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Welche Gefahren bergen Smartphones für Kinder?

Smartphones sind an Schulen oft verboten, doch viele Kinder unter 12 haben eines. Medienpädagog*innen warnen: Unter 14-Jährige können die Risiken sozialer Medien noch nicht einschätzen.

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Handys üben auf Kinder eine enorme Anziehungskraft aus. Das merkt man schon bei den ganz Kleinen. Klar, da leuchtet und zappelt was und es macht Spaß. Außerdem haben die Eltern das Ding ja auch die ganze Zeit in der Hand.

Wann bekommt das Kind ein erstes eigenes Handy? Das ist für viele Eltern schon in der Grundschule Thema und bietet ordentlich Stoff für Streit, Betteln und auch fürs Quengeln. In Irland hat eine Kleinstadt ein Handyverbot für Kinder bis 12 vereinbart, auch zu Hause, und Dänemark will Smartphones an Schulen sogar bald komplett verbieten.

Was ist wichtig, wenn Kinder Smartphones nutzen? Worauf können wir achten und welche Tipps gibt es für Eltern? Darüber hat Christine Langer mit Alexander Fischer vom Medienzentrum Mittelbaden gesprochen. Er klärt bei Veranstaltungen drüber auf und bietet auch Workshops an Schulen an.

Gefahren für Kinder im Netz sind vielfältig

Christine Langer, SWR: Aus ihrer Erfahrung in der Medienarbeit: Was sehen Sie als eine der Hauptgefahren, wenn es um Kinder und Smartphones geht?

Alexander Fischer: Ja, eine Hauptgefahr ist sicherlich das, was den Kindern im Netz begegnet. Das sind oft nicht altersangemessene Dinge. Beginnen wir mal mit dem offensichtlichen: Wir haben offensichtlich pornografische Inhalte, die frei zugänglich gemacht werden.

Wir haben Gewaltdarstellungen, wenn wir hier mal ein halbes Jahr zurückblicken, Sie erinnern sich vielleicht noch an das Attentat in Mannheim. Da konnte ich mir hinterher mir Netz tatsächlich die Aufzeichnung dieses Attentats anschauen. Man konnte sehen, wie jemand auf einen Polizisten mit dem Messer eingestochen hat.

Wir haben solche Phänomene, die man natürlich auch aus dem Analogen ins Digitale übertragen hat, wie das Thema Mobbing. Beim Cybermobbing haben wir auch tatsächlich eine Zunahme. Wenn wir uns die aktuelle cyberlife Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing aus Karlsruhe angucken, sehen wir, dass aktuell bis zu 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen schon mal mit Mobbing bzw. Cybermobbing in Kontakt waren.

Meistens spielt sich das im direkten Umfeld und zu 80 Prozent in der Schule ab. Aber auch solche Dinge wie Cybergrooming, das heißt das Annähern und sexuelle Kontakte über das Netz, nimmt stetig zu.

Gerade Tiktok ist beliebt unter Kindern und Jugendlichen

SWR: Das passiert ja auch, glaube ich, viel über die Social Media Plattformen, also Tiktok, Instagram etc. Die sind ja offiziell sowiesoerst ab 13 bei Tiktok beziehungsweise 14 bei Instagram - aber in der Realität sieht es anders aus, oder? Sehen Sie das?

Fischer: Ja, absolut. Das ist letztlich die rein formelle Geschichte. ich kann mir trotzdem jede App entsprechend installieren, ob das Instagram ist oder auch Whatsapp zum Beispiel, was sehr gerne genutzt wird.

Tiktok ist momentan besonders beliebt bei den Schülerinnen und Schülern. Das verstärkt natürlich noch mal das Ganze. Gerade in dem Bereich Social Media begegnet uns, wenn man so ein bisschen an den US-Wahlkampf zurückdenkt, aktuell sehr viel an Fake News.

Für viele Kinder und Jugendliche ist Tiktok dabei so die einzige Informationsquelle, die sie heutzutage nutzen, ohne dass hier Quellen gegengecheckt werden. Man nimmt Dinge, die dort gepostet werden, für bare Münze. Da sehe ich auch ein großes Problem.

Auch im Bereich der Demokratie-Gefährdung haben wir die letzten Wochen auch einiges erlebt. Wir sehen: Gerade bei Mädchen verlagert sich das Ganze. Die Jungs sind oft im spielerischen Bereich unterwegs - Gaming ist da das große Thema. Die Mädels stehen eher so ein bisschen unter den sozialen Druck, weil natürlich teilweise auch falsche Schönheitsideale auf Social Media gepostet werden, an denen die Mädchen sich entsprechend orientieren.

Mädchen sieht besorgt auf ihr Smartphone. Smartphones Kinder Gefahren
Gerade Mädchen werden in den Sozialen Medien mit Schönheitsidealen konfrontiert, die Druck ausüben und im schlimmsten Fall sogar krank machen können. Shotshop

Vermittlung von Schönheitsidealen übt Druck aus

SWR: Welchegesundheitliche Folgen kann das für Kinder haben, wenn sie zu früh mit solchen Schönheitsidealen konfrontiert sind?

Fischer: Gehen wir noch mal zurück zu dem Beispiel mit dem Mädchen, das entsprechende Schönheitsideale im Kopf hat und entsprechend auch einen sozialen Druck verspürt, denen zu folgen. Im besten Fall können wir das Mädchen stärken, nämlich dann, wenn man das Thema in der Schule und im Elternhaus thematisiert und daraus kann sogar was Positives wachsen.

Im etwas, wenn auch nicht dramatisch, schlimmeren Fall gibt das Mädchen ein bisschen mehr Geld für Kosmetik aus. Im schlimmsten Fall kann es eben auch tatsächlich zu gesundheitlichen Schäden führen, wie z.B. Magersucht und Bulimie.

Aber das sind natürlich Extrembeispiele, die sicher nur sehr selten anzutreffen sind. Aber die Eltern müssen sich dessen bewusst sein, dass es eben passieren kann und deshalb auch immer ein wachsames Auge auf das haben, was ihre Kinder so online treiben.

Jedes vierte Kind an der Grundschule hat ein eigenes Smartphone

SWR: Viele Kinder bekommen inzwischen schon in der Grundschule das erste Smartphone. Ab welchem Alter empfehlen Sie das denn? Als Medienexperte und Mediennutzungsexperte ab wann sollte es überhaupt frühestens ein Smartphone geben?

Fischer: So ein pauschales Alter ist natürlich schwierig. Wir wurden tatsächlich vor einem halben Jahr wachgerüttelt, als uns ein erster Kindergarten angefragt hat. Hey, könntet ihr nicht bei unserem Kindergarten ein Elternabend zu dem Thema machen?

Wir haben so auch immer noch das Bild: Früher war so die weiterführende Schule, das war so die Einstiegszeit, dass die Kinder ihr erstes Handy gehalten haben. Inzwischen ist es so, dass bereits jedes vierte Kind an der Grundschule ein eigenes Smartphone besitzt.

Das halte ich und das halten natürlich auch viele Experten für zu früh. Es gibt eine Interessensvereinigung, dass ist die BZGA, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Ärzteverbände und so weiter, die empfehlen tatsächlich ein Mindestalter von 12 Jahren.

Das halte ich persönlich jetzt auch wieder ein bisschen für schwierig, weil gerade in der weiterführenden Schule ja vieles schon online läuft. Der Vertretungsplan wird online dargestellt, die Hausaufgaben werden teilweise online in der App entsprechend kommuniziert.

SWR: Wäre es dann quasi schon zu spät mit zwölf Jahren?

Ja, wenn wir aus der Sicht gucken, dass einfach der Alltag und das das reelle Leben sich digital schon abspielt, auch in dem Alter, auch in der Schule eben im genannten Beispiel: Ich habe einen Vertretungsplan online, Ich bekomme die Hausaufgaben online über ein Tool mitgeteilt.

Aber - und jetzt kommt das große aber: Wenn wir jetzt in die Richtung gehen und ab zehn Jahren beginnen will, dann muss das natürlich begleitend sein. Der Fehler, den einfach viele machen: Zur fünften Klasse gibt es ein Handy.

Ich lege das als Elternteil unter den Tannenbaum, habe keinerlei Beschränkung drin und denke eben: mach mal. Das ist eben der falsche Weg. Das heißt: Wir müssen die Kids dabei einfach begleiten. Das ist für mich so der springende Punkt.

Frau und zwei kleine Mädchen schauen in ein Smartphone. Smartphones Kinder Gefahren
Erwachsene sollten die Smartphone-Nutzung von Kindern begleiten. Zoonar

5 Bs des Begleitens bei der Smartphonenutzung des Kindes

SWR: Wie mache ich das als Eltern dann richtig? Begleiten? Welche Tipps gibt es da?

Fischer: Wir haben bei unseren Veranstaltungen da so 5 Bs. Das erste B wäre das Begreifen, das heißt, es ist wichtig, dass ich als Elternteil zunächst mal verstehe, in welcher Welt meine Kinder sich hier bewegen, um um überhaupt mitreden zu können. Es ist immer schwierig, über was zu reden, wenn ich selber gar nicht weiß, wie Tiktok funktioniert. Wie der Algorithmus von Tiktok mich irgendwo stundenlang in den Bann ziehen kann.

Das zweite B, das ist das Besprechen, das heißt, ich muss mein mit meinem Kind irgendwie in ständigem Kontakt bleiben, mit ihm besprechen, was es online so erlebt, ein Vertrauensverhältnis aus- und aufbauen.

Es geht dann weiter mit Beschließen, nämlich mit dem Beschließen von Regeln. Das ist denke ich eine ganz wichtige Sache, dass man Regeln miteinander definiert. Die Betonung liegt hier auf miteinander.

Im besten Fall erstelle ich vielleicht so einen Mediennutzungsvertrag mit meinen Kindern. Die gibt es online, da gibt es ein entsprechendes Tool. Da kann ich dann alles Mögliche gemeinsam mit meinen Kind in einem Art spielerischen Vertrag festhalten, dass das Kind dann auch zum Schluss unterzeichnet.

Wir beschränken, das ist die nächste Regel, gewisse Zugänge. Ich würde gerade im Bereich Social Media mir gut überlegen - und dahin geht es ja gerade in einigen Ländern, tatsächlich sowas auch gesetzlich zu verbieten - Social Media unter einer gewissen Mindestaltersgrenze zu nutzen. Das würde ich also komplett abriegeln, bis die Kinder, wie auch immer 14, 15 oder 16 Jahre alt sind, da kann man darüber diskutieren.

Und zum Schluss der für mich auch noch wichtigste Punkt: Ein gutes Beispiel sein. Gemeint ist natürlich damit als Vorbild, als Elternteil als Vorbild voranzugehen, mit gutem Vorbild voranzugehen und das Vorzuleben, was ich am Schluss auch von meinem Kind erwarte.

Das ist natürlich relativ schwierig in der Argumentation, wenn ich abends um 10 mit dem Handy einschlafe, morgens um 7 als erstes aufwache. Das Kind kriegt das natürlich mit. Das kann ich natürlich als Elternteil trotzdem durchsetzen, wie gut es dann aber funktioniert, das sei mal infrage gestellt.

Kind sitzt bei Eltern mit Smartphone im Bett. Smartphones Kinder Gefahren
Wichtig ist, dass Eltern ihren Kindern mit gutem Beispiel vorangehen. Das heißt zum Beispiel: Das Handy auch aus dem eigenen Schlafzimmer verbannen. Westend61

Technische Beschränkungen im Smartphone einstellen

SWR: Kinder sind aber auch unglaublich einfallsreich, wie man solche Sperren umgehen kann. Wie können Eltern das Smartphone und die Nutzung sicher machen? Geht es wirklich nur, wenn alle im Boot sind?

Fischer: Genau, weil ich kann natürlich versuchen, das mit technischen Maßnahmen allein zu regeln, Sie haben es aber gerade schon gesagt, das funktioniert nicht hundertprozentig, da gibt es immer wieder Lücken. Die Kinder sind relativ findig und finden irgendwelche Hintertürchen, mit der sie sich ihre Zeit je nachdem verlängern können. Oft ist das tatsächlich auf Einstellungs- und Konfigurationsfehler durch die Eltern zurückzuführen.

Jeder Anbieter von Smartphones bietet mir in seinem Betriebssystem entsprechende Mechanismen zur Kontrolle an. Zur Beschränkung kann man die Nutzungszeit eingrenzen. Ich kann sagen, welche Apps das Kind nutzen darf, von wann bis wann es genutzt werden darf.

Ich kann verhindern, dass neue Apps installiert werden und so weiter und sofort. Aber es muss Hand in Hand gehen miteinander. Also nur das Besprechen hilft nicht. Das reine Beschränken führt uns aber auch nicht zum Ziel. Im Prinzip geht es ganz Hand in Hand. Und nur dann kann es aus meiner Sicht erfolgreich sein.

SWR: Was sind denn so Regeln, mit denen sie vielleicht gute Erfahrungen gemacht haben? Und welche Regel hat vielleicht gar nicht funktioniert?

Fischer: Eine Regel auch bei uns zu Hause lautet zum Beispiel, dass am Tisch keine Handys sind, also während der Mahlzeiten, sofern wir die überhaupt zu viert verbringen können. Das ist im Alltag manchmal nicht immer so einfach. Aber die Handys sind dann weg.

Ich sehe aber auch immer mal wieder in Restaurants draußen, wo die Familien komplett am Tisch sitzen und jeder hat sein Handy in der Hand. Wir haben nachts die Handys aus den Schlafzimmern, da bin ich aber manchmal auch ein schlechtes Vorbild. Ich versuch das manchmal, schaff es aber dummerweise nicht immer. Soviel zum Thema Vorbild sein, also auch bei mir gelingt es nicht durchgängig.

Das ist ein Punkt, dass das Handy nachts auch bevor es ins Bett geht ein bis zwei Stunden vorher ausgeschaltet ist und nicht noch durch irgendwas durchgescrollt wird. Zumal es aber auch bei uns zu Hause die Kinder - meine sind jetzt in der siebten Klasse - zu ihrem Leidwesen nur relativ relativ wenig an ihren Handys machen dürfen aktuell. Die sind doch recht stark eingeschränkt.

Bildschirmzeit ist eine individuelle Frage

SWR: Und wenn man jetzt noch mal so ein bisschen auf die auf die Zeit guckt, die die Kinder daran verbringen, kann man da so was sagen. Anderthalb Stunden am Tag schon zu viel gibt es da so Erfahrungswerte?

Fischer: Ja, auch hier empfiehlt diese Kommission, die ich vorhin erwähnt habe, eine Bildschirmzeit bei den 12 bis 13 jährigen. Das heißt, das sind wir so bei der 7. oder 8. Klasse, von circa 2 Stunden - am Smartphone wohlgemerkt. Dabei ist jetzt nicht mit eingerechnet die Zeit, die sie vielleicht noch vor dem Fernseher oder irgendwo verbringen.

Und so geht das Ganze letztlich hoch bis zu den 16 oder 17-Jährigen, wo jetzt hier eine Nutzung, sondern eine Bildschirmzeit von circa 4 Stunden empfohlen wird. Pauschal ist es natürlich immer schwierig. Es hängt natürlich stark davon ab, wie der Entwicklungsstand des jeweiligen Kindes ist. Wie auch das Kind persönlich mit dieser Thematik umgeht. Das ist schon eine sehr persönliche Frage, auch wie das Kind letztlich damit umgehen kann.

Symbolbild Bildschirmzeit: Sanduhr liegt neben Smartphone. Smartphones Kinder Gefahren
Eltern können auf den Smartphones ihrer Kinder in den Einstellung die Bildschirmzeit begrenzen. Depositphotos

Erziehung zu verantwortungsbewusstem Umgang statt Verbote

SWR: Und neben Vorbild sein ist doch aber auch essenziell, dass man sich als Eltern immer bewusst macht und weiß, was das Kind mit dem Handy macht. Das ist auch ein zentraler Punkt und dass das Kind offen ist und mit mir kommuniziert, was es da tut und sieht, richtig?

Fischer: Genau das, das ist ein wichtiger Punkt. Das was ich vorhin auch gesagt habe: Ein Vertrauen aufbauen, beziehungsweise ein vorhandenes Vertrauen nicht kaputt machen. Solche Dinge wie Handy als Bestrafung wegnehmen zum Beispiel sind da eher kontraproduktiv. Da müsste man sich andere Regeln überlegen.

Also ich muss dieses Vertrauen letztlich offen halten und in ständigem Austausch mit meinem Kind sein, um auch wirklich zu erfahren, was läuft, was geht ab, ohne dass das Kind jetzt so eine digitale Mauer aufbaut und letztlich irgendwelche Erlebnisse, aus welchem Grund auch immer, nicht mit mir teilen will.

SWR: Die Smartphones sind ja nun in der Welt, wir alle haben sie jeden Tag sehr viel in der Hand, die gehen ja nicht mehr weg.

Fischer: Ganz genau. Und deshalb ist bei allen, ich sag mal negativen Dingen, die man jetzt vielleicht in den letzten Minuten auch gehört hat, ganz wichtig, dass eigentlich es unser Ziel sein sollte, dass wir unsere Kinder und Jugendliche zu einem verantwortungsvollen und sichern Umgang mit den digitalen Medien oder dieser digitalen Welt zu befähigen, anstatt Dinge pauschal zu verbieten.

"Die Schule brennt" (4/5) Handysüchtige Kinder – Was Schulen und Eltern tun können

Viele Eltern und Lehrkräfte wollen gar nicht wissen, was in der WhatsApp-Klassengruppe abgeht. Clemens Beisel weiß es aus seiner Arbeit: Pornos, KZ-Witze, Fake News, Mobbing.

Das Wissen SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Interview mit
Alexander Fischer, Medienzentrum Mittelbaden
Das Interview führte
Christine Langer
Onlinefassung
Emily Burkhart
Portrait Bild der Autorin Emily Burkhart
Leila Boucheligua