Noch sind die Pläne der Bundesregierung zur Pflegereform nicht entschieden, doch die Sorgen sind bei Betroffenen schon groß. Gemeinnützige Pflegeanbieter im Kreis Heilbronn erwarten, dass sie in Zukunft keine Haushaltshilfe für Pflegebedürftige mehr anbieten werden.
Ein Viertel der Jobs sind im Landkreis in Gefahr, also rund 500 Arbeitsplätze rechnet Johannes Klopprogge von der Sozialstation Bad Rappenau (Kreis Heilbronn) vor. Hintergrund ist, dass der Entlastungsbetrag von 131 Euro pro Monat für Menschen mit Pflegegrad 1 komplett gestrichen werden soll.
Haushaltshilfe ermöglicht langes Wohnen in eigenen Wänden
Hildegard und Rudi Weiß aus Kirchardt (Kreis Heilbronn) bezahlen zurzeit aus ihrem Entlastungsbetrag von 131 Euro eine Haushaltshilfe. Einmal pro Woche kommt deshalb Aleksandra Wicha-Dürr zu ihnen, wäscht, macht Betten und schwingt den Staubsauger.
Als die beiden Senioren jung waren, baute er als Maurer die Trümmer von Heilbronn auf und sie erzog drei Kinder. Nun sind sie fast 90, sehen und hören schlecht und brauchen beide einen Rollator. Sie hat Pflegegrad zwei und er drei. Johannes Klopprogge vermutet, dass jemand wie die beiden nach der Reform in den Pflegegrad 1 sortiert werden könnte.
Dort soll es keinen Entlastungsbetrag für Haushaltstätigkeiten mehr geben, nur noch Beratung. Für höhere Pflegegrade gibt es noch Geld, das "Sozialraumbudget" - aber die Reform schließt dafür Pflegedienste aus. Das liest auch die größte Pflegekasse AOK aus dem Entwurf.
Statt Pflegediensten: Ehrenamtliche oder sogar der Schwarzmarkt?
Der Leiter der Sozialstation sorgt sich deshalb um ein Viertel seiner Mitarbeitenden. Im Gespräch sei, die Arbeit an Ehrenamtliche zu übergeben. Das hält er für unrealistisch - denn schon jetzt engagierten sich immer weniger Menschen, sagt er.
Jeder, der in einem Verein ist, kennt es. Es gibt kaum mehr Ehrenamtliche.
Wie groß das Problem für die ungelernten Kräfte ist, bleibt abzuwarten. Der Deutsche Berufsverband der Pflegeberufe vermutet, dass manche weiter für haushaltsnahe Dienstleistungen tätig bleiben werden. Andere könnten das Gesetz zum Anlass nehmen, sich weiterzubilden, zum Beispiel zur Pflegefachassistenz.
Für Tochter Angelika Munz ist auch der kleine Anteil der Haushaltshilfe viel wert. Schon jetzt gehe sie an ihre Grenzen und überlegt ihren Job als Erzieherin in der Kernzeitbetreuung aufzugeben. Auch ihre Brüder hätte der Stress schon krank gemacht.
Wenn ein kleiner Teil wegfällt, wie die Haushaltshilfe, gerät bei uns alles ins Wanken.
Pflegereform: Staat könnte an unausgezahlten Beiträgen sparen
Es bleibt die Haushaltshilfe selbst zu bezahlen. Da es kompliziert ist, selbst jemanden einzustellen und zu versichern, vermutet Klopprogge bald einen wachsenden Schwarzmarkt. Und noch eines liege nahe: Wenn das Geld des zukünftigen "Sozialraumbudgets" nicht für Ehrenamtliche abgerufen werde, und die Angehörigen es sich nicht selbst auszahlen dürfen - dann muss der Staat es nicht bezahlen.
Das sieht auch der Verband VdK so, der sich unter anderem für Senioren einsetzt. Landesgeschäftsführer Ronny Hübsch sagt, das neue Gesetz könnte ehrenamtliche Strukturen wie Helferkreise stärken. Er erwartet aber eher, dass das neue Sozialraumbudget nicht mehr abgerufen wird und die Pflegekassen damit noch mehr Geld sparen.
Das Bundesministerium für Gesundheit wollte sich dazu auf Anfrage nicht äußern. Eine Sprecherin erklärte, es gehe aktuell noch um einen ausdrücklichen Gesetzesentwurf, "der noch nicht einmal im Kabinett beschlossen wurde". Das Ziel sei vor der Sommerpause, die am 11. Juli beginnt.