Racheakt an der Justiz?

20 Jahre Giftanschlag auf Bodensee-Trinkwasser: Bis heute ist der Täter nicht ermittelt

Vor zwei Jahrzehnten erschütterte ein Giftanschlag auf die Bodensee-Trinkwasserversorgung die Region. Der Täter blieb unbekannt, doch die Sicherheitsmaßnahmen wurden verstärkt.

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Von Autor/in Matthias Deggeller

Eine Vorstellung, die Ur-Ängste weckt: Was ist, wenn das Trinkwasser, das man täglich zu sich nimmt, vergiftet ist? Ein Fall, der sich um diese Sorge dreht, jährt sich an diesem Wochenende in der Bodenseeregion zum zwanzigsten Mal. Zwar stellte sich im Nachgang heraus, dass eine tatsächliche Gefahr für Menschen nie bestand - dennoch bleibt der Giftanschlag auf das Bodensee-Trinkwasser im Jahr 2005 bis heute in der Wahrnehmung der Bevölkerung. Eine Rolle könnte dabei spielen, dass der Täter nie gefunden wurde.

Giftige Substanz in Kanistern im Bodensee versenkt

Die Nachricht schreckte damals im November 2005 die Öffentlichkeit auf: Im nordwestlichen Teil des Bodensees, im sogenannten Überlinger See, wurden Mitte Oktober vor Sipplingen Kanister in einer Tiefe von 70 Metern gefunden. Es gelte "Alarmstufe eins im Land", wie es die "Südwest Presse" formulierte. Die Behälter befanden sich etwa 300 Meter vom Ufer entfernt.

Ein unbekannter Täter hatte zuvor in einem anonymen Schreiben gedroht, dass er noch weitere Giftfässer versenken werden. Seine einzige Forderung war, die Öffentlichkeit über den Vorfall zu informieren. Analysen des Rohwassers sowie des aufbereiteten Trinkwassers ergaben Spuren des Pflanzenvernichtungsmittels Atrazin und weiterer giftiger Substanzen. Ein Schock für viele - schließlich werden mit dem Wasser der Bodensee-Wasserversorgung (BWV) an die vier Millionen Menschen versorgt.

Giftfass nach Bodenseeanschlag vor 20 Jahren
Einer der Fünf-Liter-Kanister, der unter anderem mit Pflanzenvernichtungsmittel bei Sipplingen im Bodensee versenkt worden war. (Archivbild) picture-alliance/ dpa/dpaweb | Polizei

Grenzwerte wurden nicht überschritten

Warum wurde die Bevölkerung mit Verzögerung informiert? Trotz der Belastung wurden keine Grenzwerte erreicht, die gesundheitsgefährdend waren. Man hätte - so beruhigten die Vertreter der Wasserversorgung - am Tag 50 Kubikmeter Wasser trinken müssen. Das ist die Menge eines Gartenpools. Zudem gab es "ermittlungstaktische Gründe": Die Behörden wollten die Bevölkerung nicht beunruhigen, bis ein Täter ermittelt war.

Als man dann doch an die Öffentlichkeit ging, sorgte sich diese dennoch. Die BWV richteten eine Telefonnummer für "besorgte Bürger" ein, die von einem enormen Ansturm überrollt wurde. Gleichzeitig war die Internetseite des BWV-Zweckverbands zeitweise nicht erreichbar. Laut einer Sprecherin der Hotline äußerten viele Anrufer Besorgnis über mögliche gesundheitliche Gefahren für sich und ihre Kinder.

Unbekannter verfasste Drohschreiben auf alter Schreibmaschine

Wichtige Fragen sind bis heute offen: Wer war der Täter und was war sein Motiv? Natürlich wurde umfangreich ermittelt, zum Teil mit einer fünfzigköpfigen Sonderkommission. Nach dem Anschlag überwachte die Wasserschutzpolizei über mehrere Monate hinweg sowohl die Entnahmestelle in Ufernähe als auch das Gebiet rund um die Wasseraufbereitungsanlage der BWV. Man erhoffte sich, den Täter auf frischer Tat zu ertappen.

Wahrscheinlich hatte der Täter die Kanister von einem Boot in den See geworfen. Bojen markierten damals die Ansaugstelle, die mehrere hundert Meter vom Ufer entfernt war. Im Dezember 2005 wurde erneut ein Giftkanister gefunden. Möglicherweise handelte es sich aber um eine Nachahmungstat.

Der damalige Bekennerbrief stellte die Ermittler vor große Herausforderungen. Das Schreiben, das mit einer älteren Schreibmaschine verfasst wurde, deutete laut der damaligen Polizeiangaben auf einen Menschen hin, "der mit sich und seiner Umwelt nicht klar kommt". Als mögliches Tatmotiv wurde ein Racheakt gegen die Justiz vermutet.

Wasserwerk Sipplinger Berg
Das Wasserwerk Sipplinger Berg des Zweckverbands Bodensee-Wasserversorgung (BWV): Hier in der Nähe wurden damals die Giftfässer gefunden. (Archivbild) picture alliance/dpa | Felix Kästle

Verdacht gegen Landwirt nicht bestätigt

Diese Vermutung lenkte die Aufmerksamkeit der Ermittler auf einen Landwirt aus Oberschwaben, der seit Jahren in Auseinandersetzungen mit Gerichten, Behörden und Umweltschützern verwickelt war. Auch soll dieser zuvor gedroht haben, Wasser oder Erdreich zu schädigen. Der Anfangsverdacht gegen den Bauern konnte jedoch nicht bestätigt werden. Laut dem damaligen Staatsanwalt hätte dem Wasservergifter eine "erhebliche Freiheitsstrafe" gedroht.

Seit dem Ereignis: Überwachung und umfangreiche Analysen

Die Tat ist somit bis heute nicht aufgeklärt, wirkt aber nach. Das kann auch die BWV bestätigen. "Vielen Menschen in Baden-Württemberg wurde damals bewusst, wie verletzlich die Trinkwasserversorgung sein kann", sagte eine Sprecherin des Verbands auf SWR-Anfrage. Bis heute werde man zum Beispiel bei Besucherführungen auf das Geschehen angesprochen. "Es erinnert sowohl uns als auch die Öffentlichkeit daran, wie bedeutend Schutz, Überwachung und ein umfassendes Sicherheitsmanagement für die Trinkwasserversorgung sind", sagt die Sprecherin.

Seitdem wird das Gebiet zum Beispiel durch Überwachungskameras überwacht und es werden moderne Analysemethoden eingesetzt, um Verunreinigungen frühestmöglich zu entdecken. Das gelte ausdrücklich für alle Bereiche von der Rohwassergewinnung über Aufbereitung und Verteilung bis hin zur Hausinstallation. Für das Unternehmen stehe allerdings weniger das Ereignis selbst im Vordergrund, sondern eher die Maßnahmen in der Folge und das Bewusstsein für Sicherheit.

... als eindringliche Warnung muss dieser Vorgang gewiss dienen.

Ganz praktisch erkennbar sind beispielsweise auch Verbotszonen, die mehrere Jahre später eingerichtet wurden. In der Nähe von Seewasser-Entnahmestellen darf man weder mit Booten und Schiffen fahren, noch schwimmen oder tauchen.

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Autor/in
Matthias Deggeller
Bild von SWR-Redakteur Matthias Deggeller

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