Für viele Menschen ist ein Arztbesuch selbstverständlich, für wohnungslose Menschen dagegen oft eine große Hürde. In Konstanz und Emmendingen soll das Projekt "Digitale Teilhabe" der AGJ-Wohnungslosenhilfe nun Abhilfe schaffen. Die Idee: Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter bringen die ärztliche Sprechstunde direkt zu den Betroffenen - per Videoanruf.
Wohnungslose: Arztbesuch mit Angst oder Scham verbunden
Viele Wohnungslose meiden den Gang in die Praxis - aus Scham, Angst oder wegen organisatorischer Hürden. Wolfgang Herzog lebt in einer Unterkunft für Wohnungslose in Radolfzell. Er kennt die Sorgen der Betroffenen: "Man wird vielleicht angestarrt in der Praxis oder dem Wartezimmer", sagt der 63-Jährige. Einigen Wohnungslosen sei es unangenehm, sich dort ungepflegt vorzustellen. "Über die Telemedizin sind sie keinen Leuten ausgesetzt", überlegt Herzog, "ich kann mir vorstellen, dass das ganz gut ist."
Man wird vielleicht angestarrt in der Praxis oder dem Wartezimmer.
Gesundheit oft nicht oberste Priorität
Viele Wohnungslose gehen nicht zum Arzt, weil andere Probleme für sie im Vordergrund stehen, sagt Annika Hemme von der AGJ-Wohnungslosenhilfe in Konstanz: "Wenn man nicht einmal weiß, wo man schlafen kann, wo man Essen herbekommt, dann rückt die Gesundheit ein bisschen in den Hintergrund, verschlechtert sich dadurch aber noch weiter."
Viele Betroffene würden Arztbesuche immer weiter aufschieben - bis Beschwerden chronisch werden, erzählt sie. "Es ist schwer, dabei tatenlos zuzusehen", so Hemme. Das soll sich nun ändern.
Hilfe für Wohnungslose auf die Straße bringen
Im Rahmen des Telemedizin-Pilot-Projekts suchen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter Menschen dort auf, wo sie leben: auf der Straße, in Unterkünften oder in Tagesstätten. Von dort aus können die Klientinnen und Klienten per Video mit Ärztinnen und Ärzten sprechen. Innerhalb von 30 Minuten nach einer Anfrage soll ein Mediziner oder eine Medizinerin online erreichbar sein.
Die medizinische Beratung erfolgt entweder über Plattformen für Telemedizin oder über Krankenkassen. Menschen ohne Krankenversicherung werden im Rahmen des Projekts kostenlos behandelt, die Ärztinnen und Ärzte arbeiten ehrenamtlich.
Ziel des Projekts ist eine schnelle und niedrigschwellige medizinische Versorgung. "Das Ganze kann stattfinden, ohne dass man erstmal einen Arzt finden muss, der überhaupt Kapazitäten hat und wochenlang warten muss, sondern auf einem möglichst schnellen und unkomplizierten Weg, weil wir es direkt hier vor Ort anbieten können", erklärt Hemme.
Ein persönlicher Arzttermin vor Ort lasse sich damit zwar nicht vollständig ersetzen. Doch besonders bei äußerlich sichtbaren Symptomen könne die Telemedizin helfen.
Wenige Ärzte zertifiziert: Noch viele Hürden
Das Projekt steht jedoch auch vor Herausforderungen. Nur wenige Ärztinnen und Ärzte in der Region sind für Telemedizin zertifiziert, ehrenamtliche Zeit ist knapp. Die Suche nach medizinischen Partnern gestaltet sich daher schwierig.
Trotzdem bleibt Annika Hemme optimistisch: "Ich hoffe, dass wir mit dem Angebot die Gesundheit der Klienten unterm Strich verbessern können und ihr Vertrauen in das Gesundheitssystem stärken können."
Das Pilotprojekt läuft vorerst bis Oktober. Ob es danach verlängert wird, ist noch offen. Der Ansatz könnte jedoch ein Modell sein - für eine Versorgung, die mehr Menschen erreicht.