Auch Wärmebildkameras im Einsatz

Retten statt totmähen: So werden Rehkitze per Drohne im hohen Gras aufgespürt

Jetzt bringen die Rehe die Kitze auf die Welt. Jetzt mähen die Bauern ihre Wiesen. Jedes Jahr sterben in Deutschland 100.000 Rehkitze. Rehkitz-Retter versuchen, das zu verhindern.

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Von Autor/in Michael Hertle

Wenn im Frühling die Landwirte mit dem Mähen beginnen, beginnt auch für viele Rehkitze eine lebensgefährliche Zeit: Gut getarnt im hohen Gras werden sie von Mähmaschinen oft übersehen. Rund 100.000 Jungtiere sterben jedes Jahr in Deutschland bei der Frühjahrsmahd. Um das zu verhindern, setzen sogenannte Rehkitz-Retter auf Drohnen mit Wärmebildkameras - ehrenamtlich und mit großem Einsatz. Ein Besuch bei einer Rettungsaktion in Heuweiler bei Freiburg zeigt, wie moderne Technik Leben rettet.

Hohes Gras schützt Rehkitze vor Fressfeinden, aber nicht vor Traktoren

Es ist morgens halb sechs, die Sonne geht gerade auf über einer Wiese am Waldrand in Heuweiler bei Freiburg. Das Team der Rehkitz-Retter Südbaden macht sich bereit. Maria-Andrea Merz und Bernhard Wichmann stehen vor dem offenen Kofferraum ihres Autos, wo ein großer Bildschirm montiert ist. Neben dem Auto wartet die Drohne startklar auf dem Boden. Bernhard Wichmann überprüft den vorprogrammierten Kurs, den die Drohne gleich im Zickzack über die Wiese fliegen wird.

Das Team der Rehkitz-Retter bereitet den Drohnenflug vor.
Das Team der Rehkitz-Retter bereitet den Drohnenflug vor.

Oben direkt am Waldrand taucht eine Rehricke mit ihrem Kitz auf, schaut sich um und verschwindet wieder im Wald. Das Gras auf der Wiese steht halbhoch, der Wiesenrand am Wald ist für die Ricke der ideale Ort, um ihr Kitz auf die Welt zu bringen. Das Neugeborene drückt sich instinktiv zwischen den Halmen auf den Boden und wird so praktisch unsichtbar für Fressfeinde wie Fuchs und Greifvögel. Dieser Schutzreflex werde dem Kitz aber zum Verhängnis, wenn der Landwirt die Wiese mäht, sagt Kitzretterin Maria-Andrea Merz.

Egal was kommt, ob ein Mensch kommt, ob ein Traktor kommt, das Rehkitz bleibt liegen. Es bewegt sich nicht. Das ist von der Natur so eingerichtet gegen Raubtiere.

Selbst wenn es schon laufen könnte, es würde nicht aufstehen, denn so jung wäre es noch viel zu langsam und unsicher auf den Beinen, um fliehen zu können, so Merz.

Ein weißer Fleck: Drohne spürt Rehkitze auf

Die Rehkitz-Retter starten die Drohne. Auf dem Bildschirm erscheint ein geteiltes Bild. Rechts sieht man die Wiese aus der Vogelperspektive. Links zeigt die Wärmebildkamera die Wiese als schwarz-weißes Muster aus dunklen und hellen Flecken. Je höher die Temperatur, desto heller erscheint ein Objekt auf dem Bild. Rehkitze sind wärmer als der noch kühle Wiesenboden am Morgen und erscheinen als weiße Flecken auf dem Bildschirm.

Plötzlich erscheint ein größerer heller Fleck. Das könnte ein Rehkitz sein, sagt Andrea Merz. Sie fliegen näher mit der Drohne heran und zoomen. Doch das vermeintliche Rehkitz stellt sich als Stein unter einem Pflanzenbüschel heraus. Es braucht viel Erfahrung, um den richtigen weißen Punkt zu erkennen, sagt Bernhard Wichmann.

Das war normales Pflanzenwachstum, aber das narrt uns manchmal im Wärmebild.

Die Wärmebildkamera erkennt alles: vom Maulwurfshügel im Gras bis zum Ameisennest im Boden. Experten betonen, man müsse die Bilder nur richtig deuten. Die Drohne sucht weiter und entdeckt nach kurzer Zeit ein Kitz, das sich am Waldrand tief ins Gras drückt. Mit der Drohne leiten sie Karl Merz, den dritten im Rehkitz-Retter-Team, zur richtigen Stelle. Vorsichtig pirscht er sich heran, sehen kann er das Kitz noch nicht.

Die Kitze sind ziemlich klein und so tief im Gras versteckt. Man sieht sie, selbst wenn man drauf zuläuft, erst im letzten Augenblick.

Karl Merz trägt einen großen Fischkescher vor sich her. Mit dem fängt er das Kitz so schonend wie möglich ein. Außerdem trägt er Gummihandschuhe, um ja keinen Menschengeruch zu hinterlassen, der die Rehmutter später vertreiben könnte. Er legt das Kitz vorsichtig in einen Umzugskarton mit Luftlöchern. Das Kitz zittert vor Schreck, doch ihm wurde gerade das Leben gerettet. Karl Merz trägt den Umzugskarton ein paar Schritte in den Wald. Hier soll das kleine sicher warten, bis die Wiese gemäht ist. Er beschwert den Deckel des Kartons noch mit einem Ast. Denn die Rehmutter wird sicher kommen, sie soll die Kiste nicht umstoßen. Ihren Schützling würde dann direkt vor die Mähmaschine zurücklaufen.

Die Rehkitzretter packen zusammen. Sie müssen weiter zur nächsten Wiese, zum nächsten Landwirt, der sie gerufen hat. In diesen Wochen sind sie praktisch jeden Tag unterwegs, erzählt Maria-Andrea Merz.

Das ist eine Herzensangelegenheit. Wenn man einen Landwirt anschaut, und der sagt, ich musste ein Kitz erlösen, das reicht eigentlich schon.

Die Retter sind ehrenamtlich unterwegs. Landwirte zahlen nichts für die Rettungseinsätze. Das Land gewährt ihnen lediglich einen Zuschuss für Drohnen und andere Ausrüstungen. Die meisten Retter sind Jäger oder Mitglieder eines Jagdvereins. Jäger kennen das Verhalten von Rehen gut.

Rehkitzretter: Drohnen-Methode besser als Geräusche

Wie man Rehkitze am besten und am einfachsten vor der Mähmaschine schützt, darüber gibt es Diskussionen unter Fachleuten. Manche argumentieren, es reiche vor der Mahd mit einem Hund durch die Wiese zu gehen. Er würde das Kitz aufstören und das würde dann die Wiese verlassen. Oder es genüge, unangenehme Geräusche zu machen, Piepstöne, die zum Beispiel auch Marder von Autos fernhalten sollen.

Mancher Landwirt hat auch schon ein lautes Radio an seiner Wiese aufgehängt. Das nützt alles nichts, sagen die Rehkitz-Retter. In den ersten zwei Lebenswochen verströmt das Rehkitz keinen Geruch, um eben vom Fuchs nicht gefunden werden zu können. Ein Hund würde es genauso wenig riechen. Auch Geräusche seien unwirksam. Sogar beim Lärm eines Traktors würde sich das Kitz instinktiv nur umso dichter an den Boden kauern. Denn in so frühem Alter sei es einfach zu schwach zu fliehen. Die einzig sichere Methode sei die Suche mit der Wärmebild-Drohne.

Bauern zwischen Landwirtschaft und Tierschutz

Jetzt suchen die Kitz-Retter mit der Drohne die nächste Wiese ab, diesmal in der March (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald). Der Landwirt und sein Sohn stehen daneben und warten, bis sie mit dem Mähen anfangen können. Die Wiese liegt direkt an der Dreisam und auch hier tauchen regelmäßig Rehe auf, erzählt Landwirt Klaus Meier aus Hugstetten. Auch er hat schon einmal ein Rehkitz mit der Mähmaschine erwischt. Das sei zwar schon lange her, aber es gehe ihm immer noch nach.

Die Klingen zerschneiden den Bauch, hauen Sehnen ab und trennen vielleicht ein ganzes Bein ab.

Jedes Jahr ruft er deshalb die Rehkitz-Retter. Eine Stunde brauchen sie, um seine drei Wiesen zu kontrollieren. Dann könne er mähen, mit einem guten Gewissen. In Heuweiler ist Landwirt Klaus Thoma inzwischen fast fertig mit seiner Wiese. Er konnte zügig durchmähen. Kein Reh versteckt im Gras, das Kitz wartet ja sicher im Umzugskarton zwischen den Bäumen.

Es ist halt schon beruhigendes Mähen, wenn man weiß, dass nichts drin ist.

Nach der Wiesenmahd haben die Retter das Kitz wieder am Wiesenrand abgelegt, damit seine Mutter es findet
Nach der Wiesenmahd haben die Retter das Kitz wieder am Wiesenrand abgelegt, damit seine Mutter es findet.

Rehkitz-Retter erleben Lohn ihrer Arbeit

Jetzt ist es höchste Zeit für Karl Merz, das Rehkitz wieder aus der Kiste zu befreien. Vorsichtig trägt er den Karton zur Wiese. Er öffnet den Deckel und legt das Tier auf den Boden. Das Kitz duckt sich sofort zwischen die Halme. Karl Merz wirkt erleichtert.

Wir haben ein Leben gerettet, so ist es!

Er bedeckt das Jungtier mit einem Büschel Gras, um es vor der Sonne zu schützen. Dann entfernt er sich schnell. Bald wird das Kitz nach seiner Mutter rufen. Sie wird kommen und es säugen. Sie kann es sicher großziehen. Für die Rehkitz-Retter ist das Lohn genug.

Tausende Kitze gerettet: Ministerium fördert Drohneneinsatz

Mehr als 22.000 Rehkitze konnten im letzten Jahr gerettet werden. Drohnen haben geholfen, die Tiere aufzuspüren. Das sagt das Bundeslandwirtschaftsministerium. Neben den Rehkitzen wurden unter anderem auch insgesamt 4.234 Junghasen, Vogelgelege, Hirschkälber, Igel etc. gerettet, heißt es. Der Einsatz von Drohnen soll in diesem Jahr von der Regierung mit rund 2,5 Millionen Euro gefördert werden.

Gensingen

Drohnen helfen Rehkitze retten 1.000 Rehkitze in Bad Kreuznach und Mainz vor Mähtod gerettet

Täglich sind derzeit Rehkitzretter mit Drohnen unterwegs. Sie spüren per Wärmebildkamera Kitze im hohen Gras auf, bevor die Landwirte mähen.

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