Sie kann Texte in kürzester Zeit übersetzen, Ärztinnen und Ärzte bei Diagnosen unterstützen, Autos durch den Verkehr steuern und perspektivisch in der Landwirtschaft bei der Ernte helfen: Künstliche Intelligenz (KI) hält immer mehr Einzug in den Berufsalltag. Doch was bedeutet das für die Zukunft? Ist KI vor allem Hilfsmittel und Erleichterung - oder wird sie bald viele Beschäftigte überflüssig machen?
Mit dieser Frage beschäftigt sich das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart. Dort leitet Matthias Peissner den Forschungsbereich Mensch-Technik-Interaktion. Er sieht die KI nicht als große Jobvernichterin: Unterm Strich könnten sogar neue Tätigkeiten entstehen, sagt der KI-Experte im SWR-Interview. Er plädiert aber auch dafür, Sorgen ernst zu nehmen. Unternehmen sollten ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Einführung von KI-Tools nicht nur "mitnehmen", sondern aktiv beteiligen.
SWR Aktuell: Herr Peissner, nimmt uns die KI die Arbeitsplätze weg?
Matthias Peissner: Ich glaube, nein. Es gibt solide Daten, die zeigen: Bei etwa einem Fünftel der Berufe kann rund die Hälfte der Tätigkeiten durch KI ersetzt oder unterstützt werden. Aber das hängt stark vom Beruf ab. Und selbst wenn Aufgaben theoretisch ersetzt werden könnten, ist das in der Praxis oft wirtschaftlich nicht sinnvoll oder nicht gewünscht.
SWR Aktuell: Trotzdem gibt es doch Fälle wie beim Zahlungsdienstleister Klarna, wo KI bei der Bearbeitung von Kundenanfragen laut dem Unternehmen die Arbeit von 700 Beschäftigten übernommen hat.
Peissner: Inzwischen hat Klarna seinen Kundenservice wieder umgestellt, weil viele Kundinnen und Kunden einfach mit einem Menschen sprechen wollen. Das zeigt: Die Arbeitswelt wird sich durch KI verändern, aber sie wird nicht zusammenbrechen. Und: Zeit, die durch Automatisierung frei wird, wird schnell für andere, oft interessantere Aufgaben genutzt werden. Der größte Hebel von KI liegt außerdem nicht in der Automatisierung menschlicher Arbeit, sondern darin, dass sie uns völlig neue Möglichkeiten eröffnet - etwa in der Forschung Aufgaben zu erledigen, für die ein Mensch bisher Jahre gebraucht hat.
SWR Aktuell: Aber KI übernimmt immer mehr Aufgaben, die früher Menschen gemacht haben, wie zum Beispiel Übersetzungen oder in Zukunft das Fahren von Taxis oder Bussen. Wird es menschliche Übersetzer und Fahrer bald nicht mehr geben?
Peissner: Das stimmt, manche Berufe sind stärker betroffen. Bei Übersetzern zum Beispiel gibt es ein gewisses Risiko. Aber dort hilft Spezialisierung auf Fachbereiche wie Recht oder Technik, wo KI bei Weitem noch nicht so stark ist. Und in Fahrzeugen wird es wohl weiterhin menschliche Präsenz brauchen - allein schon zur Sicherheit, etwa gegen Vandalismus am Abend.
SWR Aktuell: Im besten Fall verändern sich die Berufe also - sie verschwinden nicht?
Peissner: Richtig. Einzelne Aufgaben kann die KI übernehmen, aber ein Berufsbild besteht ja aus einem breiten Spektrum von Tätigkeiten und Verantwortlichkeiten. Die Mehrzahl der Berufe wird sich wandeln, aber nicht verschwinden. Aber ja, es wird auch Menschen geben, die sich ganz neu orientieren müssen. Oft sind das geringer qualifizierte oder bildungsferne Personen. Genau da sehe ich eine große Gefahr: Dass sich unsere Gesellschaft digital spaltet zwischen denen mit KI-Kompetenzen und denen, die abgehängt werden.
SWR Aktuell: Welche Branchen oder Tätigkeiten sind besonders gefährdet?
Peissner: Vor allem einfachere kognitive Tätigkeiten - zum Beispiel dort, wo Menschen hauptsächlich mit digitalen Daten arbeiten. Wer zum Beispiel in einer Versicherung hauptsächlich Daten eingibt oder bearbeitet, ist durch KI leichter ersetzbar. Anders sieht es etwa im Handwerk aus: Wer mit der physischen Welt interagiert - etwa eine Friseurin oder ein Klempner, der bei Ihnen einen Rohrbruch repariert - wird auch in 20 Jahren nicht durch KI ersetzt werden. Sicherlich wird es Bereiche geben, in denen Jobs wegfallen. Aber gesamtwirtschaftlich gehe ich davon aus, dass es ein Nullsummenspiel wird - vielleicht entstehen am Ende sogar mehr neue Arbeitsplätze als verschwinden.
SWR Aktuell: Welche neuen Jobs können durch KI entstehen?
Peissner: Zum Beispiel rund um das Thema Datenaufbereitung. Die KI braucht gut strukturierte Daten, um arbeiten zu können. Das schafft Aufgaben in Unternehmen. Zudem braucht es Menschen, die KI-Systeme überwachen. Außerdem können sich durch KI ganz neue Wirtschaftszweige entwickeln, wie wir das auch beim Internet gesehen haben - denken Sie nur an Social Media Manager und Influencer. KI ermöglicht neue Tätigkeiten, die wir heute noch gar nicht vorhersehen können.
So setzt Bäckermeister Felix Gosch aus Erlenbach (Kreis Heilbronn) KI ein:
SWR Aktuell: Wie stark sind die Ängste bei Beschäftigten, den Job durch KI zu verlieren?
Peissner: Die Angst ist sehr groß - besonders bei Menschen, die wenig über KI wissen. Das habe ich bei vielen Gesprächen in Unternehmen festgestellt. In unserem KI-Fortschrittszentrum in Baden-Württemberg haben wir mit über 300 Unternehmen zusammengearbeitet. Wenn ich dort Vorträge halte, merke ich: Mitarbeitende und Betriebsräte haben Angst vor Arbeitsplatzverlust, sinkenden Gehältern oder Entmenschlichung der Arbeitswelt.
SWR Aktuell: Wie kann man mit diesen Sorgen umgehen?
Peissner: Wir haben mit Unterstützung des Arbeitsministeriums das Projekt "KI-Studios" ins Leben gerufen. Damit richten wir uns gezielt an Beschäftigte und Betriebsräte. In Stuttgart und München gibt es feste Studios mit Demonstratoren, wo man erleben kann, wie man in verschiedenen Branchen heute und in der Zukunft mit KI zusammenarbeiten kann. Dabei wollen wir die Menschen auch für kritische Fragen sensibilisieren: Welche Entscheidungen soll die KI treffen und wo sollte der Mensch weiterhin entscheiden? Wie steht es um den Datenschutz? Außerdem sind zwei mobile KI-Busse im Einsatz, die Unternehmen buchen können. Vormittags gibts dann Demo-Stationen im Unternehmen, nachmittags Workshops. Das Angebot ist kostenlos und wird sehr stark nachgefragt.
Es reicht nicht, die Mitarbeitenden nur 'mitzunehmen'.
SWR Aktuell: Aber mit einem Besuch in Ihrem KI-Studio oder ein paar Workshops werden die Ängste doch nicht verschwunden sein?
Peissner: Nein, unser KI-Aktionstag kann natürlich nur ein Auftakt sein. Danach müssen die Unternehmen den Prozess weiter gestalten, aber das ist den Verantwortlichen mittlerweile auch bewusst. Wichtig dabei: Es reicht nicht, die Mitarbeitenden nur "mitzunehmen". Wenn Beschäftigte nicht überrollt werden sollen, müssen sie nicht nur informiert und geschult, sondern auch aktiv beteiligt werden. Wenn Mitarbeitende verstehen, wie KI funktioniert, wo ihre Stärken, aber auch ihre Grenzen liegen, dann werden sie selbst tolle vielfältige Ideen einbringen, wie man KI sinnvoll einsetzen kann. Genau das brauchen wir in Deutschland - auch um im internationalen Vergleich vorne mitzuspielen.