Das Staatsarchiv Freiburg stellt rund 230.000 Akten aus der Zeit der Entnazifizierung online zur Verfügung. Die Unterlagen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von der Militärregierung aus Südbaden nach Frankreich gebracht. Sie waren bisher ausschließlich dort einsehbar.
Das Projekt fand in Kooperation mit dem französischen Außenministerium statt. Unter den Namen finden sich auch Prominente wie die ehemalige Regisseurin Leni Riefenstahl.
Digitalisierung der Akten dauerte rund vier Jahre
Es ist ein Meilenstein in der Aufarbeitung der Freiburger NS-Geschichte: Nach vier Jahren Arbeit stellt das Staatsarchiv Freiburg rund 1,5 Millionen Digitalisate, also digitalisierte historische Dokumente, online. Das französische Außenministerium machte die Unterlagen zugänglich, die bislang ausschließlich in einem Pariser Archiv einsehbar waren. Die Digitalisierung der rund 90 Meter Archivmaterial nahm insgesamt vier Jahre intensiver Arbeit in Anspruch.
Die Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg, die sich für die Sicherung historischer Dokumente einsetzt, finanzierte das Projekt mit 384.000 Euro. Die rund 7.000 Einzelfallakten seien von "sehr, sehr großer Bedeutung", freut sich Annette Riek vom Staatsarchiv Freiburg. Der direkte Zugriff ohne den Umweg über Paris sei für viele NS-Forscherinnen und Forscher aus der Region eine große Erleichterung. Die Akten sind zwar vollständig digitalisiert - aber längst noch nicht alle online gestellt. Denn aus rechtlichen Gründen dürfen nur Akten über Personen ins Internet gestellt werden, deren Geburtsjahr mindestens 110 Jahre zurückliegt.
Digitalisierte Akte von Filmregisseurin Leni Riefenstahl
Unter den Unterlagen befinden sich auch Teile der Akten von bekannten Persönlichkeiten, die zeitweise in Südbaden lebten – etwa der Filmregisseurin Leni Riefenstahl, einer zentralen Figur der NS-Propaganda. Zu den neuen Dokumenten gehört unter anderem das Schreiben eines Prüfers, der Riefenstahls Äußerungen "äusserst unglaubwürdig" findet und die französische Militärregierung um eine "Nachprüfung" bittet.
Ehemaliger Freiburger Uni-Rektor: Die Akte Martin Heidegger
Auch der weltbekannte Philosoph Martin Heidegger, einst Rektor an der Freiburger Universität, taucht in den Unterlagen auf. Seine Akte enthält Dokumente zu einer charakterlichen Beurteilung durch die Alliierten. Heidegger stehe "nicht immer auf dem Boden der Wirklichkeit" und sei "ein weltfremder Wissenschaftler", heißt es darin. Digitalisiert wurden auch die Akten über Hanns Martin Schleyer, den von der RAF ermordeten ehemaligen Arbeitgeberpräsidenten, den Publizisten Franz Burda sowie Leo Wohleb, den früheren Staatspräsidenten Badens.
Entnazifizierung in Südbaden bis in die 50er-Jahre
Unter Entnazifizierung versteht man den Versuch der Alliierten, Menschen mit wichtigen Positionen im NS-Staat nach dem Zweiten Weltkrieg zu identifizieren und zu verurteilen. Ziel war es, Kriegsverbrecher strafrechtlich zu verfolgen und auf lange Sicht die NS-Ideologie aus den Köpfen der deutschen Bevölkerung zu kriegen.
80 Jahre Kriegsende Nürnberg 1945 – Die Prozesse, die Deutschland nicht wollte
Die Prozesse gegen die Nazi-Hauptkriegsverbrecher verfolgen die Deutschen wohlwollend. Als es in weiteren Prozessen um die Schuld der breiten Gesellschaft geht, kippt die Stimmung.
In Südbaden fanden die Befragungen, Tribunale und Verurteilungen zwischen 1945 und den frühen 1950er-Jahren statt. Die Digitalisierung der Akten gewinnt auch im Kontext aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen an Bedeutung: Archive seien gewissermaßen ein Gegenpol zu KI und Fake News, so Annette Riek vom Staatsarchiv Freiburg. Das Interesse an den Akten zur NS-Zeit sei weiterhin groß - es sei wichtig, dass das so bleibe.