Die Fenster sind groß und nicht vergittert, aber bruchsicher. Im ganzen Gebäude kann man kein Fenster öffnen. Denn die Patienten, die dort behandelt werden, dürfen nicht raus. Das haben Gerichte angeordnet, weil die Patienten für die Allgemeinheit gefährlich sein könnten. Aber sie sind immer noch in einem Krankenhaus und nicht in einem Gefängnis. Der Neubau soll ihre Therapiemöglichkeiten und Chancen auf Resozialisierung verbessern. "Wir freuen uns sehr, dass wir mit den neuen Räumlichkeiten den Sicherungsbereich unserer Klinik deutlich entzerren können," so Ralf Zehnle, der Medizinische Direktor der Forensik.
20 Monate Bauzeit, rund 15 Millionen Euro Kosten: der Neubau für schwerstbeeinträchtigte Patienten im Zentrum für Psychiatrie Emmendingen (ZfP) geht Anfang Oktober in Betrieb. Zwölf Bewohnerinnen und Bewohner haben dort Platz. Auch die Heimverwaltung wird in dem Gebäude neue Räume beziehen. Insgesamt wurden 22 km Rohre, 13 km Elektrokabel und 5 km Datenkabel verbaut im Neubau der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie.
Moderne Schließtechnik und mehr Privatsphäre
Wer den Neubau betritt, muss durch eine Eingangsschleuse. Hochmoderne Schließtechnik erlaubt dort die Öffnung einer Tür nur, wenn alle anderen Türen verschlossen sind. Das gilt sowohl für die Fahrzeugschleuse, als auch den Fußgängereingang mit Aufzug. Der neue Schleusenbereich ermöglicht so auch den gesicherten Transport von Patientinnen und Patienten. Die Schlösser sind doppelt gesichert, sowohl mechanisch als auch elektromagnetisch. Von der Einführung des neuen Schließsystems profitieren auch die Mitarbeitenden der Einrichtung - moderne Chiptechnik ersetzt schwere Schlüsselbunde.
Mit dem Neubau erhält die Forensik eine seit Jahren notwendige Erweiterung, um Patientinnen und Patienten in Krisensituationen angemessen unterzubringen. Es gibt dort drei zusätzliche Wohneinheiten mit je vier Einzelzimmern - wichtige Rückzugsorte für psychisch kranke Menschen, die das alte Gebäude mit seinen Zwei- bis Dreibettzimmern nicht bietet. Die Patientinnen und Patienten hätten mitunter ausgeprägte Beziehungsstörungen, erklärt Ralf Zehnle, Direktor für Medizinische Forensik, sodass sie die Rückzugsräume dringend bräuchten.
Im Regelfall kann jeder Zimmerbewohner mit einem Chip sein Zimmer von innen und außen verschließen, um Privatsphäre zu ermöglichen. Dennoch gibt es jeweils zwei Klappen in den Türen: Eine zum Hineinschauen, eine weitere für die Mahlzeiten. Ein kleiner Schreibtisch, robuste offene Regale, Bett und Stuhl: Aus Sicherheitsgründen ist das Mobiliar in den Zimmern entweder fest verankert oder zu schwer, um es anzuheben. Statt durch Gitterfenster blicken die Patientinnen und Patienten durch ein spezielles Sicherheitsglas auf das parkähnliche Klinikgelände.
Wir sind sehr stolz darauf, dass es baulich gelungen ist, diese Station in kleine Wohngruppen einzuteilen.
In Gemeinschaftsräumen plaudern, lesen oder kochen
Zentraler Treffpunkt ist die Fläche vor dem pflegerischen Stützpunkt, wo die Flure zusammenlaufen. Hier befindet sich die "Schaltzentrale" fürs Personal. Alle Informationen laufen dort zusammen. Vis-á-vis an einem ovalen Stehtisch können sich die Bewohnerinnen und Bewohner außerdem zum Plaudern treffen oder Zeitung lesen. Vor allem aber sei dies ein wichtiger Ort für Beziehungsarbeit zwischen Pflegepersonal und Patienten, wie Thomas Beck, Pflegedienstleiter und Sicherheitsbeauftragter, betont.
Es gibt auf der Etage auch einen Balkon, der zwölf Stunden am Tag zugänglich ist - rundum gesichert und vergittert. Auf jedem Flur gibt es ein Raucherzimmer. Und Gemeinschaftsräume mit Sofa, Fernsehbildschirm, großem Esstisch und eine Gemeinschaftsküche.
Isolierbereich mit Videoüberwachung
In krisenhaften Situationen, beispielsweise wenn Patientinnen oder Patienten sich in einer psychotischen Phase aggressiv gegen sich und das Personal verhalten, können die Betreffenden hinter dicken Metalltüren isoliert werden. Dafür gibt es vier Räume, in denen sich jeweils nur ein Bett und ein WC befindet. Diese Räume sind mit einer Kamera ausgestattet, die es dem Pflegepersonal erlaubt, den ganzen Raum zu beobachten, eine Aufzeichnung findet nicht statt. Die Patienten werden darüber aufgeklärt, dass die Kamera nur dann aktiv ist, wenn ein rotes Licht aufleuchtet.
Mehr Menschen mit Erkrankungen im schizophrenen Spektrum
Zehnle beobachtet in den letzten fünf bis zehn Jahren eine Entwicklung, dass etwa 70 Prozent der Patientinnen und Patienten, die in der Einrichtung untergebracht werden, unter einer schizophrenen Erkrankung oder einer Erkrankung im schizophrenen Spektrum leiden.
Im Durchschnitt, sagt er, lebten Suchtpatienten zwei Jahre in der Einrichtung, psychiatrisch erkrankte Patienten im Durchschnitt fünf Jahre. Mittlerweile werde in allen forensischen Kliniken in Baden-Württemberg der Standard angestrebt, dass die Patienten mit langen Behandlungszeiträumen vornehmlich in Einzelzimmer kommen. Das sei bisher noch nicht flächendeckend umsetzbar, werde aber bei allen Neubauten berücksichtigt.