: Ein Jahr Zeit, um vor Ort in Deutschland einen Arbeitsplatz zu finden. Ein "kalkuliertes Risiko" sei das gewesen, meint Poonam. Deutsch hatte sie bereits in Indien angefangen zu lernen. Sie sei gut vorbereitet gewesen.
Für den Traum von einer Zukunft in Deutschland musste Poonam auch persönliche Opfer bringen. Ihr heute 13-jähriger Sohn musste zunächst in Indien bleiben.
Mit Chancenkarte: Jobsuche nach zwei Monaten erfolgreich
Schon zwei Monate nach der Einreise hatte Poonam einen Job in Weil am Rhein gefunden. Conductix-Wampfler stellte sie ein. Das Technikunternehmen ist darauf spezialisiert, sich bewegende Dinge mit Strom und Daten versorgen - etwa Hafenkräne. Mit 20 Stunden pro Woche konnte Poonam vorerst einsteigen. Mehr ist mit der Chancenkarte nicht erlaubt.
Ein Glücksfall sei das gewesen, sagt ihr Teammanager Frank Schirmeier. "Sie konnte gleich bei uns mitarbeiten im Team." So habe man sehen können, ob die Position zu Poonam passt. Die Bewerberin direkt vor Ort zu haben, das sei besser als eine Bewerbung aus dem Ausland, so Schirmeier.
Nach zwei Monaten erhielt Poonam bereits ein neues Visum: die "Blaue Karte EU". Mit ihr kann sie nun Vollzeit für ihren neuen Arbeitgeber tätig sein. Und auch eine langfristige Zukunft in Deutschland ist möglich. Ein "sehr schönes Gefühl", sagt Poonam.
800 Bewerbungen, kein Job: Erfolgsgeschichten mit der Chancenkarte sind eine Ausnahme
So gut wie bei Poonam laufe es aber nicht immer, sagt Justyna Gawron vom Welcome Center Südlicher Oberrhein. Hier bekommen Unternehmen und ausländische Fachkräfte Unterstützung bei der Arbeitssuche und Visa-Fragen.
Gawron berichtet etwa von einem Iraker. 800 Bewerbungen habe dieser geschrieben, als er mit der Chancenkarte für ein Jahr in Deutschland war - ohne Erfolg. Am Ende habe er wieder in seine Heimat ausreisen müssen.
Hilft die Chancenkarte gegen den Fachkräftemangel?
"Wir sehen nicht, dass die Chancenkarte den Fachkräftemangel abmildert", sagt Gawron. Das bestätigen auch die Zahlen des Bundesinnenministeriums. Bis Februar dieses Jahres wurden demnach rund 19.000 Chancenkarten genehmigt. Ob tatsächlich alle Chancenkarten-Besitzerinnen und -Besitzer eingereist sind und wie viele am Ende eine feste Arbeitsstelle finden konnten, ist nicht bekannt.
Justyna Gawron vom Welcome Center Südlicher Oberrhein erklärt sich die niedrigen Einreisezahlen in erster Linie mit dem Geld, das man für die Chancenkarte auf einem Sperrkonto hinterlegen muss. "Man muss für einen Zeitraum von bis zu 12 Monaten ausreichend Lebensunterhalt nachweisen. Das sind um die 13.000 bis 14.000 Euro pro Jahr", so Gawron. Für viele sei das eine zu große Hürde.
Man braucht schon viel Mut, um mit der Chancenkarte nach Deutschland zu kommen und dann von null zu starten.
Große Frustration bei ausländischen Fachkräften mit Chancenkarte
Und auch diejenigen, die es mit der Chancenkarte nach Deutschland schaffen, seien oft frustriert. Ein Grund: Um die Chancenkarte zu erhalten, reichen Anfängerkenntnisse in Deutsch (A1) oder fortgeschrittenes Englisch (B2) aus. Auf dem deutschen Arbeitsmarkt erwarte man aber in der Regel fließendes Deutsch.
Justyna Gawron schlägt deshalb vor, den Zugang zu Deutsch-Sprachkursen zu erleichtern. Aktuell werde dieser eher erschwert. Alternativ könne man auch die Anforderungen an die Deutschkenntnisse für eine Chancenkarte erhöhen.
Fachkraft aus Indien mit Zukunft in Deutschland
Programmiererin Poonam aus Indien hatte all diese Probleme nicht. Schon bei ihrer Einreise hatte sie Deutschkenntnisse auf B1-Niveau. Für sie sei es unkompliziert gewesen, über die Chancenkarte nach Deutschland und an eine Arbeitsstelle zu kommen. Der direkte Kontakt vor Ort habe sehr geholfen.
Und auch privat geht es bei Poonam voran. Seit Kurzem wohnt endlich auch ihr Sohn wieder bei ihr. Für die Programmiererin aus Indien hat sich mit der Chancenkarte das Versprechen auf eine Zukunft in Deutschland erfüllt. Bislang sind solche Erfolge die Ausnahme.