Im Stuttgarter Westen ist am Mittwoch ein neuer Platz eingeweiht worden. Der Shmuel-Dancyger-Platz ist ein Areal zwischen der Reinsburgstraße und der Rotenwaldstraße und wurde nach dem Auschwitz-Überlebenden Shmuel Dancyger benannt. Der Holocaust-Überlebende wurde am 29. März 1946 in Stuttgart-West bei einer Razzia erschossen.
Der Erste Bürgermeister Fabian Mayer, Landtagspräsidentin Muhterem Aras und Michael Kashi von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs weihten den Platz ein.
"Displaced Persons" nach dem Zweiten Weltkrieg
In der ehemaligen Reinsburg- und Klugestraße lebten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hunderte polnisch-jüdische Holocaust-Überlebende. Da die Rückkehr in ihre Heimat damals nicht möglich war, wurden diese Menschen als sogenannte "Displaced Persons" (DPs) unter amerikanischen Schutz gestellt.
Untergebracht wurden sie in beschlagnahmten Wohnungen. Auch Shmuel Dancyger lebte dort. Trotz der häufigen Ablehnung von der lokalen Bevölkerung bauten diese "Displaced Persons" sich im Stuttgarter Westen ein vielfältiges Alltagsleben auf.
Willkommen waren sie nicht Tausende jüdische Überlebende wohnten im Stuttgarter Westen
Zwischen 1945 und 1949 lebten tausende Juden in der Reinsburgstrasse im Stuttgarter Westen. Wie eine Künstlerinitiative die Vergangenheit mit einem Stadtrundgang in Erinnerung ruft.
Shmuel Dancyger überlebte den Holocaust
Am 29. März 1946 drangen mehr als 200 bewaffnete Polizisten in die Unterkünfte der DPs und führten eine antisemitisch motivierte, gewaltsam Razzia durch. Als die Bewohner sich wehrten, eröffneten die Polizisten das Feuer. Dabei starb der 36-jährige Shmuel Dancyger, drei weitere Menschen wurden verletzt. Für die Tat wurde in der Folge niemand zur Rechenschaft gezogen.
"Am heutigen Tag bekommt dieser Ort, der für ein beklemmendes Kapitel jüdischer Geschichte in Stuttgart steht, neue Sichtbarkeit", sagte Mayer. Das Schicksal Dancygers zeige, wie wichtig es ist, vergangenes Unrecht aufzuarbeiten und jüdisches Leben im Hier und Jetzt zu schützen. Shmuel Dancyger, der 1910 im polnischen Radom geboren wurde, hatte in Stuttgart erst kurz zuvor seine Frau Regina und seine beiden Kinder wiedergefunden. Alle vier hatten das Konzentrationslager Auschwitz überlebt.