Wenn Rolf Meyer von seiner 2024 verstorbenen Mutter erzählt, wird seine Stimme ganz weich. Wie kein anderer kennt er ihr Leben und hat es sich zur Aufgabe gemacht, als Zeitzeuge zweiter Generation ihre Geschichte weiterzugeben.
Rolf Meyer trägt Hannas Vermächtnis weiter:
Hanna Meyer-Moses wurde am 30. September 1927 in Karlsruhe geboren. Zusammen mit ihrer Schwester Susanne und den Eltern Betty und Nathan wurde sie von den Nationalsozialisten in das Lager Gurs deportiert. Die Familie wohnte in der Karlstraße in Karlsruhe. Heute erinnern Stolpersteine an ihr Schicksal. Hannas Eltern überlebten nicht.
Oktober 1940: Deportationen von Karlsruhe nach Gurs
Am 22. Oktober 1940 wurden alle Juden in Baden und der Pfalz verhaftet.
Am Morgen, circa 8 Uhr in der Früh, läutete es an unserer Wohnungstüre. Als meine Mutter öffnete, standen zwei Männer in Zivil vor ihr, die sich als Gestapo-Angehörige auswiesen und fragten, ob alle Familienangehörigen zu Hause seien. [...] Nachdem meine Mutter bejaht hatte, teilten ihr die Gestapo-Männer mit, es dürfe von nun an niemand mehr die Wohnung verlassen, wir sollten uns reisefertig machen, sie kämen in circa einer Stunde wieder.
Hannas Vater hatte damals eine Fußwurzelentzündung. Im Lager Gurs wurde er sofort in einer Krankenbaracke untergebracht. Seine Frau Betty kam mit den beiden Kindern Hanna und Susanne in eine der primitiven Baracken, die völlig leer standen.
Vier Monate im Lager Gurs - für viele tödlich
Hanna verbrachte vier Monate im Lager. Es war ein kalter Winter mit einer mangelhaften Ernährung und ein Leben im Schlamm, in dem laut Rolf Meyer einige Menschen nachts beim Gang zum Abort stecken blieben und sich nicht mehr selbst befreien konnten und so erfroren.
"Einige Monate erscheint vielleicht nicht so lang", sagt Rolf Meyer. "Aber zehn Prozent der Menschen starben bereits in der ersten Zeit aufgrund der katastrophalen Bedingungen. Und das waren auch junge Menschen, die das Lager nicht überlebten."
Raus aus Gurs: Abschied von den Eltern
Hannas Mutter pochte sehr beharrlich darauf, dass ihre Tochter durch die Bemühungen der Hilfswerke vor Ort möglichst schnell irgendwo außerhalb des Lagers untergebracht werden konnte. Hilfswerke wie das jüdische "Hilfswerk zur Rettung der Kinder" (OSE) versuchten, nach Möglichkeit die Kinder aus Gurs herauszuholen, um sie besser versorgen zu können.
So kam Hanna Ende Februar 1941 zusammen mit ihrer Schwester in ein französisches Waisenhaus. Doch auch dort waren die Zustände schlecht, aber immerhin besser als im Lager, wo die Eltern zurückblieben.
Brechreiz verursachten uns auch hin und wieder die Teigwaren, die vermutlich aus uralten Beständen an das Heim geliefert wurden und von Maden befallen waren.
Hannas Eltern wurden ins Lager Récébédou gebracht. Dort konnte Hanna sie im Frühsommer 1942 besuchen. Sie traf dort viele andere Bekannte aus Karlsruhe: Lehrer, Eltern ehemaliger Mitschüler. Rolf Meyer erzählt: "Sie alle wurden keine drei Monate später in Auschwitz getötet."
Das Schicksal von Ida Löb, einer anderen Jüdin, die nach Gurs deportiert wurde:
Deportation am 22. Oktober 1940 Heute vor 85 Jahren: Pfälzer Juden in die "Hölle von Gurs" deportiert
In der Pfalz wird heute mit Gedenkveranstaltungen an die Deportation jüdischer Familien aus der Pfalz ins französische Gurs vor 85 Jahren erinnert. Auch dem Schicksal von Ida Löb.
Die letzte Nachricht kam auf einer Postkarte
Hannas Eltern überlebten bis Mai 1944. Die letzte Nachricht stammt vom 12. Mai 1944, eine Postkarte von Betty:
Geliebte Kinder, wir gehen weg. Ich weiss nicht, ob wir nochmals schreiben können. Lebet wohl. Innige Küsse. Eure Eltern.
Mutter Betty starb in Auschwitz, ihr Mann Nathan tötete sich selbst, als er von der Deportation seiner Frau erfuhr. Er sei zuvor lange Zeit schon depressiv gewesen, so Rolf Meyer. Hanna konnte über viele Umwege schließlich in die Schweiz fliehen, wo sie bis zu ihrem Tod 2024 lebte.
Leben mit der Erinnerung: Wie Hanna als Zeitzeugin aktiv wurde
"Als wir Kinder waren, war Deutschland Tabuthema", erinnert sich Rolf Meyer. In den Sommerferien 1979 fuhr Hanna zum ersten Mal mit ihrem Mann nach Frankreich an all die Orte, wo sie als Jugendliche gewesen war. Eine "Reise in die Vergangenheit", wie sie auch ihr Buch Jahre später betitelte. Ihre Tochter Caroline ließ nicht locker und wollte unbedingt sehen, wo Hanna aufgewachsen war. So kam es 1986 zum ersten Besuch in Karlsruhe.
Spontan sprach Hanna damals bei der Stellvertretung des Oberbürgermeisters vor, und beschwerte sich, dass nur den toten Juden gedacht würde, sich aber niemand um das Schicksal der Überlebenden kümmerte. So begann ihre Funktion als wichtige Zeitzeugin.
2025: Auch 85 Jahre danach unvergessen
Auch nach Hannas Tod hielt ihr Sohn Rolf den Kontakt zur Stadt Karlsruhe. Er fuhr auch jetzt im Oktober mit einer Delegation, der unter anderem der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) angehörte, nach Gurs zu einer Gedenkveranstaltung. "Es war sehr eindrücklich", berichtet er von der Reise.
Simone Traub vom Hauptamt Karlsruhe entrollte während der Zeremonie ein Jugendbild von Hanna. "Das rührte mich zu Tränen", sagt Rolf Meyer. Er trägt das historische Erbe seiner Mutter weiter und erzählt in Schulen in Deutschland und der Schweiz von ihrem Schicksal. Zu Karlsruhe hat er einen speziellen Bezug.
Es ist immer wieder besonders, hier (in Karlsruhe) zu sein.
Für den 61-Jährigen ist wichtig: "Die meisten Konflikte entstehen, weil die Leute sich nicht zuhören." Deshalb gibt er die Geschichte seiner Mutter Hanna weiter an die nächsten Generationen, um gegen das Vergessen zu arbeiten.