Wer seltene Watvögel aus dem hohen Norden sehen will, braucht derzeit nur an den Bodensee zu fahren: Das außergewöhnliche Niedrigwasser legt große Schlickflächen frei - ein Paradies für Watvögel und Vogelbeobachter. Die Watvögel aus Skandinavien und Norddeutschland machen am Bodensee einen Zwischenstopp. Sie bereiten sich auf den langen Flug in den Süden vor. Wegen des niedrigen Wasserstandes finden sie im Schlick Platz zum Rasten und Futter.
Andere Zugvögel, wie Weißstörche, sind bereits aufgebrochen und haben ihre Reise über die Alpen nach Afrika begonnen. Kleinere Singvögel, wie Finken oder Grasmücken, sammeln sich aktuell.
Niedrigwasser schafft neue Rastplätze
Watvögel, wie man sie aus dem Wattenmeer in Norddeutschland kennt, sind am Bodensee seltene Gäste. Sie haben lange Beine, mit denen sie im Schlamm waten können, und lange Schnäbel, mit denen sie nach Krebstieren stochern. Genau das ist momentan auch am Bodensee möglich.
Tausende Watvögel wie Grünschenkel, Bekassine oder Dunkle Wasserläufer tummeln sich deshalb in den Naturschutzgebieten rund um den See, etwa an der Rotachmündung bei Friedrichshafen oder an der Schussenmündung bei Eriskirch (Bodenseekreis).
Watvögel aus dem Norden am Bodensee: ein seltenes Spektakel
Das sei ein seltenes Spektakel auch für Hobby- und Profi-Vogelkundler, sagt Naomi Barker, Leiterin des Naturschutzzentrums Eriskircher Ried: "Man sieht hier eine Vielfalt von Watvögeln. Es ist eine Herausforderung, sie zu bestimmen. Das begeistert jetzt viele Vogelbeobachter." Besonders freue man sich über den Sumpfläufer, der in der Bodenseeregion eigentlich so gut wie nie beobachtet werden könne.
Gleichzeitig sei das Auftauchen seltener Vogelarten am Bodensee auch ein Zeichen dafür, dass die Tiere anderswo kein Futter mehr finden konnten. "Man erkennt daran auch die Not der Tiere, weil andernorts in Europa die Wasserläufe komplett ausgetrocknet sind", erklärt Barker.
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Spaziergänger stören – warum Rücksicht auf die Vögel jetzt besonders wichtig ist
Das Niedrigwasser hat auch auf der Halbinsel Mettnau bei Radolfzell viel Fläche am Schilf freigelegt. Dort brüten normalerweise Wasservögel wie Haubentaucher. Und die Zugvögel finden dort Rast und Nahrung. Nun liegt ein breiter Streifen trocken. Das verführt viele Menschen zu Spaziergängen, beobachtet Gernot Segelbacher von der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee.
Aber das störe die Vögel enorm. "Sie müssen jetzt vor dem Weiterflug Energie tanken. Und jedes Mal, wenn sie aufgescheucht werden, verlieren sie Kraft und kommen dann im schlimmsten Fall nicht über die Alpen", erklärt Segelbacher. Er appelliert an Spaziergänger und Beobachter, Abstand zu halten.
Jedes Mal, wenn sie aufgescheucht werden, verlieren sie Kraft und kommen dann im schlimmsten Fall nicht über die Alpen.
Das Niedrigwasser sei für die Vögel am Bodensee momentan also Freud und Leid gleichzeitig, sagen die Experten. Wer die seltenen Gäste beobachten möchte, sollte dies von den ausgewiesenen Wegen und Beobachtungspunkten aus tun - und den Vögeln die Ruhe lassen, die sie für ihren Flug in den Süden dringend brauchen.
Weiteres Naturschauspiel: Starenschwärme am Federsee
Ein Ereignis der besonderen Art bietet sich Vogelfreunden in diesen Tagen übrigens auch am Federsee bei Bad Buchau (Kreis Biberach) - besonders gut zu sehen etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang vom Beobachtungsturm aus: Der Einflug der Starenschwärme. Zehntausende Stare tanken im Federseeried für ihren Weg nach Süden nochmals Kraft und übernachten. Sie fliegen in großen Schwärmen und bilden Formationen, bevor sie sich im Schilf niederlassen, um zu schlafen.