Spiele aus Baden-Württemberg

BW-Gaming auf der Gamescom: Wachstum mit Schmerzen

Kleine Betriebe, große Kreativität: Die Gamingbranche in Baden-Württemberg hat schwierige Jahre hinter sich. Das Potenzial der Unternehmen bleibt aber riesig.

Teilen

Stand

Von Autor/in Michael Herr

Spieledesigner David Vath kann die Gamescom in diesem Jahr entspannter angehen als ursprünglich gedacht. Der 26-Jährige und seine zwei Kollegen von der Offenburger Entwicklerschmiede "Half Soup Labs" basteln derzeit an einem zweidimensionalen Adventure mit dem Namen "Glintseeker Island". "Kann man mit ,Stardew Valley‘ oder den alten Zelda-Teilen vergleichen", wie er Eingeweihten erklärt.

Das Game ist ungefähr zur Hälfte fertig. Auf der Gamescom in Köln hätte das erst Anfang des Jahres gegründete badische Unternehmen nun eine große Aufgabe gehabt: Einen Publisher zu finden, also quasi einen Digitalverlag, der das Spiel vertreiben möchte.

Drei Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren stehen in legerer Kleidung vor einem Schreibtisch, an dem ein Computermonitor installiert ist
David Vath (r.) und seine Kollegen von "Half Soup Labs" auf der Gamescom 2025 in Köln

Gamescom: Spieleschmiede aus BW findet Publisher

Diese Arbeit können sich die Offenburger nun sparen. Denn die Tinte unter dem Vertrag ist bereits trocken. Ziemlich genau eine Woche vor Messebeginn hat „Assemble Entertainment“ – ein mehrfach ausgezeichneter Publisher aus dem hessischen Wiesbaden – das Spiel unter Vertrag genommen.

Auch wenn der ganz große Druck damit raus ist: Die Präsenz am „The Länd“-Stand, an dem David Vath und seine Kollegen ihr Spiel präsentieren dürfen, macht für die Entwickler dennoch Sinn. Einerseits, weil es sinnvoll ist, Marketingskontakte zu knüpfen. Und andererseits, weil sie so beobachten können, wie das Spiel bei Gamerinnen und Gamern ankommt. „Bislang ist das Feedback sehr positiv,“ erzählt Vath.

Eine zweidimensionale Spielszene zeigt ein Männchen unter Bäumen, das einen Eispickel in der Hand hält. Die Graphik erinnert an einen Supernintendo.
Das Adventure "Glintseeker Island" des Offenburger Entwicklertrios "Half Soup Labs" erhält 120.000 Euro Landesförderung.

Der Vertrag mit dem Verlag bringt dem Entwicklerteam gleich mehrere Vorteile. Der Publisher kümmert sich um den Vertrieb, erledigt Übersetzungen und sorgt dafür, dass das Spiel auch auf fremden Märkten in Asien bekannt wird - dort, wo den Offenburgern die Kontakte fehlen. Außerdem zahlt er der Spieleschmiede eine prozentuale Gewinnbeteiligung.

Weg ins Gamesbusiness oft steinig

Vath und seine Kollegen haben damit geschafft, wovon viele junge Spieleentwickler träumen. Bei vielen anderen bleibt es fürs erste beim Traum. Denn obwohl die Gamesbranche auch in Baden-Württemberg ein Wachstumsmarkt ist, hat es gerade für Jobeinsteiger schon leichtere Zeiten gegeben.

Auf 190 Millionen Euro summierten sich die Umsätze der Unternehmen 2022, ein Plus von über 90 Prozent im Vergleich zum Jahr 2015. 153 Betriebe aus dem Bereich gibt es im Land, in denen knapp 1.500 Menschen arbeiten.

Unternehmen, Trends und Innovation Games-Schmiede Südwesten - Spiele von hier erobern den Markt

Der Südwesten gilt als nicht zu unterschätzender Player auf dem Games-Markt. Kreative Köpfe werden hier ausgebildet, siedeln hier an und entwickeln innovative Computer-Spiele.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur

Allerdings hat es in der jüngeren Vergangenheit auch Rücksetzer gegeben. Das sei vor allem eine Spätfolge von Corona, erklärt Dr. Ellen Koban, Unitleiterin Kultur- und Kreativwirtschaft bei der Medien- und Filmgesellschaft (MFG) Baden-Württemberg. Die Gesellschaft organisiert auf der Gamescom den Stand des Landes Baden-Württemberg "The Länd".

Die Pandemie mit Lockdowns und Kontakteinschränkungen hätten der Branche Zuwächse in einem Ausmaß beschert, das nach der Aufhebung der Maßnahmen nicht zu halten war. Koban spricht von einer "Marktregulierung nach dem Boom".

Gamescom: Delle im Gaming durch Corona bleibt spürbar

Die Folgen dieser Delle sind für David Vath bis heute zu spüren. Viele etablierte Entwickler hätten in den vergangenen Jahren ihre Jobs verloren und suchten nach Beschäftigung. Für Einsteiger wie „Half Soup Labs“ sei der Weg auf den Markt daher steiniger als früher.

Dass es bei ihnen trotzdem so reibungslos gelaufen ist, habe auch mit zwei Vorgängerspielen zu tun gehabt. Die hätten zwar kommerziell nicht funktioniert, sie aber gelehrt, was der Markt wirklich will. Dennoch sind sie Offenburger auch an „Glintseeker Island“ mit einem realistischem Blick herangegangen, erklärt David Vath:

Man macht für ein solches Projekt natürlich verschiedene Pläne. Plan B wäre gewesen, 20-Stunden-Jobs zu suchen und das Spiel in Teilzeit weiterzuentwickeln. Dann hätte man sich vielleicht im Hotel Mama durchfüttern lassen.

Landesförderung für Gaming-Projekte in Baden-Württemberg aufgestockt

Dass es so weit nicht kommen musste, hat auch mit der Medien- und Filmgesellschaft MFG zu tun. Für die Produktion gewährte sie dem Team eine Förderung in Höhe von 120.000 Euro.

Im August ist die Richtlinie zur Förderung von Games in Baden-Württemberg neu aufgesetzt worden. Unter anderem sind die Maximalfördersätze erhöht worden.

Trier

Computerspielmesse "Gamescom" in Köln Game Design Professorin: "Jedes Computerspiel hat einen Lerneffekt"

In Köln findet die "Gamescom" statt. Game Design Professorin Linda Breitlauch aus Trier erzählt im SWR1 Interview, dass mittlerweile fast alle Altergruppen "zocken".

Guten Morgen RLP SWR1 Rheinland-Pfalz

Ausgezeichnet: Spieleschmieden mit hohem kreativem Anspruch

Eine Maßnahme, die die Branche gerade im Südwesten gut gebrauchen kann. Denn in der Südwestwirtschaft tanzt die Gamesbranche in Baden-Württemberg ein wenig aus der Reihe. Anders als beispielsweise in der Autoindustrie sucht man die ganz großen Player der Szene zwischen Odenwald und Bodensee vergeblich.

Stattdessen wird das Bild von kleineren Spieleschmieden beherrscht, die mit ihren kreativen Ideen eher ausgewählte Zielgruppen ansprechen. Eine Folge der großen Nähe zur breiten Hochschullandschaft in Baden-Württemberg, mit Kunst- und Medienhochschulen sowie der Filmakademie, erklärt Ellen Koban von der MFG:

Die Spiele aus Baden-Württemberg haben oft einen hohen künstlerischen Anspruch, die Szene ist vor allem im Indiebereich stark.

Originelle Konzepte mit spitzer Zielgruppe, denen die Förderung helfen soll, einen kommerziellen Publisher zu finden. Wiederholt sind Spiele aus Baden-Württemberg mit dem unter anderem von der Bundesregierung vergebenen Deutschen Computerspielpreis ausgezeichnet worden.

2024 erhielt die Spieleschmiede „Mucks! Games“ aus Ludwigsburg den Preis für das Tablet-Spiel "The Bear – A Story from the World of Gra". Auch das Stuttgarter Studio “Kaleidoscube” gilt als Ersteller besonders kunstvoller Spielewelten und wurde dafür wiederholt ausgezeichnet.

Spielszene aus "The Bear - World of Gra": Ein rotes Wesen sitzt auf einer Kugel und unterhält sich mit einer Lampe
Fantastische Welten im Zeichentrickstil: Spielszene aus "The Bear - World of Gra"

Starke Industrie als Chance für Gamingbranche in BW

Kreativität als Markenzeichen der Gamebranche in Baden-Württemberg. Auf dem Weg zu mehr Wachstum könnte den Games-Entwicklern aus Baden-Württemberg noch ein weiteres Ass im Ärmel sitzen: die Stärke der althergebrachten Industrie im Südwesten.

Denn dank der Digitalisierung gibt es auch in klassischen Wirtschaftsbereichen einen steigenden Bedarf nach Gaming-Anwendungen, erzählt Ellen Koban. Wie im Maschinenbau, wo Unternehmen VR-Simulatoren in Auftrag geben, um Beschäftigte auf anderen Kontinenten günstig an neuen Anlagen zu schulen.

Oder im Gesundheitssektor, wo immer mehr Apps aus dem Boden schießen, die Nutzerinnen und Nutzer spielerisch zu gesunder Ernährung und Bewegung motivieren sollen. Der Trend zur Gamification vieler Wirtschaftsbereiche sei eine große Chance für die Spielebranche in Baden-Württemberg, meint Ellen Koban.

Wir hatten neulich Kontakt zu einem großen Player aus der Autobranche, der für seinen App-Store gezielt nach Spieleentwicklern gesucht hat, die einen regionalen Bezug haben.

Eine Hoffnung, die auch David Vath teilt. In der baden-württembergischen Szene gebe es immer mehr Akteure, die mit Spielen und Anwendungen außerhalb des eigentlichen Unterhaltungsbereichs auf sich aufmerksam machten. Vielleicht sind Spieleentwickler in Baden-Württemberg auch einfach offener für den Blick über den Tellerrand als andernorts, spekuliert der 26-Jährige:

„In anderen Bundesländern sind Spieledesigner in der Hochschule auf dem Mediencampus untergebracht – und bleiben unter sich. Wir in Offenburg waren auch oft mit den Ingenieuren zusammen in der Mensa. Da wächst automatisch das Interesse füreinander.“

Gaming „Bau eine Burg für die Gräfin“ – ARD startet erstes Roblox-Spiel

Die ARD erweitert ihr Gaming-Angebot mit einem Spiel auf Roblox. Das kostenlose Aufbauspiel wird auf der Gamescom vom 20. bis 24. August 2025 gelauncht.

Hausbesuch Weltretten per Mausklick – Game Designer Philipp Busch

Es begann mit Gipslandschaften und Knetfiguren. Heute entwickelt Game Designer Philipp Busch aus der Nähe von Kaiserslautern Computerspiele, die mehr können als nur unterhalten. Ob am römischen Limes oder in einem NGO-Projekt in Kairo: Seine „Serious Games“ erzählen Geschichten, die Perspektivwechsel fördern und Menschen über Themen, die sonst oft tabu bleiben, ins Gespräch bringen.

SWR Kultur am Samstagnachmittag SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Michael Herr
Ein Mann mit langen Haaren steht mit verschränkten Armen und in legerem Hemd in einer hellen Halle und lächelt

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!