Es ist kalt in der Esslinger Altstadt und grau: Für Helmut Krüger sind es von der Verkehrsinsel aus nur noch ein paar Meter ins Warme. Ihn zieht es zum Tagestreff St. Vinzenz. Dorthin, wo sich der Obdachlose regelmäßig ausruht. Den Stress der kalten Nächte kann er an der Garderobe für einige Stunden abgeben.
Ich habe nur zwei Decken für die Nacht - aber da, wo ich mich grade nachts meistens aufhalte, ist das schon einigermaßen auszuhalten. Ein bisschen frieren muss ich schon immer.
Zwei Decken allein sind kein ausreichender Kälteschutz
Den Ort, wo Helmut Krüger sich grade mit zwei Decken und nur wenigen persönlichen Dingen Nacht für Nacht durchschlägt, will er nicht verraten. Geheimsache, aus Sicherheitsgründen - auch, weil ihm andere den Platz seiner Wahl streitig machen könnten. Immer mal wieder schlafen Menschen ohne Wohnung in beheizten Bank-Räumen mit Geldautomaten. Dort müssen sie allerdings jederzeit damit rechnen, vom Wachdienst vor die Türe gesetzt zu werden.
"Die haben einfach auch Angst, dass Ihnen die Überwachungskameras zerstört werden oder Leute den Raum verwüsten", sagt Krüger. Er selbst wolle dort nur seine Ruhe und ein paar Stunden Schlaf finden. Die Angst, Obdachlose könnten Bankkunden beim Geldabheben überfallen, sei unberechtigt, meint Krüger. Er habe zwar Verständnis, dass Sicherheitspersonal die Bank vor Schäden rund um ihre Geldautomaten schützen muss. Mit einem leichten Grinsen weist er aber darauf hin, dass ihm Werbung-Slogans mit Überschriften wie "Die Bank an ihrer Seite" doch schon auch ein wenig komisch vorkommen, wenn friedlich Leute wie er bei eisigen Temperaturen vor die Tür gesetzt würden.
Sechs Jahre Leben auf der Straße
Krüger lebt seit sechs Jahren auf der Straße, hat in Notunterkünften eigenen Aussagen nach schlechte Erfahrungen gemacht und brauche die frische Luft, wie er erzählt. So wie er sehen das einige andere Menschen ohne Dach überm Kopf in Esslingen auch, sagt Kay-Christian Müller, der Koordinator des Esslinger Kältebusses: "Wir wissen aus verschiedenen Quellen bei der Stadtverwaltung und von Hilfsorganisationen, dass es im Kreis Esslingen etwa 100 Obdachlose gibt, die wirklich auf der Straße leben." Im eigentlich Stadtgebiet lebten etwa die Hälfte - von ihnen würden 10 bis 20 Menschen täglich betreut.
Müller arbeitet hauptberuflich als Notfallsanitäter für das Deutsche Rote Kreuz. Die Esslinger Hilfe für Obdachlose hat er gemeinsam mit einem Team ehrenamtlich aufgebaut. Erst war das Team mit einem alten VW-Golf und Pappschild unterwegs - seit diesem Jahr mit eigenen, gut ausgestatteten Rotkreuz-Transporter und der Aufschrift "Sozialdienst".
Rettungsbus mit viel Schutz gegen kalte Nächte
Im Kältebus sind warme Getränke in Thermosbehältern vorhanden - in kleinen Regalen lagern Spezial-Schlafsäcke, besonders robuste Isomatten und gespendete Stricksachen. Wer Hilfe annehmen will, bekomme sie auch, sagt Notfallsanitäter Müller.
Mit einigen der unter freiem Himmel schlafenden Obdachlosen hat das Team des Esslinger Kältebusses Kontakt übers Smartphone. Auf Müllers Display sind einige Standorte markiert. Aber nicht alle Obdachlose seien mit funktionierendem Smartphone ausgestattet. Minus-Temperaturen können für sie tödlich sein, so Müller.
Letztes Jahr gab es leider zwei Todesfälle im Winter unter Obdachlosen. Auch deshalb wollen wir in diesem Winter sehr präsent sein.
Dankbar ist das Team des Kältebusses über gute Kontakte zum örtlichen Krankenhaus. Dort werden auch Obdachlose ohne Krankenversicherung in Notfällen versorgt, so Müller weiter.
Auch Tagestreff für Obdachlose wichtig
Erika Baur ist Sozialpädagogin im katholischen Tagestreff St. Vinzenz. Sie kann mit ihrem Team und eigenen Räumlichkeiten in der Esslinger Altstadt jeden Tag bis zu 30 Menschen ohne eigene Wohnung unterstützen. Leider, so berichtet sie, könnten ihre Mitarbeiter nicht jede Tragödie unter Wohnungslosen verhindern: "Der Bruder einer unserer Gäste ist letztes Jahr erfroren. Leider ist die Kälte wirklich sehr gefährlich."
Das Angebot von St. Vinzenz mit warmem Mittagessen und lockerer Betreuung helfe aber grade jetzt im Winter Menschen ohne Wohnung, sich wenigstens stundenweise zu erholen. Und die ehrenamtlichen Helfer versuchen möglichst viele Obdachlose, sich doch für eine Übernachtung in Notunterkünften zu entscheiden.
Katholischer Tagestreff hilft tagsüber
Eines Tages, so hofft es der Obdachlose Helmut Krüger, werde er wieder eine neue, bezahlbare Wohnung finden können. Seine letzte kleine Wohnung sei zusammen mit einem alten Haus abgerissen worden. Am liebsten wäre ihm ein 24-Stunden-Treff - genauso gemütlich und fürsorglich wie der Tagestreff in der Esslinger Altstadtgasse. Doch den dürften sich in Zeiten leerer Kassen weder die Stadt Esslingen noch die katholische Kirche leisten können.