Selbsthilfe bei Drogenproblemen

Wenn Kinder süchtig werden: Seit 25 Jahren hilft diese Gruppe Eltern

Seit 25 Jahren unterstützt die Elternselbsthilfe Allgäu-Oberschwaben Familien mit drogenabhängigen Kindern. Gegründet von Beate Stör. Ihr Sohn starb an einer Überdosis.

Teilen

Stand

Von Autor/in Friederike Fiehler

Wenn Kinder drogenabhängig werden, gerät oft eine ganze Familie aus dem Gleichgewicht. Für viele Eltern beginnt eine Zeit voller Sorgen, Schuldgefühle und Fragen. Viele fühlen sich hilflos und allein.

In Leutkirch im Allgäu (Kreis Ravensburg) gibt es einen Ort, an dem sie darüber sprechen können. Seit 25 Jahren trifft sich hier die Elternselbsthilfe Allgäu-Oberschwaben für suchtgefährdete und suchtkranke Menschen.

Jeden Mittwochabend kommen Eltern zusammen. Manche sind zum ersten Mal da. Andere begleiten die Gruppe schon viele Jahre. Es wird geredet, auch gelacht. Und manchmal fließen Tränen. Die Gruppe hilft Eltern, mit der Situation zu leben. Sie gibt Halt in schweren Zeiten. Am Samstag feierte der Verein sein 25-jähriges Bestehen im Tagungshaus Regina Pacis in Leutkirch.

Beate Stör: Gründerin der Elternselbsthilfe und Motor seit 25 Jahren

Die Geschichte der Gruppe ist eng mit Beate Stör verbunden. Sie gründete die Elternselbsthilfe vor 25 Jahren. Damals gab es in der Region kaum Angebote für Eltern drogenabhängiger Kinder. Heute ist sie immer noch die treibende Kraft der Gruppe. Woche für Woche organisiert sie Treffen, führt Gespräche und begleitet neue Eltern.

Die ersten Monate waren jedoch schwer. Manchmal saß Stör bei den Treffen zunächst allein im Raum und wartete, erzählt sie dem SWR. Viele Eltern trauten sich nicht zu kommen. Mut machte ihr damals der geschäftsführende Pfarrer der Gemeinde. Er sagte zu ihr: "Halten Sie durch, das liegt nicht an Ihnen. Bitte machen Sie weiter, nicht aufgeben." Diese Worte bestärkten sie, an der Idee festzuhalten.

Um Eltern zu erreichen, ging Stör früh an die Öffentlichkeit. Sie schrieb Redaktionen an, ließ Hinweise im Kirchenblatt veröffentlichen und bat Beratungsstellen, auf die Gruppe aufmerksam zu machen. Die ersten Eltern meldeten sich - oft zunächst nur telefonisch.

Beate Stör steht auf einem Friedhof in Leutkirch und blickt auf das Grab ihres an Drogen gestorbenen Sohnes.
Beate Stör am Grab ihres Sohnes. Seine Sucht motivierte sie, anderen Eltern von drogenabhängigen Kindern zu helfen. Bild in Detailansicht öffnen
Kerze auf einem Tisch im Raum der Elternselbsthilfe Allgäu-Oberschwaben, im Hintergrund ein Banner der Gruppe. Im Gruppenraum der Elternselbsthilfe Allgäu-Oberschwaben treffen sich Eltern drogenabhängiger Kinder jede Woche.
Im Gruppenraum der Elternselbsthilfe Allgäu-Oberschwaben treffen sich Eltern drogenabhängiger Kinder jede Woche. Bild in Detailansicht öffnen
Beate Stör sitzt auf einer Bank und blättert in einem Buch mit Erinnerungen an ihren Sohn.
Erinnerungen an ihren Sohn: Beate Stör blättert in einem Buch über sein Leben. Bild in Detailansicht öffnen
Treffen der Elternselbsthilfe Allgäu-Oberschwaben in einem Raum der Kirchengemeinde in Leutkirch.
In Leutkirch sprechen Eltern offen über ihre Sorgen und Erfahrungen mit der Sucht ihrer Kinder. Bild in Detailansicht öffnen

Der Antrieb von Beate Stör ist persönlich. Ihr eigener Sohn kämpfte viele Jahre mit Drogen. "Das Wichtigste ist, dass wir stark bleiben. Dass wir damit leben lernen, dass unsere Kinder eine Suchterkrankung haben. Bis man das begriffen hat, dass es eine Krankheit ist, das dauert manchmal Jahre," so Stör.

Die Sucht ihres Sohnes begann bereits in jungen Jahren. Erst Alkohol und Cannabis, später härtere Drogen. Mehr als 20 Jahre lang bestimmte die Abhängigkeit sein Leben - und das seiner Familie, berichtet Stör.

Trotz der Sucht blieb der Kontakt zwischen Mutter und Sohn eng. Wenn er junge Menschen traf, warnte er sie manchmal vor Drogen, berichtet Stör. "Guckt mich an, ich habe mein Leben versaut", habe er gesagt. Und dann habe er ihnen geraten: "Schickt eure Mamas zu meiner Mutter in die Gruppe."

Die Geschichte ihres Sohnes verschweigt sie nicht. Sie spricht offen darüber. Vor sechs Jahren starb er an einer Überdosis. Der Verlust schmerze bis heute, sagt sie. Doch gerade deshalb macht Stör weiter. Sie will, dass andere Eltern früher Unterstützung finden.

Eltern drogenabhängiger Kinder: Warum Selbsthilfe so wichtig ist

Viele Familien sprechen kaum über das Thema Drogen. Scham spielt eine große Rolle. Auch Angst vor Vorurteilen. Im Elternkreis sei das anders, berichten die Eltern dem SWR. Hier dürfen alle offen reden.

"In der Öffentlichkeit, oder auch bei der Arbeit oder so, spricht man nicht darüber. Man hält das immer verborgen. Und hier im Elternkreis kann man wirklich alles aussprechen.", erzählt eine Mutter.

Sie berichtet, wie sie jahrelang nach Hilfe gesucht hat. "Ich bin von Amt zu Amt gelaufen", sagt sie. Doch oft habe sie nur gehört, dass ohne die Zustimmung ihres Kindes wenig getan werden könne. Erst über eine Beratungsstelle bekam sie den Flyer der Elternselbsthilfe in Leutkirch.

Viele Eltern kommen zunächst nur einmal, berichtet Beate Stör. Manche kehren erst Jahre später zurück. Dann, wenn sie merken, dass sie Unterstützung brauchen. "Manchmal rufen Eltern an und erzählen lange am Telefon", sagt Stör. "Und dann melden sie sich Jahre später wieder und sagen: Ich habe damals mit Ihnen telefoniert - jetzt brauche ich Hilfe."

25 Jahre Engagement: Hilfe, Gespräche und neue Ideen

Die Treffen folgen keinem festen Programm. Am Anfang steht eine Begrüßung. Danach erzählen die Eltern, wie es ihnen geht. Manchmal bleibt die Runde bei einem Thema hängen. Manchmal sprechen sie über Rückfälle oder Sorgen. Bis zu zwanzig Eltern können an einem Abend zusammenkommen. Das Ziel bleibt immer gleich: gegenseitige Unterstützung.

Neben den regelmäßigen Treffen organisiert die Gruppe auch Seminare. Ein- bis zweimal im Jahr laden sie Fachleute ein, um über Sucht, Familie und den Umgang mit Krisen zu sprechen.

Wir sind keine Paradiesvögel, wir sind ganz normale Menschen, deren Kinder in die Sucht geraten sind. Schließt euch zusammen, nur gemeinsam können wir was erreichen.

Neues Projekt: Garten für suchtkranke Menschen im Allgäu

Zum Jubiläum blickt die Gruppe auch nach vorne. Geplant ist ein Gartenprojekt für suchtkranke Menschen, gemeinsam mit der Caritas. Die Idee: Pflanzen säen, pflegen und wachsen sehen. Ein kleines Erfolgserlebnis im Alltag.

Das Projekt soll Menschen helfen, wieder Struktur in ihren Alltag zu bringen. Wer ein Beet übernimmt, muss regelmäßig kommen, gießen und sich kümmern, erklärt eine der Mütter. So entstehe Verantwortung - und sichtbarer Erfolg, wenn Pflanzen wachsen und Früchte tragen. "Da kann man eben mit wenig Aufwand relativ schnell so ein Glücksgefühl erzeugen. Ich glaube, dieses Glücksgefühl hilft vielen Leuten", sagt sie.

Der Garten soll nicht nur Beschäftigung sein. Er könnte auch ein erster Schritt zurück in ein geregeltes Leben sein. Etwa durch Praktika oder kleine Projekte rund um Gartenarbeit. Der Garten soll ein Ort werden, an dem neue Hoffnung wachsen kann, berichten die Eltern.

Karlsruhe

Winzige Mengen können tödlich sein Arzt aus Karlsruhe warnt vor neuer Designer-Droge: "Die Dunkelziffer ist hoch"

In Karlsruhe ist vor kurzem die Droge Cychlorphin aufgetaucht. Ein neues synthetisches Opioid, das schon in geringen Mengen tödlich sein kann. So gehen Mediziner in Karlsruhe damit um.

Drogen Benzos und Tilidin – Warum Jugendliche so leicht in die Tablettensucht rutschen

Tilidin, Oxycodon, Xanax: Viele Teenager kennen die Medikamente vom Schulhof und aus Rapsongs. Was müssen Gesellschaft, Familie, Politik tun, um der Suchtgefahr entgegenzuwirken?

Das Wissen SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Friederike Fiehler
SWR-Redakteurin Friederike Fiehler Autorin Bild

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!