Bianca Becker, Sozialdienstleiterin im Seniorenzentrum St. Vinzenz in Neckarsulm (Kreis Heilbronn), kennt das Problem nur zu gut: Mehrmals am Tag muss sie Anfragen für Kurzzeitpflegeplätze absagen. Die Plätze sind für Menschen gedacht, die vorübergehend nicht zu Hause gepflegt werden können - sei es nach einem Krankenhausaufenthalt oder weil pflegende Angehörige eine dringend benötigte Auszeit brauchen. Doch genau hier entsteht ein Problem: Viele Angehörige reservieren die Plätze Monate im Voraus, um ihre Urlaubszeiten abzusichern.
Planungssicherheit für Pflegeheime – ein Nachteil für spontane Notfälle
"Die Not ist groß. Aber es geht nicht. Ich muss ihnen sagen, sie müssen wieder gehen", sagt Sozialdienstleiterin Becker im SWR-Interview. Die sechs Zimmer, die für die Kurzzeitpflege im Haus reserviert sind, sind fast immer ausgebucht.
Vergangenes Jahr im Mai seien schon fast alle Plätze für Juli, August und September 2026 ausgebucht gewesen, berichtet Bianca Becker. Auch das Seniorenheim St. Urban in Erlenbach (Kreis Heilbronn) bestätigt, fast immer ausgebucht zu sein. Die langfristigen Buchungen erleichtern den Pflegeheimen die Planung, denn sie reduzieren den bürokratischen Aufwand. Bewohner, die bereits bekannt sind, haben zudem den Vorteil, dass alle notwendigen Dokumente - von der Patientenverfügung bis zur Vollmacht - schon vorliegen.
Ein Beispiel aus der Praxis: Dringend Platz nach OP benötigt
Lieselotte Schieber, 87 Jahre alt, ist eine von vielen, die dringend auf einen Kurzzeitpflegeplatz angewiesen waren. Nach einem Sturz und einer anschließenden Operation war klar: Sie würde drei Monate im Rollstuhl verbringen. Ihre berufstätige Tochter konnte nicht rund um die Uhr für sie da sein, eine Pflegekraft für zu Hause kam nicht infrage.
"Ich habe in meiner Wohnung kein Zimmer, in dem ich eine Pflegekraft unterbringen könnte", so Schieber. Alleine ging es allerdings auch nicht. Zur Not hätte sie weitere Tage im Krankenhaus verbringen müssen, um auf einen Pflegeplatz zu warten - doch maximal zehn Tage sind da möglich.
Oft kommt noch überraschend hinzu: Die Kurzzeitpflege kostet, sagt Bianca Becker. "Man kriegt Geld von der Krankenkasse, diese 3.539 Euro fürs Jahr, für eine Kurzzeitpflege ab Pflegegrad zwei. Aber, dass ein Selbstkosten-Anteil in den Einrichtungen dazu kommt, sagt fast niemand."
Reformbedarf: Wie könnte die Pflege verbessert werden?
Für Bianca Becker vom Seniorenheim St. Vinzenz in Neckarsulm ist klar: Das System Pflege muss grundlegend überdacht werden. Sie schlägt vor, dass der Hausarzt statt des Medizinischen Dienstes die Pflegegrade begutachten könnte. "Dann hätten diese Mitarbeiter [...] wieder die Möglichkeit, in ihren eigentlichen Beruf zurückzukehren und die Leute zu versorgen."