Das Kultusministerium empfiehlt Grundschulen im Land, ein striktes Handyverbot in ihre Schulordnungen aufzunehmen. "Die Benutzung mitgebrachter privater digitaler mobiler Endgeräte ist grundsätzlich verboten", heißt es in einer vom Ministerium veröffentlichten Formulierungshilfe für die Schulen. Auch an weiterführenden Schulen rät das Ministerium zu strengen Vorgaben.
Gunter Vogel ist Schulleiter der Gutenbergschule in Karlsruhe, einer Grund- und Werkrealschule. Er findet die Empfehlungen des Kultusministeriums gut, sie brächten Klarheit. Allerdings: "Ich finde es schade, dass es so spät kommt." An seiner Schule gibt es seit 15 Jahren ein Handyverbot: "Der Schulalltag hat uns einfach dazu veranlasst."
Warum Handys in der Schule stören
Hätten Schülerinnen oder Schüler ein Handy bei sich, falle es ihnen sehr schwer, sich auf das Unterrichtsthema einzulassen.
Sie sind permanent am Handy beschäftigt, gucken drauf, es gibt Nachrichten, die ankommen von Eltern, die besorgt sind: das Kind hat das Vesperbrot zu Hause vergessen. Solche Sachen stören den Unterrichtsalltag immens.
Vogel findet es gut, dass das Ministerium nun Empfehlungen für Handyverbote an Schulen ausgesprochen hat: "Es gibt keine Diskussionen mehr im Lehrerkollegium oder auch mit Schülern. Mit Eltern war das nie ein Problem, die waren immer total überzeugt von dieser Regel und von dem Verbot."
Ihm ist klar, dass ein Verbot dennoch keine Wunderwaffe ist: "Ich sehe die Herausforderung, dass unsere Schüler intelligent sein werden und Wege finden, die Regelung zu umgehen. Also Trend zum Zweithandy: eins, das ich behalte, und eins, das ich benutzen kann - im schlimmsten Fall."
Schulen und Handyverbot: Welche Regeln gibt es?
Sebastian Kölsch, Vorsitzender des Landeselternbeirates, ist der Meinung, dass "mit Ausnahme zahlreicher Grundschulen nahezu 100 Prozent der weiterführenden Schulen bereits eine Regelung haben, die oftmals sogar weiter geht als in den Textbausteinen des Kultusministeriums. Wir sehen daher diese Hilfestellung für die Schulgremien nicht als den großen Wurf an."
Insbesondere die vom Ministerium aufgeführten Ausnahmefälle für ein Handyverbot sieht der Landeselternbeirat kritisch.
Hier wird der eigentliche Sinn und Zweck der Regelungen, nämlich der Schutz unserer Kinder und Jugendlichen, konterkariert, wenn Schulträger die Schulen nicht adäquat [mit Geräten] ausgestattet haben und die Lehrkräfte den Schülerinnen und Schüler die Nutzung privater Endgeräte für Unterrichtszwecke erlauben, hierbei wird regelmäßig während des Unterrichts nochmal schnell TikTok geöffnet.
Wer bestimmt über das Handyverbot in BW?
Zudem bemängelt Kölsch, dass das Ministerium bei der Erstellung der Empfehlung nicht Beratungsgremien miteingebunden hat, so wie es zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern geschehen ist. Das kritisiert auch der Landesschülerbeirat Baden-Württemberg.
Schüler dürfen kein Handy verwenden, aber Lehrer?
Joshua Meisel vom Landesschülerbeirat ist gegen pauschale Handyverbote. "Die ganzen Probleme, die vielleicht auch mit einem sehr exzessiven Medienkonsum einhergehen, stoppt man nicht dadurch, dass man sie einfach nach Hause verlagert. Im Zweifel werden Schülerinnen und Schüler, die besonders betroffen sind, mit ihren Problemen allein gelassen. Schule muss sich dieser Verantwortung stellen.“
Es entstünde außerdem ein Ungleichgewicht - denn auch Lehrkräfte würden in der Pause ihr Handy privat benutzen und hätten dabei eine wichtige Vorbildfunktion. "Das machen nicht alle, aber das passiert natürlich auch, dann fühlen sich viele Schülerinnen und Schüler unfair behandelt."
Durch ein Handyverbot entstünden zusätzliche Probleme: "Die Handys müssen in der Schule richtig verwahrt werden. Dann muss das Ganze versichert werden. Wenn man es nicht in der Schule verwahrt, dann können viele Schülerinnen und Schüler auf dem Schulweg nicht mehr mit ihren Eltern kommunizieren. Das ist ein Problem, wenn zum Beispiel Schülerinnen und Schüler abgeholt werden nach der Schule, weil kein Bus mehr fährt."
So können Schulen das Handyverbot begründen
Sandra Boser, Staatssekretärin im Kultusministerium, sagte dem SWR: "Unsere Regelung bringt den Schulen vor allem Rechtssicherheit." Sie könnten nun auf Musterbeispiele und Nutzungsverodnungen zurückgreifen und diese "einfach in den Schulalltag integrieren". Es solle auch darum gehen, die Schulgemeinschaft miteinzubeziehen, um gemeinsam eine Regelung an der Schule zu finden - "ein Benefit für die Schulen", so die Staatssekretärin.
GEW: Schüler und Schülerinnen brauchen mehr Medienbildung
Die Bildungsgewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) begrüßt nach eigenen Angaben die Regelungen des Kultusministeriums zum Umgang mit Handys.
"Immer wieder gibt es Schülerinnen und Schüler und auch Eltern, die Einschränkungen der Handynutzung kritisch sehen. Auch dafür sind die landesweiten Hinweise nützlich", so GEW-Landesvorsitzende Monika Stein. Die Gewerkschaft spricht sich gleichzeitig gegen komplette Verbote aus und weist darauf hin, dass in der beruflichen Bildung zum Teil die privaten Handys auch im Unterricht sinnvoll eingesetzt werden.
Außerdem fordert die GEW mehr Medienbildung, damit Schülerinnen und Schüler in der Lage seien, sich kritisch mit Cybermobbing, Hate Speech oder Fake News auseinanderzusetzen.
VBE: Schulen sollen beim Handyverbot Freiraum haben
Auch der Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg (VBE) begrüßt, dass das Kultusministerium den Schulen nun "eine klare und verlässliche Handlungsgrundlage" an die Hand gibt.
VBE-Landesvorsitzender Gerhard Brand sagte: "Entscheidend ist für uns aber auch: Die Umsetzbarkeit der Regeln muss gewährleistet und durch die Lehrkräfte leistbar bleiben." Zudem müssten die Schulen genügend Freiraum behalten, um die Regelungen flexibel und passgenau an die Gegebenheiten der Schulgemeinschaft vor Ort anzupassen.