Es sind Schlagzeilen, die jedes Jahr wieder auftauchen: Der Bierpreis auf dem Wasen steigt, das Essen und die Fahrgeschäfte werden auch teurer. Trotzdem lassen sich jedes Jahr mehrere hunderttausend Menschen von den Preisen nicht abschrecken und besuchen Volksfeste in ganz Baden-Württemberg. Warum, erklärt Anja Achtziger, Sozial- und Wirtschaftspsychologin der Zeppelin Universität in Friedrichshafen am Bodensee im SWR-Interview.
SWR Aktuell: Frau Achtziger, von Jahr zu Jahr steigen die Preise auf den Volksfesten - eine Maß kostet mittlerweile 15 Euro. Warum sind die Menschen bereit, so viel Geld dafür auszugeben?
Anja Achtziger: Wenn es um unser Konsumentenverhalten geht, muss man immer an den Kontext denken, in dem es stattfindet. Der Supermarkt, in dem der Kauf zur Routine wird, ist natürlich ein anderer Kontext als auf dem Cannstatter Wasen. Dort geht es eher um das Gesamterlebnis - der Kauf hat einen Eventcharakter.
SWR Aktuell: Das heißt, dort spielt das Preis-Leistungs-Verhältnis keine Rolle mehr?
Achtziger: Hinzu kommt, dass viele wissen, dass es auf einem Volksfest teuer werden wird. Unsere Erwartungshaltung geht in die Richtung, das nennt man "mentale Budgetierung", unser mentales Budget hat sich im Geiste nach oben erhöht und den Preisen angepasst.
SWR Aktuell: Die Mentalität ist dort eine ganz andere, vom Alltag abgekoppelte?
Achtziger: Auf Volksfesten oder Festivals herrscht oft so etwas wie Urlaubsmentalität. Für viele ist so ein Besuch so etwas wie ein Kurzurlaub. Heißt: Der fällt danach nicht in das Alltagsbudget. Man ist so ein bisschen in einem Ausnahmemodus.
SWR Aktuell: Welche Rolle spielt eine gewisse Gruppendynamik bei solchen Großereignissen?
Achtziger: Natürlich beeinflusst eine gewisse Gruppendynamik das Konsumverhalten auf solchen Großereignissen. Der Mensch ist ein soziales Tier, wir imitieren auch teilweise unterbewusst das Verhalten anderer. Wenn alle um einen herum ein Bier trinken oder sich etwas Bestimmtes zu Essen kaufen, dann fällt es sicherlich schwer, dieses Konsumverhalten nicht zu imitieren.
SWR Aktuell: Kann man unterscheiden, welche Arten von Menschen bei Großereignissen anfälliger für irrationale Kaufentscheidungen sind?
Achtziger: Es gibt natürlich Menschen, die über mehr Selbstdisziplin verfügen als andere. Genauso wie es impulsivere Menschen gibt, die unüberlegter mit ihrem Geld umgehen. Ob Männer oder Frauen auf Volksfesten oder Festivals mehr Geld ausgeben, lässt sich nicht so genau sagen. Im alltäglichen Konsum gibt es Studien, die nachweisen, dass Frauen tendenziell etwas mehr Geld für Sachen ausgeben, die sie nicht brauchen, als Männer.
Welche rationalen Faktoren beeinflussen Kaufentscheidungen im Alltag?
Achtziger: Also im Alltag ist es wirklich eine Frage der Nutzenmaximierung. Alle müssen sich irgendwie ernähren, viele folgen beim Alltagseinkauf einer Routine, bei der das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen muss. Man kennt die Anordnung der Produkte im Markt gut und auch die Preise der Produkte, die angeboten werden. Oftmals ist das Routinesache.
SWR Aktuell: Ist die Unzufriedenheit mit den Preisen im Alltag in den vergangenen Jahren gestiegen?
Achtziger: Ja. Also generell ist es natürlich so, dass viele in Deutschland sehr preisbewusst sind. Wir haben nicht umsonst im Ausland so ein bisschen den Ruf, dass wir die Geizigen sind. In den vergangenen Jahren ist zunehmende Unzufriedenheit aufgekommen. Das liegt unter anderem an der hohen Inflation, die zum Teil von Verbraucherinnen und Verbrauchern als schmerzhafter und stärker wahrgenommen wurde, als sie war.