Sanft streicht Shane Mayer mit seinem Zeigefinger über den Stolperstein in der Herrenstraße in der Freiburger Innenstadt. Neben ihm knieen sein Mann und sein Sohn. Auf dem Stein aus Messing steht: "Fred Mayer, Flucht 1938 USA als Amerika. Soldat 1944. Geheimauftrag. Verhaftet 20.04.1945. Gestapo Innsbruck. Gefoltert. Befreit 3.5.1945." Die dramatische Lebensgeschichte des Juden Friedrich, Fred Mayer verdichtet auf wenige Zeilen.
Der jüdische Spion Fred Mayer ist Shane Mayers Großvater, geboren und aufgewachsen in Freiburg. Der Blick des 43-Jährige Shane Mayer wandert zu den Fenstern des ehemaligen Elternhauses. Hier also verbrachte sein Opa seine Jugend als jüdischer Junge, traf Freunde, ging zur Schule.
"Das fühlt sich sehr real an", sagt Shane Mayer und blickt sich um. 1938 emigrierte sein Großvater Fred Mayer mit seinen Eltern und Geschwistern in den USA. Es war die letzte Möglichkeit zur Flucht. Kurz darauf brannten in deutschen und österreichischen Städten die Synagogen. Jüdinnen und Juden aus Südbaden wurden nach Gurs deportiert - viele später ermordet.
Rückkehr nach Deutschland
Fast 100 Jahre später kehrt Shane Mayer nach Deutschland zurück. Seit anderthalb Jahren lebt er in mit seinem Mann, J.Q., und seinem Sohn, Elijah, in Berlin. Der Grund für seine Rückkehr ist wenig erfreulich. Er hat sich mit seiner Familie in seinem Geburtsland USA unter Trump nicht mehr sicher gefühlt - und entschied sich, in die Heimat zurückkehren, aus der sein Großvater einst fliehen musste. Shane Mayer besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Neustart in Berlin war deshalb bürokratisch vergleichsweise einfach.
Queere Menschen unter Druck in den USA
Die politische Lage in den USA hat sich für queere Menschen in den vergangenen Jahren dramatisch verschärft. Das beobachtet auch Professorin Sieglinde Lemke vom Lehrstuhl für Amerikanistik an der Universität Freiburg. Seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump wurden über 100 Gesetze verabschiedet, die Rechte von LGBTQ-Personen einschränken. Menschenrechtsorganisationen kritisieren eine gezielte politische Kampagne. Studien zeigen, dass sich dadurch auch die öffentliche Meinung verändert.
Für Shane Mayer und seine Familie wurde die Situation unerträglich.
Wir haben gemerkt, was es bedeutet, an einem Ort zu leben, der gefährlich werden kann.
Eine kleine Gruppe von Menschen werde herausgegriffen und zum Sündenbock für alle Probleme gemacht. Diese Erkenntnis habe ihn an die Erfahrungen seines Großvaters in Freiburg erinnert. Shane Mayer blickt mit Sorge auf das, was in den USA passiert. Er blickt auf den Grundriss der zerstörten Synagoge: "Ich bin so dankbar, hier sein zu können. Aber wir müssen wachsam sein und daran erinnern, wie es dazu kommen konnte. Das so etwas nie wieder passiert."
Die Spionage-Tätigkeiten von Fred Mayerr sind im NS-Dokuzentrum nachzulesen. Als US-Spion soll er maßgeblich an der friedlichen Befreiung Innsbrucks beteiligt gewesen sein. In Freiburg kennen dennoch nur wenige die Geschichte von Fred Mayer. Geht es nach der Stadtverwaltung soll sich das bald ändern - in Kleineschholz soll eine Straße nach Fred Mayer benannt werden.