Die Gaming-Branche hat sich in den vergangenen Jahren vom nischigen, nerdigen Klischee befreit und sich ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft mit enormem wirtschaftlichen Potential gebahnt.
Games sind überall und jederzeit verfügbar und werden als Zeitvertreib, zur Beruhigung, ja gar zum seelischen Wohlbefinden gespielt. Welche Bedeutung Gaming mittlerweile hat, zeigt unter anderem eine Statistik des Verbands der deutschen Games-Branche. Hier sieht man, dass der deutsche Games-Markt ab 2019 innerhalb von fünf Jahren um 50 Prozent gewachsen ist.
Vom bloßen Zeitvertreib zum wichtigen Wirtschaftsfaktor
Der Stellenwert der Spiele ist auch im Südwesten für die Wirtschaft nicht mehr wegzudenken, erläutern Ellen Koban, Unitleiterin Kultur- und Kreativwirtschaft der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg und Senad Palic, Projektleiter von „GameUp!“, der Schnittstelle vom rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerium und der Games-Branche.
Unser Ziel ist es, nachhaltige Strukturen und einen branchenübergreifenden Austausch zu schaffen, damit weiterhin großartige Games ‚Made in Rheinland-Pfalz‘ entstehen.
Games-Hype erobert Mitte der Gesellschaft
Laut Koban interessieren sich mittlerweile nahezu gleichermaßen Frauen wie Männer für die virtuellen Spiele. Auch das Alter der Spielinteressierten habe sich im Lauf der Jahre verändert.
Das Spielalter liegt derzeit im Durchschnitt bei 38 und 40 Jahren, verlagert sich aber sogar noch weiter nach hinten. Gaming ist immer anerkannter als kulturelles Medium.
Der Südwesten als Games-Schmiede?
In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gibt es zahlreiche größere und kleinere Games-Studios, die als Publisher und Entwickler arbeiten. Manchmal auch in einer Doppelfunktion, indem sie Spiele entwickeln und gleichzeitig vermarkten.
Als Land der Dichter, Denker und Tüftler scheint Baden-Württemberg im aktuellen Zeitalter gerade zum Spiele-Entwickeln prädestiniert zu sein. Weshalb allerdings so viele erfolgreiche Spiele und Entwickler aus dem Südwesten kommen, können die Games-Experten Koban und Palic allerdings nicht erklären. Ein Grund könnten die guten Ausbildungsangebote sein, da es mittlerweile zahlreiche Studiengänge im Games-Bereich gibt.
Indie Games: günstige Spiele mit Schwerpunkt auf Storyart und Storrytelling
Baden-Württemberg zeichne sich insbesondere durch die Entwicklung von Indie Games aus, meint Koban. Das sind Spiele, die unabhängig von einem Geldgeber, also einem Publisher, entwickelt werden und durch einen unkonventionellen Grafikstil oder innovative spielerische Elemente auf sich aufmerksam machen.
Game-Studios in diesem Bereich sind etwa „Mucks! Games“, „Kaleidoscube“ oder „Blossomseeker“. Sie alle sind Absolventen des Animationsinstituts der Filmakademie Baden-Württemberg.
Game-Studio „Blossomseeker“ aus Baden-Württemberg
Das kleine, 2024 gegründete, Indie Game-Studio „Blossomseeker“ greift den aktuellen Trend in der Gaming-Szene auf: Cozy Games. Es geht um Entschleunigung und Welten voller Harmonie. Die fünf Absolventen – darunter gleich vierfache Frauenpower – der Filmakademie Baden-Württemberg verbindet die gemeinsame Leidenschaft, einmalige und berührende Spiele zu kreieren.
Dabei liegt ihr Fokus auf atmosphärischen Spielen, die bedeutungsvolle Geschichten erzählen und tiefe Emotionen wecken. Bei der Spielentwicklung geht es in ihren Augen nicht nur um schnöde technische Details, sondern um Spielerlebnisse, die inspirieren und im Gedächtnis bleiben.
Derzeit arbeiten die Fünf an dem Spiel „Little retreat“, was so viel wie „kleiner Rückzugsort“ bedeutet. Es geht darum, schöne und gemütliche Räume einzurichten und dabei Belohnungsareale im Gehirn zu aktivieren.
Game-Studio „Binary Impact“ aus Rheinland-Pfalz
Nachdem Computer- und Videospiele aus dem digitalen Zeitalter nicht mehr wegzudenken sind und sich als wichtiges Kultur- und Wirtschaftsgut etabliert haben, dienen sie mittlerweile auch immer mehr als Bindeglied zwischen den unterschiedlichsten Branchen, wie etwa im Bereich Medizin, Architektur, Logistik oder Bildung. Dabei verknüpfen sie spielerisch Nützliches mit Innovativem.
Dies hat zum Beispiel das rheinland-pfälzische Game-Studio „Binary Impact“ geschafft: Aus der Entwicklung eines Baukasten-Systems für einen Zulieferer eines bekannten Autoherstellers ist ein Spiel entstanden. Zunächst ging es darum, Parkhäuser digital nachzubilden, um autonome Fahrzeuge zu trainieren. Daraus wurde nach und nach das Spiel „Parking World“ entwickelt.
Ein weiteres Beispiel, Spiel und Praxis zu verbinden, ist die Idee hinter „Forensik Simulator“. Sie entstand aus der Zusammenarbeit zwischen „Binary Impact“ mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz sowie den Landes- und Bundeskriminalämtern in Rheinland-Pfalz.
Hierbei sollen reale Abläufe aus dem Polizeialltag, echte Kriminalfälle und forensische Methodik zu einem Spiel übersetzt werden, um einen neuen Blick auf die Arbeitsabläufe von Ermittlern werfen zu können. Im Mittelpunkt steht dabei ein spielerischer Umgang mit ernsthaften Themen wie forensischer Arbeit.
So entsteht nicht nur ein spannendes Spiel, sondern auch ein wertvoller Beitrag zur Wissensvermittlung und Berufsorientierung im Bereich der forensischen Ermittlungen.
Game-Studios Unisoft und Gameforge
Unisoft und Gameforge zählen wohl zu den größten Publishern und Entwicklern in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Bei beiden zählen Besiedlungs- und Eroberungsspiele zu den bekanntesten Outputs.
Seinen ersten und größten Erfolg hatte Gameforge etwa mit „OGame“, einem Spiel, das von seinem Gründer ursprünglich als Hobbyprojekt programmiert wurde. Alles dreht sich um die Besiedelung und Eroberung des Weltraums. Durch Handel, Forschung, Expeditionen und Kampf können die Spieler ihr planetares Imperium erweitern.
Zu den bekanntesten Spielen von Ubisoft zählt etwa die „Anno“-Serie, die ab dem dritten Teil im Studio Mainz entwickelt wurde. Dabei geht es um die Gründung und den Ausbau eines Inselreichs mit mehreren Siedlungen. Um eine möglichst hohe Zivilisationsstufe zu erreichen, müssen optimale Produktionsketten und Warenwirtschaftskreisläufe geschaffen werden.