Holocaust-Gedenktag

"Hitler fuhr an mir vorbei" - Überlebender aus Karlsruhe berichtet über Holocaust

Der in Karlsruhe geborene Jude Walter Bingham ist vor über 80 Jahren vor dem Holocaust nach England geflüchtet. Heute ist der 102-Jährige wieder in der Stadt, um seine Geschichte zu teilen.

Teilen

Stand

Von Autor/in Tobias Zapp

25. Juli 1939. Der 15-jährige Jude Wolfgang Billig steigt in einen Zug in Karlsruhe. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs flüchtet er vor den Nazis nach England. Fast seine gesamte Familie sieht er nie wieder. Heute ist der 102-Jährige, mittlerweile unter dem Namen Walter Bingham, wieder in Karlsruhe. Dieses Mal, um zu erinnern.

Baden-Württemberg

Digitale Erinnerungskultur Holocaust-Gedenktag: Virtuelle Führungen für Schulen in BW durch Auschwitz

Schulgruppen aus BW können das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau jetzt digital besuchen. Das Land fördert die Führungen, um Erinnerung und Bildung zu stärken.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Überlebender des Holocaust - Zurück in der Geburtsstadt

Am Rande der Karlsruher Kaiserstraße, kurz nach dem Europaplatz, liegt ein Stolperstein. Einer von vielen in der Stadt, doch ein besonderer für Walter Bingham. Auf ihm steht der Name seines Vaters, Sigmund Billig. Gestorben im August 1941 im Warschauer Ghetto.

Der Stolperstein in der Karlsruher Kaiserstraße erinnert an den Vater von Holocaust-Zeitzeugen Walter Bingham.
Der Stolperstein in der Karlsruher Kaiserstraße erinnert an den Vater von Walter Bingham.

An der Stelle des Stolpersteins ist heute ein Elektromarkt. Früher war dort das Wohnhaus von Walter Bingham. Er erinnert sich noch, als er vom Balkon aus Adolf Hitler vorbei fahren sah. Sein Vater arbeitete damals beim Karlsruher Tagblatt, erklärt Bingham. Irgendwann sei er entlassen worden, ab dann habe sich alles geändert.

Als jüdisches Kind in Karlsruhe verfolgt

Du dreckiger, stinkender Jude!

In der Schule wurde Walter Bingham gejagt, geschlagen und beschimpft. Die Synagoge in Karlsruhe sah er während der Novemberpogrome  mit eigenen Augen brennen. Seine Familie musste von der Wohnung in der Kaiserstraße in eine Wohnung im Hinterhaus ziehen, um weniger aufzufallen. Als Juden wurden sie im Nationalsozialismus systematisch verfolgt.

Nazis marschieren 1933 durch Karlsruhe. Holocaust-Zeitzeuge Walter Bingham erinnert sich noch an das Ereignis.
Nazis marschierten 1933 durch Karlsruhe.

Mit dem Kindertransport von Karlsruhe nach England

Seine Eltern schickten Walter Bingham schließlich mit den Kindertransporten nach England. Neben ihm wurden auch viele andere jüdische Kinder auf die Flucht geschickt. Die Szenen, die sich am Karlsruher Bahnhof abspielten, hat er noch genau vor Augen.

Mutter, ich liebe dich!

Da seien Eltern gewesen, die ihre 18 Monate alten Babys in die Hände wildfremder Menschen gaben. Kinder, die nicht verstanden, warum sie gehen müssen und dachten, man würde sie damit bestrafen. "Man kann sich vorstellen, wie traumatisch das war", so Bingham.

Erinnerungen an die Flucht

Er selbst war damals schon 15. "Ich wusste natürlich, warum ich ging", erzählt Bingham. Der Zug brachte ihn und die anderen Kinder in die Niederlande. Von dort ging es mit der Fähre nach England. Trotz der traumatischen Ereignisse verbindet Walter Bingham mit seiner Flucht auch kuriose Erinnerungen. Zum Beispiel an das Frühstück auf dem Schiff.

"Auf dem Schiff habe ich zum ersten Mal weißes Brot gesehen. Ich kannte das nicht, wir hatten nur dunkles Brot", erinnert er sich. Damals hielt er das Brot für Kuchen.

Ich esse keinen Kuchen zum Frühstück.

Rheinland-Pfalz

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus Interview: Warum Frauen den Holocaust anders als Männer erlebten

Hunger, Erniedrigung und Gewalt mussten alle Inhaftierten in Konzentrations- und Arbeitslagern ertragen. Frauen erlebten den Schrecken dennoch anders als Männer.

Holocaust: Die meisten sahen ihre Familien nie wieder

Dass Walter Bingham den Großteil seiner Familie nach seiner Flucht aus Deutschland nie wieder sehen würde, war ihm damals nicht klar. Nur seine Mutter fand er nach rund sieben Jahren wieder. Nach Deportation und verschiedenen Arbeitslagern landete sie in Schweden. Sie nach dem Krieg wiederzusehen bezeichnet Bingham als den emotionalsten Moment seines Lebens.

Sein Vater, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen - fast alle starben in den Lagern der Nationalsozialisten. Als Erinnerung an sie bleibt heute nur noch eine Tafel mit ihren Namen am Grab des Großvaters von Walter Bingham, der vor dem Krieg starb. Eigene Gräber haben sie nie bekommen.

Gedenken an Holocaust in Karlsruhe: Nach jüdischer Tradition legte Walter Bingham einen Stein am Grab seines Großvaters nieder.
Nach jüdischer Tradition legte Walter Bingham einen Stein am Grab seines Großvaters nieder. An die von den Nazis getöteten Familienmitglieder erinnert eine Tafel am Grab.

Walter Bingham selbst hat sie nicht vergessen. Nach jüdischer Tradition hat er einen kleinen Stein auf ihrem Grab niedergelegt. Den hat er von der Klagemauer in Israel mitgebracht.

"Deutsch sein" begleitet ihn bis heute

Den Großteil seines Lebens verbrachte Walter Bingham nach dem Zweiten Weltkrieg in England. Er trat unter anderem der Armee bei und half dabei, den Nazis ihre Verbrechen nachzuweisen. Mit 80 Jahren wanderte er dann nach Israel aus. Dort lebt er auch aktuell.

Holocaust Zeitzeuge Walter Bingham aus Karlsruhe. Bild aus der Jugend
Als junger Mann schloss sich Walter Bingham der britischen Armee an.

Dass Walter Bingham aber auch Deutscher ist, prägt ihn bis heute: "Man sagt mir in Israel, ich sei wie ein richtiger Deutscher, weil bei mir Ordnung sein muss im Schrank. Man kann, wo man geboren ist, und die Kindheit nicht verleugnen", so Bingham.

Antisemitismus nehme wieder zu

Sorge bereitet Bingham, dass der Antisemitismus in den letzten Jahren wieder zunehme. Er sehe, was in den verschiedenen Ländern passiere, habe das alles bereits erlebt.

Das ist das zweite Mal, dass ich das sehe, und ich kann voraussehen, was noch kommt.

An einen erneuten Holocaust glaubt er aber nicht. Auch, weil es heute ein starkes Israel gebe. Und weil er die Hoffnung nicht aufgegeben hat. Man müsse positiv bleiben, nach vorne schauen, so Bingham. "Alle Menschen sind gleich geschaffen", erklärt er. Deshalb hoffe er, dass die jungen Menschen eine bessere Welt schaffen.

Freiburg

Verfolgung und Druck Gedenken in Freiburg: Wie lesbische Frauen in der Nazi-Zeit schikaniert wurden

Was homosexuelle Männer in der NS-Zeit ertragen mussten, dazu wurde viel geschrieben. Aber wie erging es lesbischen Frauen? Historikerinnen machen sie jetzt in Freiburg zum Thema.

Erinnern an den Holocaust als Lebensaufgabe

Und auch der 102-jährige Walter Bingham will weiter zu einer besseren Welt beitragen. Wie zum Beispiel im Landratsamt in Karlsruhe, wo er am Abend eine Rede hält. Eingeladen wurde er vom Projekt Papierblatt. Die Gruppe lädt regelmäßig Holocaustüberlebende zu Vorträgen ein.

Trotz seines hohen Alters kommt Walter Bingham dafür auch gerne von Israel zurück in seine Geburtsstadt Karlsruhe. Als Überlebender sieht er es als seine Aufgabe, solange es ihm möglich ist, an die Schrecken des Nationalsozialismus zu erinnern.

Dass er so lange lebe, sei ein Geschenk von Gott. "Ich bin so lange hier, um meine Heilige Aufgabe zu erfüllen", so Bingham. Davon ist er fest überzeugt.

Herbolzheim

Gedenkstunde in Herbolzheim Holocaust-Gedenktag: BW-Landtag erinnert an Volksgruppe der Jenischen

Am Holocaust-Gedenktag wird an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Bei einer Feierstunde in Herbolzheim stand eine eher unbekannte Volksgruppe im Mittelpunkt.

Karlsruhe

Sohn hält historisches Vermächtnis der Mutter lebendig 85 Jahre Gedenken an Gurs: Erinnerungen an eine Überlebende aus Karlsruhe

Hanna Meyer-Moses aus Karlsruhe hatte das Internierungslager Gurs überlebt. Heute kümmert sich ihr Sohn Rolf Meyer um ihr historisches Vermächtnis.

SWR4 BW am Morgen SWR4 Baden-Württemberg

Holocaust-Gedenken Welche Bedeutung KZ-Besuche und Zeitzeugen für die Erinnerungskultur haben

Neue Studien belegen zum 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, dass Jugendliche immer weniger über den Holocaust wissen. Woran das liegt und wie man das ändern kann, erklärt ein Professor aus Gießen. 

Stuttgart

Neuanfang! Wenn es anders kommt im Leben Charlotte überlebte Holocaust: So erinnert sie sich an ihre Kindheit unter den Nazis

Charlotte Isler überlebte den Holocaust. Mit 14 Jahren floh sie nach der sog. Pogromnacht aus Stuttgart vor Hitler und den Nazis. In "SWR1 Neuanfang" erinnert sie sich.

KI-gefälschte Holocaust-Bilder: Welche Hintergründe und Folgen das hat

Mehr und mehr Fotos, die angeblich aus dem Holocaust stammen, sind KI-Fakes. Hintergründe und Folgen erklärt Historikerin Alina Bothe im SWR.

SWR Aktuell am Morgen SWR Aktuell

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Tobias Zapp
Tobias Zapp

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!