Eintauchen in die Welt der Vögel

Emmendinger erklärt Trendhobby "Birding": Warum Vogelbeobachten heute cool ist?

Von wegen langweilig und verstaubt: Vogelbeobachten durchlebt derzeit einen Imagewandel. Vor allem bei jungen Menschen ist es beliebt.

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Von Autor/in Louise Schöneshöfer

Sechs Uhr morgens in Freiburg-Rieselfeld: Vogelbeobachter Kalle Nibbenhagen und eine 15-köpfige Gruppe machen sich auf zu einer mehrstündigen Exkursion. Bei allen hängt ein Fernglas um den Hals. Ihr Ziel: Vogelbeobachtungen im Wald, auf einer Streuobstwiese und in dem nahegelegenen Naturschutzgebiet. Immer wieder halten sie an und lauschen dem Vogelgesang.

Die Gruppe startet im Wald. Ob dieser Ruf gerade von einer Amsel, einem Buntspechts oder einem Zaunkönigs stammt? "Dieses kurze, schnalzende Zeck ist typisch für den Zaunkönig", erklärt Nibbenhagen. Der 27-Jährige aus Emmendingen organisiert die Tour. Er hat "Birding", also das Hobby des Vogelbeobachtens, zu seinem Beruf gemacht. Neben Touren zu Vogelbeobachtung widmet er sich der Videoproduktion und teilt sein Vogelwissen auf YouTube. "Der Zaunkönig ist einer unserer kleinsten Vögel - dafür aber ziemlich stimmgewaltig", erzählt er der Gruppe im Wald.

Vogelstimmen zu bestimmen, findet er faszinierend

Die Ohren spitzen. Einen Blick nach oben werfen. Der morgendliche Spaziergang erfordert volle Konzentration auf den Moment. Wenn eine neue Melodie erklingt, zeigt Nibbenhagen mit dem Zeigefinger in die Luft. Alle in der Gruppe hören genau hin, einige greifen zu ihrem Fernglas und versuchen, den Vogel zu sehen.

Eine Gruppe an Menschen nimmt an einer Vogelbeobachtungs-Tour teil. Mithilfe eines Fernglases versuchen sie ein paar Vögel aus der Ferne zu sehen.
Man hört ihn von weitem, doch der Buntspecht ist nur per Fernglas zu sehen. Die "Birding"-Gruppe will den Moment nicht verpassen. Lennart Schweizer

Währenddessen erklärt Nibbenhagen steckbriefartig, was den Vogel, den alle gerade hören, ausmacht und wie sich der Gesang der zugehörigen Art zuordnen lässt. Dass es überhaupt möglich ist, Vogelstimmen bestimmen zu können, hätte Nibbenhagen lange nicht gedacht. Einer seiner Professoren an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg konnte das. Das faszinierte Nibbenhagen so sehr, dass er vor etwa zehn Jahren selbst in die Vogelwelt eintauchte.

"Ich habe mir mehr oder weniger alles selber beigebracht", sagt er - durch Zeit in der Natur, Lesen und im Austausch mit anderen Leuten. Das habe ihm so viel Spaß bereitet, dass er schnell dazulernte. 2019 fing Nibbenhagen mit seinen YouTube-Videos an. Dort porträtiert er jede einzelne Vogelart - meistens anhand von Aussehen, Lebensraum, Lebensweise, Gesang und anderen Eigenarten.

YouTube-"Birder" Kalle Nibbenhagen hat Fans

Seine Videos kommen gut an. Manche haben über eine Million Aufrufe. "Wir verfolgen Kalle auf YouTube und sind riesige Fans", sagt Helena Braun bei der Exkursion in Freiburg.

Sie studiert Umweltnaturwissenschaften und interessiert sich sehr für Natur und Tiere. Die Exkursion sei für sie der Einstieg, um mehr über Vögel zu lernen. Patrick Fischer begleitet sie bei der Tour. Als die beiden gesehen haben, dass Kalle Nibbenhagen die Exkursion anbietet, wollten sie unbedingt dabei sein.

Wir verfolgen Kalle auf YouTube und sind Riesen Fans.

Eine weitere Teilnehmerin, Katharina Jocheise, freut sich, ihn mal live erleben zu dürfen und seine Begeisterung zu sehen. Zum Vogelbeobachten kam sie während ihrer Schwangerschaft. Da ists sie auf einen Vogel aufmerksam geworden, der über Stunden immer wieder die gleichen Strophen gesungen hat, so Jocheise.

"Dann habe ich herausgefunden, das ist ein Buchfink. So kam ich irgendwann zu immer mehr Vögeln. Und so hat sich für mich eine neue Welt eröffnet. Da fühle ich mich verbunden mit der Natur." Jetzt macht Jocheise solche Vogelspaziergänge öfter.

Eine Frau und ein Mann stehen in Oudoor-Klamotten und mit einem Rucksack auf dem Rücken nebeneinander. Sie halten sich beide ein Fernglas vor die Augen.
Katharina Jocheise und Raphael Ibald gucken durch ein Fernglas. Ob sie da gerade Vögel sehen?

Vogelbeobachtung ist bei jüngeren immer beliebter, sagt auch Martin Rümmler, Referent für Vogelschutz beim Naturschutzbund (NABU). In den letzten Jahren hätten einige das "Birding" für sich entdeckt, die ohnehin schon gerne in der Natur unterwegs sind, sagt er. Aber auch Vogel-Content sei beliebt. Man könne schon von einem Trend sprechen, so Rümmler.

Social Media vernetzt "Birding"-Gleichgesinnte

Dabei habe Social Media einen großen Einfluss, findet Nibbenhagen: "Man kann sich vernetzen." So sei man gerade in jungen Jahren nicht alleine mit diesem scheinbar komischen Hobby, sondern finde Gleichgesinnte. Das Image habe sich gewandelt, sagt er: "Dass es jünger und für viele Leute cool geworden ist, trägt dazu bei, dass viele mit einem anderen Selbstbewusstsein herangehen."

Vogelbeobachtung ist eine Art zurück zu den Wurzeln. Es ist einfach beruhigend.

Dazu kommt offenbar eine Lebensweise, in der Menschen permanent gestresst sind, so Nibbenhagen. "Alles wird optimiert: im Beruf, im Studium, oder privat. Alles hat immer einen Zweck. Vogelbeobachtung kann dem sehr viel entgegensteuern", erklärt er sich den "Birding"-Trend. Ein "Zurück zu den Wurzeln", etwas Beruhigendes. Man mache es aus dem Grund, draußen zu sein.

Ein junger Mann mit Brille, Cappy und einem Stativ über die Schulter getragen schaut in die Ferne.
Vogelbeobachter Kalle Nibbenhagen bietet eine "Birding"-Tour an. Lennart Schweizer

Den Reiz sieht er zudem in der Flüchtigkeit. Vogelbeobachten könne man überall machen, sagt Nibbenhagen: "Um die Ecke kann schon wieder ein Vogel sitzen. Das erwartet man nicht. Die Vogelwelt ist immer in Bewegung." Eine Beobachtung mache man kein zweites Mal. "Auch wenn ich diese Tour hier schon 20 Mal gemacht habe: Keine ist wie die andere", so der Vogelbeobachter.

Die Vogelwelt ist immer in Bewegung.

Zwar seien das alles Faktoren, die nicht neu sind, so Nibbenhagen. "Aber wenn Leute mehr Stress erfahren und alles immer beschleunigt wird, ist ein Rückzug zu Ruhe, Entspannung und mit Fokus etwas beobachten interessant."

"Birding" als Achtsamkeitsübung

Für viele ist Vogelbeobachten eine Art Entschleunigung. "Sich einfach nur auf die Tiere zu konzentrieren, ist eine schöne Achtsamkeitsübung", sagt Teilnehmer Patrick Fischer bei der Exkursion. Das Handy könne einfach in der Tasche bleiben. Helena Braun beschreibt: "Es ist still, dann hört man Geräusche und entdeckt mal etwas - das ist sehr meditativ."

Ein kleiner Vogel sitzt auf einer Baumkrone und singt.
Eine Streuobstwiese bei Freiburg-Rieselfeld. Eine Dorngrasmücke sitzt auf einem Apfelbaum. Lennart Schweizer

Inzwischen ist die "Birding"-Gruppe um Vogelbeobachter Kalle Nibbenhagen auf der Streuobstwiese angekommen. Eine Dorngrasmücke kommt angeflogen, landet auf der Baumkrone eines rund 30 Meter entfernten Apfelbaums. Nibbenhagen hat das natürlich sofort gesehen. Er richtet sein Spektiv - ein Beobachtungsfernrohr - für alle in der Gruppe ein, damit alle mal hineinschauen können und den Vogel aus nächster Nähe zu Gesicht bekommen.

"Ich finde es total schön, mein Hobby und Wissen zu teilen. Andere daran teilhaben zu lassen, gibt mir total viel", so Nibbenhagen. Aus der Frage, ob er denn einen Lieblingsvogel hat, geht hervor: Selbst die kleinen, braunen, unscheinbaren Vögel begeistern ihn. Die Dorngrasmücke oder Gartengrasmücke findet er zum Beispiel interessant. Arten, die mal eher mal übersehen werden. "Eisvögel, Bienenfresser, der Wiedehopf - die haben schon eine Lobby."

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Louise Schöneshöfer
Louise Schöneshöfer, Reporterin im SWR Studio Freiburg.

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