Schüler lernen kritischen Umgang mit Smartphone

Was tun gegen Handysucht? Schulen setzen spezielle Trainer ein

Suchtmittel Smartphone: Zuletzt wurde viel diskutiert, wie Jugendliche vor übermäßigem Handykonsum geschützt werden können. Einige Schulen in BW setzen auf spezielle Medientrainer.

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Stand

Von Autor/in Daniela Diehl

Soll man Smartphones in der Schule verbieten? Soziale Medien erst ab 16 Jahren erlauben? In den letzten Wochen wurde immer wieder darüber diskutiert, wie man Jugendliche am besten zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit ihrem Smartphone bringen kann. Dabei können spezielle Medientrainerinnen und -trainer helfen, die an Schulen diesbezüglich "Nachhilfe" anbieten.

So wie an der Gemeinschaftsschule "Am Stromberg" in Illingen-Maulbronn (Enzkreis). Die Konrektorin Wiebke Renner-Kasper erzählt: "Uns ist es ganz wichtig, dass wir die Schülerinnen und Schüler begleiten in dieser digitalen Welt, dass wir sie nicht allein lassen mit Gefahren, mit Problemen, mit Fragezeichen."

Deshalb ist Medientrainer Clemens Beisel hier häufig zu Gast. Diesmal arbeitet er mit der neunten Klassenstufe. Die Schülerinnen und Schüler sitzen in einem Halbkreis, alle haben ihre Handys auf dem Schoß liegen. Die erste Frage im Workshop: "Wie lange seid ihr am Handy?“ Beisel zeigt ihnen, wie man die Bildschirmzeit nachschauen kann.

Täglich mehrere Stunden Handykonsum

Bis zu neun Stunden nutzen die Schülerinnen und Schüler hier ihr Handy täglich. Bei Mia ist es weniger, trotzdem findet sie: "Ich würde schon manchmal sagen, dass es zu viel ist. Ich könnte mich auch anders beschäftigen, vor allem wenn es jetzt warm draußen ist."

Laut der Bitkom Research 2024 sind Jugendliche im Schnitt knapp drei Stunden täglich am Handy. Computer, Laptop, Fernsehen kommen noch obendrauf. Clemens Beisel geht allerdings von einer noch längeren Bildschirmzeit aus. Er sieht die tatsächlich verbrachte Zeit ja regelmäßig auf den Smartphones der Schülerinnen und Schüler, mit denen er arbeitet.

Medientrainer Clemens Beisel zeigt einem Schüler der neunten Klassen der Gemeinschaftsschule Illingen-Maulbronn (Enzkreis) Dinge auf einem Smartphone.
Medientrainer Clemens Beisel spricht mit einem Schüler der neunten Klassen der Gemeinschaftsschule Illingen-Maulbronn (Enzkreis) über Smartphone-Nutzung.

Apps machen absichtlich süchtig

Das Handy wegzulegen, sei aber auch fast unmöglich, findet Clemens Beisel: "Da arbeiten tagtäglich Psychologinnen und Psychologen Hand in Hand mit den IT-Entwicklerinnen und Entwicklern zusammen, um die Apps jeden Tag noch süchtig machender zu machen." In einem Video zeigt er den Schülerinnen und Schülern, warum das Handy so eine große Anziehungskraft hat - übrigens auch für Erwachsene. Der Medientrainer erklärt: "Die bunten Farben von Handy und Apps sind reizvoll für unser Auge. Zum Beispiel Rot als Signalfarbe. Die Farben zielen darauf ab, unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen." Sein Tipp: Das Handy lautlos und auf schwarz-weiß stellen.

"Wir finden kein Ende, weil es kein Ende gibt"

Ein weiterer Trick der Apps ist laut Clemens Beisel, dass die meisten sozialen Netzwerke und Spiele auf unseren Smartphones endlos sind. "Wir finden kein Ende, weil es kein Ende gibt." Unser Gehirn sei aber darauf ausgerichtet, Dinge zu Ende zu bringen. Das spüren auch Schülerinnen und Schüler, wie Arno: "Es zieht sich manchmal schon, also auch wenn man nur kurz ans Handy will und dann ist man doch 20 Minuten oder eine halbe Stunde direkt am Handy, die Zeit verfliegt schon ordentlich schnell."

Scrollen ist im echten Leben unmöglich

Dann stellt Clemens Beisel die nächste Frage an die Schülerinnen und Schüler: "Welche Apps nutzt ihr täglich?" Die Antworten hier entsprechen in etwa der JIM-Studie (JIM steht für Jugend, Information, Medien) von 2024. Hauptsächlich nutzen Jugendliche WhatsApp, Instagram, YouTube, TikTok. Hier in der Klasse sind viele drei Stunden am Tag auf TikTok. Jedes Video wird im Schnitt nur wenige Sekunden angeschaut, da kommt schnell auf mehrere hundert Videos am Tag.

Das macht etwas mit der Konzentrationsfähigkeit, findet auch Schülerin Dunya: "Ich kann mir vorstellen, dass man sich bei eher wichtigeren Dingen im Leben nicht mehr so lange konzentrieren kann, weil man halt die ganze Zeit am Scrollen ist. Und wenn das eine Video einem nicht gefällt, dann kann man direkt weitermachen, bis ein Video kommt, was einem gefällt. Und im echten Leben, wenn jemand zum Beispiel mit dir redet, kannst du die Person nicht einfach wegscrollen, sondern musst wirklich zuhören."

Apps üben enormen Druck auf Jugendliche aus

Auch Snapchat nutzen viele. In der App schickt man sich gegenseitig Bilder, die nach einer bestimmten Zeit wieder verschwinden. Es gibt aber auch Videos von Influencern. Anhand dieser App erklärt Clemens Beisel den Besitztumseffekt. Auch der führe zu noch mehr Handyzeit: "Da entsteht eine Art emotionale Bindung, weil wir viel Zeit und Energie investiert haben. Die Summe an Followern auf Instagram oder TikTok, das war viel Zeit und Arbeit. Die Flamme auf Snapchat. Das war viel Zeit und Arbeit."

Für alle, die kein Snapchat haben erklärt Schülerin Hanna was die Flamme dort eigentlich ist: "Wenn man sich gegenseitig Snaps, also Bilder schickt, bekommt man pro Tag eine Flamme, als Symbol." Das würden täglich mehr, aber sobald man von einer Seite her aufhöre zu snappen, würden sie gelöscht, alle Flammen sind dann einfach weg.

Ein enormer Druck von Snapchat, findet Clemens Beisel. Einen Tag kein Snap, kein Foto geschickt und es wird nicht nur eine weniger, sondern alle Flammen sind weg. Egal ob man krank oder im Urlaub ist, oder lernen muss. "Und warum machen das die Apps? Weil ihr täglich reinkommen sollt, aber ist doch echt komplett scheiße, dass du dann so ein Gefühl hast oder dass die Apps einen so unter Druck setzen und einem dann schlechte Gefühle machen", so Clemens Beisel. YouTube hat auch Flammen. Bei Instagram sind es die Follower die man verlieren könnte, bei vielen Spiele-Apps Zusatzfunktionen.

Gefährliche TikTok Challenges

Nicht nur die schiere Menge ist schwierig, auch die Inhalte sind es oft: Schönheitsfilter zum Beispiel; oder die berüchtigten TikTok Challenges - so etwas wie Mutproben. Darüber hat Clemens Beisel in vielen Workshops gesprochen. "Es kam raus, dass in jeder Klasse eigentlich Schülerinnen und Schüler schon an der einen oder anderen Challenge teilgenommen haben. Oft waren das harmlose Sachen, aber oft waren das auch Dinge, die zu Verletzungen geführt haben oder die im schlimmsten Fall sogar zu einer Selbsttötung, zum Suizid."

Die Schülerinnen und Schüler der neunten Stufe haben keine Probleme mit TikTok Challenges. Unangenehme Videos haben aber fast alle schon gesehen, auch Hanna: "Da kann man halt einfach draufklicken und dann guckt man das Video. Also man weiß nie richtig, was gleich passiert." Wenn grausame, sexistische oder rassistische Videos angezeigt würden, habe das keine Konsequenzen für die Apps, so Clemens Beisel zu den Schülerinnen und Schülern. "Wenn ich euch solche Videos zeigen würde, dann würde ich eine Strafe dafür bekommen. Aber den Unternehmen passiert nichts. Die machen einfach weiter." Kontrolle - Fehlanzeige.

Allein gelassen mit dem Smartphone

Den Jugendlichen ist klar, dass sie mit ihrem Handy allein sind. Mia fasst es so zusammen: "Es wird von der App nicht kontrolliert. Es wird von den Eltern nicht kontrolliert. Es ist ja auch klar, wenn ich in der Stunde über hundert Videos schaue, wie sollen sie das nachvollziehen können. Es gibt niemanden, mit dem ich die Videos angucke, ich bin da auf mich allein gestellt."

Dort setzt der Workshop an. Jetzt kennen die Jugendlichen immerhin die Kniffe der Apps. Und wissen, was sie tun können. Einige wollen Zeitbegrenzungen einstellen. Ein paar haben ihr Handy schon auf eine schwarz-weiße Darstellung eingestellt - um so ihre Bildschirmzeit zu verkürzen.

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