25. Juli 1939. Der 15-jährige Jude Wolfgang Billig steigt in einen Zug in Karlsruhe. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs flüchtet er vor den Nazis nach England. Fast seine gesamte Familie sieht er nie wieder. Heute ist der 102-Jährige, mittlerweile unter dem Namen Walter Bingham, wieder in Karlsruhe. Dieses Mal, um zu erinnern.
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Überlebender des Holocaust - Zurück in der Geburtsstadt
Am Rande der Karlsruher Kaiserstraße, kurz nach dem Europaplatz, liegt ein Stolperstein. Einer von vielen in der Stadt, doch ein besonderer für Walter Bingham. Auf ihm steht der Name seines Vaters, Sigmund Billig. Gestorben im August 1941 im Warschauer Ghetto.
An der Stelle des Stolpersteins ist heute ein Elektromarkt. Früher war dort das Wohnhaus von Walter Bingham. Er erinnert sich noch, als er vom Balkon aus Adolf Hitler vorbei fahren sah. Sein Vater arbeitete damals beim Karlsruher Tagblatt, erklärt Bingham. Irgendwann sei er entlassen worden, ab dann habe sich alles geändert.
Als jüdisches Kind in Karlsruhe verfolgt
Du dreckiger, stinkender Jude!
In der Schule wurde Walter Bingham gejagt, geschlagen und beschimpft. Die Synagoge in Karlsruhe sah er während der Novemberpogrome mit eigenen Augen brennen. Seine Familie musste von der Wohnung in der Kaiserstraße in eine Wohnung im Hinterhaus ziehen, um weniger aufzufallen. Als Juden wurden sie im Nationalsozialismus systematisch verfolgt.
Mit dem Kindertransport von Karlsruhe nach England
Seine Eltern schickten Walter Bingham schließlich mit den Kindertransporten nach England. Neben ihm wurden auch viele andere jüdische Kinder auf die Flucht geschickt. Die Szenen, die sich am Karlsruher Bahnhof abspielten, hat er noch genau vor Augen.
Mutter, ich liebe dich!
Da seien Eltern gewesen, die ihre 18 Monate alten Babys in die Hände wildfremder Menschen gaben. Kinder, die nicht verstanden, warum sie gehen müssen und dachten, man würde sie damit bestrafen. "Man kann sich vorstellen, wie traumatisch das war", so Bingham.
Erinnerungen an die Flucht
Er selbst war damals schon 15. "Ich wusste natürlich, warum ich ging", erzählt Bingham. Der Zug brachte ihn und die anderen Kinder in die Niederlande. Von dort ging es mit der Fähre nach England. Trotz der traumatischen Ereignisse verbindet Walter Bingham mit seiner Flucht auch kuriose Erinnerungen. Zum Beispiel an das Frühstück auf dem Schiff.
"Auf dem Schiff habe ich zum ersten Mal weißes Brot gesehen. Ich kannte das nicht, wir hatten nur dunkles Brot", erinnert er sich. Damals hielt er das Brot für Kuchen.
Ich esse keinen Kuchen zum Frühstück.
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Holocaust: Die meisten sahen ihre Familien nie wieder
Dass Walter Bingham den Großteil seiner Familie nach seiner Flucht aus Deutschland nie wieder sehen würde, war ihm damals nicht klar. Nur seine Mutter fand er nach rund sieben Jahren wieder. Nach Deportation und verschiedenen Arbeitslagern landete sie in Schweden. Sie nach dem Krieg wiederzusehen bezeichnet Bingham als den emotionalsten Moment seines Lebens.
Sein Vater, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen - fast alle starben in den Lagern der Nationalsozialisten. Als Erinnerung an sie bleibt heute nur noch eine Tafel mit ihren Namen am Grab des Großvaters von Walter Bingham, der vor dem Krieg starb. Eigene Gräber haben sie nie bekommen.
Walter Bingham selbst hat sie nicht vergessen. Nach jüdischer Tradition hat er einen kleinen Stein auf ihrem Grab niedergelegt. Den hat er von der Klagemauer in Israel mitgebracht.
"Deutsch sein" begleitet ihn bis heute
Den Großteil seines Lebens verbrachte Walter Bingham nach dem Zweiten Weltkrieg in England. Er trat unter anderem der Armee bei und half dabei, den Nazis ihre Verbrechen nachzuweisen. Mit 80 Jahren wanderte er dann nach Israel aus. Dort lebt er auch aktuell.
Dass Walter Bingham aber auch Deutscher ist, prägt ihn bis heute: "Man sagt mir in Israel, ich sei wie ein richtiger Deutscher, weil bei mir Ordnung sein muss im Schrank. Man kann, wo man geboren ist, und die Kindheit nicht verleugnen", so Bingham.
Antisemitismus nehme wieder zu
Sorge bereitet Bingham, dass der Antisemitismus in den letzten Jahren wieder zunehme. Er sehe, was in den verschiedenen Ländern passiere, habe das alles bereits erlebt.
Das ist das zweite Mal, dass ich das sehe, und ich kann voraussehen, was noch kommt.
An einen erneuten Holocaust glaubt er aber nicht. Auch, weil es heute ein starkes Israel gebe. Und weil er die Hoffnung nicht aufgegeben hat. Man müsse positiv bleiben, nach vorne schauen, so Bingham. "Alle Menschen sind gleich geschaffen", erklärt er. Deshalb hoffe er, dass die jungen Menschen eine bessere Welt schaffen.
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Erinnern an den Holocaust als Lebensaufgabe
Und auch der 102-jährige Walter Bingham will weiter zu einer besseren Welt beitragen. Wie zum Beispiel im Landratsamt in Karlsruhe, wo er am Abend eine Rede hält. Eingeladen wurde er vom Projekt Papierblatt. Die Gruppe lädt regelmäßig Holocaustüberlebende zu Vorträgen ein.
Trotz seines hohen Alters kommt Walter Bingham dafür auch gerne von Israel zurück in seine Geburtsstadt Karlsruhe. Als Überlebender sieht er es als seine Aufgabe, solange es ihm möglich ist, an die Schrecken des Nationalsozialismus zu erinnern.
Dass er so lange lebe, sei ein Geschenk von Gott. "Ich bin so lange hier, um meine Heilige Aufgabe zu erfüllen", so Bingham. Davon ist er fest überzeugt.