Milliardenprojekt IPAI CAMPUS startet

So will Heilbronn zum KI-Zentrum in Europa werden

Bundeskanzler Friedrich Merz kam am Dienstag zum Spatenstich nach Heilbronn. Auf 30 Hektar Fläche soll der Innovationspark für Künstliche Intelligenz (IPAI) entstehen.

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Von Autor/in Alexander Dambach

Es soll ein KI-Projekt werden, das es so in dieser Art in Deutschland noch nicht gibt: Auf einer Fläche von umgerechnet etwa 42 Fußballfeldern wird im Heilbronner Stadtteil Neckargartach ein kreisrunder KI-Campus auf dem Areal Steinäcker entstehen. Den offiziellen Startschuss für das Großprojekt gaben am Dienstag Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gemeinsam mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Auch Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) und Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) waren vor Ort.

Baukosten im Milliardenbereich

Nach SWR-Informationen dürften die Baukosten für den kompletten IPAI CAMPUS vermutlich bei rund drei Milliarden Euro liegen. Hauptinvestor ist die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland, Geld kommt auch vom Land und der Dieter-Schwarz-Stiftung. Offiziell gibt es keine Informationen zur Gesamtinvestition.

Der Kanzlerbesuch fand unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Das Gelände rund um das Areal wurde abgesperrt. Außerdem hatte die Polizei über dem Gebiet ein Flugverbot für Drohnen angeordnet. Größere Behinderungen für Autofahrer wurden nicht erwartet. Zahlreiche Polizeikräfte waren im Einsatz.

Auf dem künftigen IPAI CAMPUS sollen einmal mehr als 5.000 Menschen ihren Arbeitsplatz haben. Teams von Unternehmen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden dort an angewandten neuen KI-Lösungen für ihre Firmen tüfteln und sich dabei austauschen und vernetzen können. In einem großen Besucherzentrum, einer Art KI-Experimenta, soll Künstliche Intelligenz erklärt werden.

Heilbronner KI-Projekt soll "Mut machen"

Auf den Tag des Spatenstichs haben vor allem Moritz Gräter und sein Team lange hingefiebert. Der 42-Jährige ist der Geschäftsführer des IPAI (Innovationspark für Künstliche Intelligenz). Er freut sich, dass Bundeskanzler Merz persönlich den Spatenstich vornimmt. Das unterstreiche nochmal besonders die Bedeutung des Projekts.

Ich will dem Kanzler hier auch mitgeben, dass es in Deutschland tolle Projekte gibt, die Mut machen, die Zukunft aktiv zu entwickeln. Davon darf es gerne mehr geben.

Viele Menschen wollen sich aktiv mit KI auseinandersetzen, stellt Gräter fest. Das habe sich auch beim großen KI-Festival in Heilbronn im Sommer mit tausenden Besucherinnen und Besuchern gezeigt.

Wir müssen uns viel Mühe geben, die Menschen auf diesem KI-Weg mitzunehmen. Auch dafür steht IPAI. Wir wollen zeigen, was KI kann, wo aber auch die Grenzen und Gefahren liegen.

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Das Kommunikationszentrum soll das Herzstück des IPAI CAMPUS sein. 60 Meter hoch mit acht Etagen und 20.000 Quadratmetern Gesamtfläche. Hier sollen sich Interessierte auch über KI informieren können. Bild in Detailansicht öffnen
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Ein geplantes Hochhaus auf dem Gelände. Bild in Detailansicht öffnen
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Die Gebäude sollen eigenständige Akzente setzen. Bild in Detailansicht öffnen
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Ein "Mobility Hub" soll das Areal erschließen. Bild in Detailansicht öffnen
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In diesen roten Häusern sollen einmal Start-ups an ihren KI-Ideen arbeiten. Bild in Detailansicht öffnen

IPAI hat schon über 80 Mitgliedsunternehmen

Schon seit Mitte 2024 hat der Innovationspark für Künstliche Intelligenz ein erstes eigenes Gebäude - im Zukunftspark Wohlgelegen in Heilbronn. Dort können Interessierte im "IPAI Spaces" schon jetzt KI live erleben. Teams von kleinen und großen Unternehmen sind dort mit Büros vor Ort, um an Projekten zu arbeiten.

Unter den Firmen sind etwa bekannte Namen wie SAP, Telekom, Claas, Porsche, Stihl oder Recaro und Vodafone. Auch aus der Region Heilbronn-Franken sind etliche Betriebe wie Würth, Ziehl-Abegg, Bechtle oder Schunk vor Ort. Auch der VfB Stuttgart ist ein Mitglied.

Audi erhofft sich viele Impulse vom IPAI

Zu den Mitgliedern gehört auch der Autobauer Audi mit einem Werk in Neckarsulm (Kreis Heilbronn). Seit 2023 ist das Unternehmen "Member" im IPAI. Audi sieht die Künstliche Intelligenz als "Schlüssteltechnologie für die Produktion der Zukunft". Der Standort Neckarsulm soll für den gesamten Audi-Konzern dabei eine Vorreiterrolle einnehmen.

Unweit vom künftigen KI-Campus liegt das Audi-Zweigwerk Böllinger Höfe. Audi sieht diesen Standort als Reallabor für die vollvernetzte und smarte Fabrik. Ab 2027 wird dort ein neuer Elektrosportwagen gebaut. Andreas Kühne ist bei Audi Programmmanager Künstliche Intelligenz im Bereich Produktion und Logistik. Er setzt auf viel Dynamik durch den wachsenden KI-Campus.

Der IPAI erregt europaweit Aufmerksamkeit, zieht Fachleute, innovative Start-ups und Technologiefirmen an. Wir als Audi nutzen die Impulse und die Expertise von außen für die digitale Transformation und die Integration von KI-Technologie in unsere Prozesse.

Konkret setzt Audi KI etwa im Bereich Karosseriebau ein. Dort entstehen beim Schweißen am Unterboden sogenannte Schweißspritzer. Diese sind scharfkantig und könnten Leitungen beschädigen. Bislang wurden sie von Mitarbeitenden mit den bloßen Augen gesucht und dann von Hand abgeschliffen. Das ist ein hoher Aufwand.

Jetzt gibt es eine KI-Lösung mit Bilderkennung. Die Schweißspritzer werden per Licht markiert. In Zukunft soll dann ein Schleifroboter die Stellen beseitigen. Für Audi ist diese KI-Lösung ein Fortschritt, denn den Mitarbeitenden werden belastende Tätigkeiten abgenommen. Eine Bild-KI kommt auch schon zum Einsatz, um länderspezifische Aufkleber an den Fahrzeugkarossen - etwa für Airbags - zu prüfen, ob sie richtig angebracht und ob Teile korrekt verbaut sind.

Heilbronn sieht IPAI CAMPUS als Glücksfall für Wirtschaftsstandort

Der Heilbronner Oberbürgermeister Harry Mergel (SPD) findet für den Baubeginn große Worte. Die Stadt befinde sich gerade in einer spannenden Phase der Transformation vom traditionellen Wirtschaftsstandort hin zu einem Wissensstandort.

Dieser IPAI CAMPUS ist die Spitze der Entwicklung. Es ist das ehrgeizigste und wichtigste Zukunftsprojekt im Bereich des Wirtschaftsstandorts Heilbronn.

Für Mergel steht fest: Es wird künftig keine Behörde, kein Unternehmen, keine Branche geben, die ohne Künstliche Intelligenz (KI) noch konkurrenzfähig ist. Umso entscheidender sei es, bei diesem Thema mit dabei zu sein.

Dieser KI-Park ist eine Lebensversicherung für die gesamte Region.

IHK sieht durch KI-Campus Wettbewerbsvorteil

Die Industrie- und Handelskammer Heilbronn-Franken (IHK) sieht durch das Milliardenprojekt einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil für die regionale Wirtschaft. "Unsere Unternehmen, vor allem der Mittelstand, bekommen direkten Zugang zu Schlüsseltechnologien der Zukunft", so IHK-Präsidentin Kirsten Hirschmann auf SWR-Anfrage. Und das Großprojekt werde für weitere Investitionen sorgen, ist die Unternehmerin überzeugt.

Heilbronn wird zu einem enorm attraktiven Standort für Start-ups und Investoren. Etwas besseres hätte dem Wirtschaftsstandort Heilbronn-Franken gar nicht passieren können.

Ventilhersteller GEMÜ: Austausch im IPAI bringt Impulse

Auch die Firma GEMÜ mit Sitz in Kupferzell (Hohenlohekreis) ist seit Oktober 2024 Mitglied im IPAI. Das Familienunternehmen ist auf Ventil-, Mess- und Regelsysteme für Flüssigkeiten, Dämpfe und Gase spezialisiert. Der Austausch im IPAI mit anderen KI-Teams liefere wertvolle Impulse, man könne eigene Ideen auf den Prüfstand stellen und "Best Practices" übernehmen.

Der IPAI ist für GEMÜ ein zentraler Baustein der digitalen Zukunft.

Konkret wird KI bei dem Hohenloher Unternehmen mit weltweit mehr als 2.500 Beschäftigten etwa bei internen Prozessen eingesetzt. Ein KI-Bot beantwortet in einem ersten Schritt automatisiert komplexe Produktanfragen. So sollen Fachbereiche entlastet werden.

Auch im Verpackungsprozess sorgt Künstliche Intelligenz für mehr Effizienz. KI analysiert Produktions- und Auftragsdaten, um in einer - wie es heißt - optimalen Reihenfolge das Material und den Verpackungsprozess zu steuern. So wird etwa per Kamera geprüft, ob alle Komponenten korrekt vorbereitet sind. Das sorge auch für weniger Verpackungsmaterial. Automatisierte Entscheidungen führten so zu schnelleren Abläufen.

IG Metall sieht IPAI als ermutigendes Signal

Zudem soll der Innovationspark für Künstliche Intelligenz für einen neuen Aufschwung in der Region sorgen, nachdem die Autobranche und die Zulieferer gerade in der Krise stecken. Bei der IG Metall Heilbronn Neckarsulm hat man zuletzt errechnet, dass bis 2029 wohl rund 5.000 Stellen bei Autozulieferen im Unterland wegfallen. Rudolf Luz, der erste Bevollmächtigte, sieht das IPAI-Projekt gerade in diesen Zeiten als ermutigend an.

Ich sehe hier im IPAI für die Region eine ungeheure Chance, auch für die Industrie. Es geht um KI in Produkten oder Produktionsprozessen. Der IPAI ist ein Innovationstreiber.

Von smarten Produkten könnten gerade auch Autozulieferer profitieren und damit ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern, so Luz. Es gehe nicht immer nur um Kostenfaktoren, sondern um Innovationsfaktoren, die Deutschland nach vorne bringen. Und was sagt der Gewerkschafter dazu, dass vor allem die Schwarz-Gruppe das Milliardenprojekt finanziell ermöglicht? "Ich glaube, es braucht immer die Visionäre. Ich sehe es als großes Glück für die Stadt und die Region an. Das Vorgehen ist sehr überlegt und strategisch fundiert", so das Fazit des erfahrenen Gewerkschafters.

Wahrnehmung von Heilbronn wird sich wandeln

Für viele Gesprächspartner ist schon jetzt klar: Heilbronn und die Region rücken überregional ins Rampenlicht mit einem ganz neuem Image. Denn Artifical Intelligence (AI), also Künstliche Intelligenz, sei nun einmal das große Thema der Zeit. Heilbronn wird daher in Zukunft wohl auch häufiger als "HAIlbronn" wahrgenommen werden.

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