Den Bodensee durch die Augen eines Kaisers erleben, das können Besucherinnen und Besucher des Napoleonmuseums derzeit auf dem Arenenberg bei Salenstein im Kanton Thurgau. "Was der Kaiser noch sah", heißt die Ausstellung, in der historische Fotografien aus der Zeit von Napoleon III. ausgestellt werden. Gleich am Eingang der Ausstellung hängt ein lebensgroßes Portrait, aus dem heraus schaut er die Besucherinnen und Besucher an. Charles Louis Napoleon Bonaparte, nicht der Napoleon, aber immerhin sein Neffe, der von 1852 bis 1870 ebenfalls französischer Kaiser war.
Landschaften, Dampfer und geschmückte Kühe - Fotografen hielten Bodenseeregion fest
Um ihn herum hängen Fotos aus seiner Zeit, Stadtansichten, Landschaften aber auch Dampfschiffe und Landwirtschaft. Die Fotografie war damals ein relativ junges Medium. Festhalten, was den Fotografen oder die Fotografin umgibt und auch Selbstdarstellung, beides finde man aber schon auf den Bildern im Arenenberg, sagt Gügel. Der moderne Dampfer "Arenaberg" wird genauso stolz mittig im Bild platziert wie eine geschmückte Kuh.
Wer sich in der Bodenseeregion auskennt, trifft auf viele vertraute Motive. Gebäude wie das Konzil in Konstanz waren damals schon alt, auch das Schloss in Friedrichshafen stand bereits seit langem. Dominik Gügel, Direktor des Museums auf dem Arenenberg, weiß: Nicht nur seit der Zeit Napoleons III. hat sich viel verändert in der Bodenseeregion. Zu dessen Lebzeiten fanden große Veränderungen statt.
Die Eisenbahn verändert das Bild am Bodenseeufer
Durch Ufer und historische Ortschaften hindurch schnitt der Bau der Eisenbahn. Heute steht das Konstanzer Konzilsgebäude ganz selbstverständlich isoliert und mächtig neben dem Konstanzer Hafen - auf den älteren Fotos der Ausstellung ist es Teil einer Häuserreihe. Auf den neueren schneidet die Trasse durch die Altstadt. In Allensbach (Kreis Konstanz) reichte die Altstadt bis ans Wasser, bevor die Gleise wie an vielen Orten den Zugang zum See abschnitten.
Hübsche Dampfer und Ruderboote auf anderen Bildern können nicht darüber hinwegtäuschen: Der Bezug zum Bodensee war für die Menschen damals ein anderer, erklärt Gügel: "Segeln, Baden, Tretbootfahren: das machte man damals noch nicht. Die meisten Menschen konnten gar nicht schwimmen, das Freizeitverhalten war ein ganz anderes. Der See war eher eine Bedrohung und gefährlich". Auch das Dampfschiff, mit dem der Kaiser den See befuhr, war ein ernstzunehmendes Transportmittel.
Die Bodenseeregion war schon damals international geprägt
Die Eisenbahn war modern und das konnte die Bodenseeregion brauchen: weder das Herzogtum Baden noch das Königreich Württemberg erachteten die Region als sonderlich zentral: "Das war ein Gebiet, das man vielleicht sogar abtreten könnte - das war eigentlich schon fast Österreich". Was machte dann aber ein französischer Kaiser am Bodenseeufer?
Gügel betont den internationalen Charakter der Bodenseeregion. Die Grenzen hätten damals keine sonderlich große Rolle gespielt: "Die sind heute so fest in den Köpfen, so fest konnte man aber damals noch nicht von ihnen ausgehen."
Der junge Prinz Napoleon hatte einen Teil seiner Kindheit und Jugend im Schweizer Exil verbracht. Auf Schloss Arenenberg bekam er Unterricht, sogar Schweizerdeutsch lernte er. Und die Region erinnerte sich an ihn. Ein ausschweifendes Leben soll er hier geführt haben, bevor er zum Kaiser wurde. Einige Nachfahren von unehelichen Kindern bevölkern angeblich die Region um Konstanz. Museumsleiter Gügel erinnert sich an Gespräche mit seiner Großmutter und deren Freundinnen, bei denen auch Geschichten über den Prinzen und späteren Kaiser erzählt wurden.
Wissen von Besuchern aus der Bodenseeregion ist gefragt
Nach Erinnerungen suchen die Museumsmacher auf dem Arenenberg aktiv. An zwei Bildschirmen kann man sich durch die Bilder klicken, zu denen den Historikerinnen und Historikern noch Informationen fehlen. Sie hoffen, dass Besucher vielleicht einen Verwandten von eigenen Familienbildern wiedererkennen oder zum Beispiel Hinweise zum Aufnahmeort geben können.
Viele der Fotografien stammen aus der Sammlung des Museums oder des Konstanzer Stadtarchivs. Ein Teil der Fotografien ist aber aus einem privaten Speicher ins Museum gekommen. Die Bilder waren im Besitz eines Unternehmers, der schon seit langem immer wieder Maleraufträge auf dem Arenenberg bekommt. "Die Vorfahren vielleicht seit den Zeiten Napoleons", lacht Gügel. Der brachte eines Tages die Kisten mit alten fotografischen Glasplatten vorbei. Zum Erstaunen des Museumsteams befanden sich darauf regionale Ansichten aus der Zeit Napoleons III.
Briefe der Familie Bonaparte sind wichtige Quelle für das Museum
Was den Kaiser außer Kindheitserinnerungen genau in die Region brachte und was er sich hier erhofft haben könnte, das bleibt Spekulation, so Gügel: "Außer, wir finden den einen entscheidenden Brief". Denn Briefe der Napoleons tauchten immer wieder auf, nicht nur in Frankreich oder der Schweiz, sondern überall auf der Welt, bis nach Australien. In Kürze hofft Gügel, dass sein Museum wieder einmal eine Sammlung von Briefen bekommt. Was darin steht - weiß er auch noch nicht.
Tausende solcher Briefe müssen noch erschlossen werden. Seine Kollegin Christina Egli und er wollen sich so der privaten Seite der legendären Familie Bonaparte nähern. Gemeinsam mit einem Verlag transkribieren und übersetzen sie Briefe und machen sie der Öffentlichkeit online zugänglich. Französisch ist die Muttersprache der stellvertretenden Museumsdirektorin, das ermöglicht den Zugang zu den historischen Dokumenten. Ungefähr 1.300 Briefe können Interessierte bereits lesen.
1865 besuchte das kaiserliche Paar Napoleon III. und Eugénie den Arenenberg. Dieser Besuch ist zentral für die Ausstellung auf dem Arenenberg. Die Kaiserin war zuvor noch nie hier gewesen. Die beiden erkundeten den Bodensee, ganz touristisch mit Dampferfahrt zu den Sehenswürdigkeiten der Seeufer. Vier Tage Ausblicke wie bei einem Urlaub, den Einheimische und Touristen ganz ähnlich auch noch erleben können.
"Was der Kaiser" noch sah, können Besucher täglich von 10 bis 17 Uhr herausfinden, die Ausstellung läuft noch bis zum 20. September 2026.