Es ist der 22. Oktober 1940. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als frühmorgens plötzlich jemand bei Ida Löb und ihrer Familie in Mutterstadt an die Tür klopft: "Aufmachen, Polizei!" Die Gründe des unangekündigten Besuchs werden nicht bekanntgegeben, die einzige Info lautet: "Ihr kommt fort."
Eine Stunde Zeit, um alles zusammen zu packen. 100 Reichsmark darf Familie Löb mitnehmen, mehr ist nicht erlaubt.
Von Ludwigshafen nach Südfrankreich
Mit dem Autobus geht es in den Hof der Maxschule nach Ludwigshafen. Nach und nach kommen immer mehr Menschen an. Irgendwann werden alle in alte Personenzüge verladen. Wohin es geht, ist weiter unbekannt.
Nach etwa 1.300 Kilometern und zwei langen Tagen Fahrt schließlich die Gewissheit: Die Züge sind vor den Toren des Internierungslagers Gurs in Südfrankreich zum Stehen gekommen.
Ida Löb wurde deportiert aus Mutterstadt
So schildert Ida Löb später die Geschehnisse in einem Brief an ihre Verwandten. Mehr als dieser Brief ist von der Jüdin aus Mutterstadt nicht geblieben. Sie steht dabei stellvertretend für 826 Pfälzerinnen und Pfälzer, die am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurden.
Blaupause für spätere Deportationen
Insgesamt waren es an diesem und am nächsten Tag zusammen sogar über 6.500 Jüdinnen und Juden aus dem ganzen Südwesten Deutschlands – Pfalz, Baden und Saarland –, die ihre Heimat ungewollt verlassen mussten.
Die sogenannte "Wagner-Bürckel-Aktion" – benannt nach den damaligen Gauleitern von Baden und der Pfalz – war laut Jan Wiese von der Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt eine neue Strategie des Regimes.
Tag jährt sich zum 80. Mal Befreiung des KZ Auschwitz: Erinnerung in Mainzer Synagoge und anderen Orten in RLP
Vor 80 Jahren wurde das KZ Auschwitz durch die Rote Armee befreit. Zum Jahrestag wird in Rheinland-Pfalz vielerorts an die Verbrechen des NS-Regimes erinnert und der Opfer gedacht.
Erste Deportationen ganzer Familien
Bis zu diesem Zeitpunkt standen vor allem jüdische Männer im Blickpunkt, doch das änderte sich jetzt. "Das war die erste Deportation ganzer jüdischer Familien aus deutschem Reichsgebiet", meint Wiese. "Und es war die Blaupause für all die Deportationen, die ab 1942 in ganz Europa stattfanden."
Krankheiten, wenig Essen, harte Arbeit
Das Lager in Gurs hatte bereits vor dem Zweiten Weltkrieg existiert, bis 1940 waren dort ehemalige Kämpfer des Spanischen Bürgerkriegs inhaftiert. Als die Menschen aus Deutschland ankamen, waren die Bedingungen vor Ort dramatisch.
Familien wurden auseinandergerissen, Männer und Frauen getrennt. Der Untergrund war unbefestigt und schlammig, zu essen gab es nur dünne Suppe, die hygienischen Zustände schlimm. Viele mussten auf dem kalten Boden schlafen, außerdem waren Krankheiten an der Tagesordnung. Dazu mussten die Gefangenen hart arbeiten, zum Beispiel das Lager in Schuss halten oder mussten bei Bauarbeiten helfen.
Aus "Hölle von Gurs" weiter nach Auschwitz
"Das Lager war überhaupt nicht auf so viele Menschen vorbereitet", schildert Wiese die Situation. Da es in den kalten Winter hinein ging, anfangs aber sogar das Feuerholz zum Wärmen fehlte, starben jeden Tag Menschen. Oft werde das Lager daher auch als "die Hölle von Gurs" bezeichnet, so Wiese.
Ab 1942 wurden schließlich die meisten Inhaftierten nach Auschwitz deportiert. Aus diesem Grund gibt es nahezu keine Berichte von Pfälzern, die nach dem Krieg wieder in die Region zurückgekehrt sind. Fast alle fielen dem NS-Regime zum Opfer. Jan Wiese formuliert es so: "Diejenigen, die überlebt haben, waren nicht in Gurs."
Schwarzer Tag in der Geschichte der jüdischen Bevölkerung
Die Schwierigkeit für die Erinnerungskultur besteht darin, dass sich einzelne Biografien selten nachvollziehen lassen. Nachdem die Menschen deportiert wurden, verliert sich oft ihre Spur. Namenslisten von Lagern oder Transporten sind häufig die einzigen Anhaltspunkte, die Jan Wiese für seine Recherche bleiben.
Und trotz dieser Schwierigkeiten findet er es wichtig, über den 22. Oktober 1940 aufzuklären: "Es war ein sehr einschneidender Tag in der Geschichte für die jüdische Bevölkerung."