Gegen oberflächliches Dating

Liebe statt Likes? Freiburger WG-Bewohner entwickeln neue Dating-App

Swipen, liken - und dann? Oftmals Funkstille oder noch schlimmer: anstößige Nachrichten. Zwei WG-Bewohner aus Freiburg wollen das ändern. Ihre App verspricht mehr echte Begegnungen statt Matches.

Teilen

Stand

Von Autor/in Samantha Happ

Laura Borsoi hatte sich wie viele Millionen Menschen in Deutschland auf der Suche nach der großen Liebe in Dating-Apps angemeldet. Doch statt tollen Begegnungen bekommt sie viele respektlose und übergriffige Nachrichten und viel zu viele Likes, denen sie gar nicht mehr gerecht werden kann. Gemeinsam mit ihrem Freiburger Mitbewohner Jonathan Köbelin entwickelt sie die Idee für ihre Dating-App "Nova Meet".

Swipen und Liken: Konsum auf Dating-Apps

Swipen oder Liken ist das Prinzip vieler aktueller Dating-Apps. In nur wenigen Sekunden entscheiden Nutzerinnen und Nutzer meist anhand von Bildern, ob sie Interesse an einer Person haben oder nicht. Geben sich beide gegenseitig ein Like, entsteht ein Match und es wird ein Chat freigeschaltet, in dem sie miteinander schreiben können.

Doch die Realität sieht oft anders aus, selbst bei einem Match bleibt der Chat oft leer. "Ich schreibe grundsätzlich nicht als erstes an", schreiben einige Männer in ihren Profilen, andere monieren, dass sie kaum Likes von Frauen bekommen. Viele Frauen fühlen sich dagegen überwältigt von der Menge an Likes, Matches und Nachrichten. Dem könne man gar nicht gerecht werden. Teilweise habe man dann Unterhaltungen mit fünf Leuten gleichzeitig laufen, erklärt Borsoi. Eine der Folgen davon ist häufig Ghosting.

Dating-Frust statt Dating-Lust

"Ghosting ist ein Riesenthema. Da schreibt man einer Person und die schreibt nicht zurück. Oder es fängt eine Konversation an und man denkt eigentlich, es entwickelt sich in eine gute Richtung und dann auf einmal kommt einfach gar nichts mehr", so die Erfahrungen der 27-Jährigen.

Auch Respektlosigkeit, völlig gehaltlose und übergriffige Nachrichten sind bei Dating-Apps oft an der Tagesordnung. Eine Situation, an die sich Laura heute zurückerinnert: Als ein Mann sie nach einem kurzen "Hi" zur Begrüßung fragte, ob sie sich auf seinen Kopf setzen könne. "Warum? Warum kann man eine Person nicht einfach ganz normal kennenlernen, wir haben uns ja noch nie gesehen. Außerdem frage ich mich: Hat das bei irgendjemandem schon mal gezogen? Ich wüsste nicht, dass das jemals funktioniert hat."

Ein Penis wurde als Graffiti an eine Wand im Freiburger Seepark gesprüht.
Ein Graffiti-Penis, den Unbekannte an eine Wand im Freiburger Seepark gesprüht haben. Auch im Rahmen von Online-Dating sind sogenannte Dickpics, ungefragt versendete Penis-Bilder, und sexuell übergriffiges Verhalten häufig ein Problem. David Kölsch

Frust als Antrieb für Dating-App "Nova Meet"

Mangelnder Respekt, überzogene Erwartungshaltungen oder Dating-Profile, die mit der Realität nicht übereinstimmen, sorgen bei Laura wie bei vielen Nutzerinnen und Nutzern für Dating-Frust und führen bei manchen sogar zu einem Online-Dating-Burn-out. Zu ihren Dating-Erfahrungen tauschte sich Laura Borsoi in der gemeinsamen Wohngemeinschaft (WG) immer wieder mit ihrem Mitbewohner Jonathan Köbelin aus: Er schlug vor, gemeinsam eine neue App zu entwickeln. "Wir haben gemerkt, dass die Menschen sich mit den Dating-Apps, die auf dem Markt sind, schwertun. Das Online-Dating per se war nicht das Problem, sondern die schlechte Erfahrung."

Texten statt matchen: So funktioniert die Dating-App

Statt endlosem Swipen aus Langeweile oder um das eigene Selbstbewusstsein aufzupolieren, wird den Nutzerinnen und Nutzern von "Nova Meet" nur eine beschränkte Anzahl an Profilen angezeigt. "Für Männer sind es acht, bei Frauen doppelt so viele", erklärt Jonathan Köbelin. Mit einem Herzchen können Frauen darauf aufmerksam machen, dass sie sich über eine Nachricht von dem Gegenüber freuen würden: "Anders als etwa bei Bumble, wo Frauen den ersten Schritt machen müssen, hatten wir den Eindruck, dass Frauen gerne angeschrieben werden wollen", erklärt Jonathan. Ganz im Sinne der Gleichstellung und frei nach dem Motto "selbst ist die Frau" können Frauen aber auch den ersten Schritt machen und eine Nachricht schicken.

Tinder, Lovoo, Bumble & Co. Online-Dating: Mit diesen Tipps kannst du bald aufhören zu swipen!

Swipen, chatten, verlieben – so läuft Online-Dating im besten Fall. Hier findet ihr Tipps und Facts zum Online-Dating, damit ihr eure Apps bald für immer löschen könnt.

Und die Männer: Denen bleibt nicht viel Anderes übrig, als den Frauen Nachrichten zu schicken. Denn ohne Swipen - auch kein Match. Nur rund 400 Zeichen bleibt ihnen für den ersten Eindruck. Ein Freibrief für Respektlosigkeiten und übergriffiges Verhalten? Mithilfe von Emojis gibt es bei "Nova Meet" für Frauen die Möglichkeit, die Qualität der Chats und Unterhaltungen zu bewerten. "Das ist nur für Männer, bei Frauen haben wir dieses Problem nicht gesehen bei Dating-Apps", so Köbelin. Diese Bewertungen sind dann auch für andere Frauen in den Profilen der Männer sichtbar. Das soll auch jenen zugutekommen, die bisher vielleicht nicht so viele Matches bekommen haben. Sie können hier durch sympathische erste Nachrichten punkten.

Dating-App: Kennenlernen und zusammen bleiben

"Also das wichtigste Ziel ist es für uns, dass sich die Leute kennenlernen und auch zusammen bleiben", so Köbelin. Daher geht es dem Entwickler-Duo auch nicht darum, die Leute möglichst lange auf der App zu halten. Stattdessen denke man über eine weitere App nach, die die Paare dann nutzen können, um ihr Zusammenleben zu organisieren und an ihrer Beziehung zu arbeiten. Denn auch zum Umgang miteinander: Ob in einer Beziehung oder beim Dating und zu anderen Themen wie Sexualität oder Feminismus bieten die beiden in ihrer App Hilfestellung an. Kurze Artikel zu einem Thema oder Podcasts, die die Menschen auf Liebeskurs bringen sollen.

Die großen Dating-Apps, das sind alles Aktienkonzerne, da geht es um Gewinne, Zahlen und Umsatz. Ich finde, das hat wenig mit Liebe zu tun.

Ein Bezahlmodell gibt es daher bei "Nova Meet" noch nicht. Man wolle versuchen, die App so lange wie möglich kostenlos nutzbar zu lassen oder die App vielleicht durch Werbung zu finanzieren. "Weil Liebe einfach nichts kosten sollte", daher seien die beiden schon damit zufrieden, wenn sich die App irgendwann selbst trägt. "Wir sind der Meinung, dass man nicht ne Milliarde Gewinn machen muss, jedes Jahr, für was? Wer braucht das Geld?", so Köbelin.

Dating-Apps: Nutzerzahlen und Interesse sinken offenbar

Besonders beliebt sind die Apps bei den 25- bis 34-Jährigen. Bereits die Hälfte hat schon mal online gedatet, wie eine YouGov Umfrage aus dem Jahr 2024 zeigt. Auch bei den Jüngeren sind 36 Prozent auf den Apps unterwegs, bei den 35- bis 44-Jährigen sind es 38 Prozent. Zu den erfolgreichsten Dating-Apps in Deutschland gehören Bumble, Lovoo, Tinder und Hinge.

Die zuletzt genannten Apps gehören zum weltweit größten Player auf dem Online-Dating-Markt: die "Match Group". Sie vereint über 40 soziale Netzwerke. Fast ihre gesamten Einnahmen erzielt die Match Group über Abonnements. Nur einen kleinen Teil durch Werbung. Doch der große Hype mit dem Online-Dating erfährt aktuell einen Abwärtstrend: Die Nutzerzahlen und die Zahlungsbereitschaft nehmen ab. Hatten bei der beliebtesten App "Tinder" 2023 hatten noch rund 10,6 Millionen User ein Abo, waren es Anfang dieses Jahres nur noch 9,1 Millionen Menschen. Auch die Download-Zahlen gehen bei vielen Dating-Apps zurück.

Ananas im Einkaufswagen: Mehr Dating im echten Leben

Umso mehr scheinen Aktionen im Trend zu sein, die Menschen im echten Leben zusammenbringen sollen. In einem Supermarkt in Waldbronn (Kreis Karlsruhe) sollen die Kundinnen und Kunden neben Eiern und Milch mithilfe von pinken Einkaufskörben auch die Liebe fürs Leben finden. Wer statt eines schwarzen einen pinken Einkaufskorb wählt, signalisiert: Ich bin offen fürs Flirten.

In vielen großen Städten in Deutschland ist das "Freunde pitchen" aktuell sehr beliebt. Im Rahmen einer Präsentation vor Publikum werden Singles von ihren Freunden angepriesen. Am Ende können die Besucherinnen und Besucher Kontakt zu den vorgestellten Singles aufnehmen.

In einer Supermarkt-Kette in Spanien lassen die Menschen Obst und Gemüse für sich sprechen - in der Hoffnung auf eine "jucy" Begegnung. Mit einer umgekehrten Ananas in den Einkaufswagen wollen Singles andere Singles zum Rendezvous in die Weinabteilung locken. Wer noch einen Salatkopf im Wagen liegen hat, zeigt an: Ich bin auf einen One-Night-Stand aus. Linsen stehen für den Wunsch nach etwas Dauerhaftem; eine Melone symbolisiert den Kinderwunsch und ein Anstupsen mit dem Einkaufswagen ist ein Match.