3D-Scans am KIT

KI aus Karlsruhe entschlüsselt Artenvielfalt unter Ameisen

Bereits 2.200 Scans von Ameisen befinden sich in der weltweit größten Datenbank mit 3D-Daten von Insekten. Ein Team am KIT in Karlsruhe leitet das Projekt.

Teilen

Stand

Von Autor/in Pascal Kiss

Ameisen gehören zu den vielfältigsten Tieren der Welt. Weltweit existieren mehr als 15.000 Arten, viele davon sind kaum erforscht. Genau diese Vielfalt will ein Team am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) jetzt systematisch digital zugänglich machen. 

In Karlsruhe entsteht dafür die weltweit größte Datenbank mit 3D-Daten von Insekten. Für die Forschung ist das mehr als ein visuelles Archiv: Insekten sind die vielfältigsten Lebewesen der Welt und stellen unter den Tieren die artenreichste Gruppe. Sie sind Bestäuber, Schädlingsbekämpfer, Futter und vieles mehr. Sie sind entscheidend für das Ökosystem und zugleich Lebewesen, von denen wir viel lernen können - etwa als Inspiration für neue technische Innovationen. 

Ein "Röntgenlaser" sorgt am KIT für Tempo und Detail 

Möglich werden die Aufnahmen durch intensive Röntgenstrahlen aus einem 110 Meter großen Teilchenbeschleuniger. Die Proben sind dagegen winzig. Ein Roboter stellt die Insekten automatisch bereit, der Scan dauert nur etwa 30 Sekunden. Die Ameise wird dabei Schicht für Schicht erfasst und am Computer zu einem dreidimensionalen Modell zusammengesetzt. 

Dieses Vorgehen sei laut Projektleiter Thomas van de Kamp sehr effizient: "Wir brauchen also wesentlich weniger Zeit als wir bei einem klinischen CT-Gerät zum Beispiel benötigen würden und können so in kurzer Zeit kleine Proben mit einem hohen Detailgrad und mit einem tollen Kontrast aufnehmen."

Der Teilchenbeschleiniger am KIT in Karlsruhe, der zum Scan der Ameisen benutzt wird.
Ein 110 Meter großer Teilchenbeschleuniger produziert die Scans der Ameisen am KIT.

Neu entdeckte Merkmale werfen Fragen zur Evolution der Ameisen auf

Schon beim ersten Durchsehen der Daten stoßen die Forschenden auf Merkmale, die bislang niemand systematisch betrachtet hat. Ein Beispiel: Bei einer brasilianischen Ameise entdeckte das Team zufällig eine besonders stabile Panzerung, die Mineralien enthält. 

In Zukunft sollen die 3D-Informationen deshalb nicht nur gesammelt, sondern auch mit Hilfe von KI-Systemen ausgewertet werden. "Um zum Beispiel große evolutionsbiologische Fragen zu klären, wie sich wichtige Schlüsselmerkmale in der Evolution entwickelt haben - dafür benötigt man einfach zwingend solche großen Datenmengen.", erklärt van de Kamp. 

So wollen die Forschenden herausfinden, wie die einzelnen Ameisenarten entstanden sind. Die Proben hierzu kommen aus aller Welt nach Karlsruhe. Aktuell scannt das Team vor allem Ameisen aus Australien und Asien. Langfristig könnte die Datenbank so zu einem weltweiten Referenzpunkt für die Ameisenforschung werden. 

Eine Ameise am Karlsruher KIT in einem Behälter für Proben.
Ameisen besitzen unter den Insekten die größte Artenvielfalt. Die enorme Menge an Informationen die sich daher über sie sammeln lässt, soll in Zukunft mithilfe künstlicher Inteligenz ausgewertet werden.

Forschung aus Karlsruhe mit Nutzen für Robotik und Kinofilme? 

Der Nutzen könnte aber über die Biologie hinausgehen, so van de Kamp: "Wir können uns aber auch zum Beispiel anschauen: Wie funktionieren Gelenke?" Das sei ein Ansatzpunkt für die anwendungsorientierte Forschung. "Dann kann man sich anschauen, gibt es die Möglichkeit, zum Beispiel Gelenke zu imitieren für bionische Anwendungen, für Maschinen." Damit ist die Ameisenforschung zum Beispiel für die Entwicklung neuer Roboterbeine interessant. 

Die 3D-Aufnahmen der Ameisen könnten aber auch in Zukunft im Kino laufen: "Jemand, der ein animiertes Modell einer Ameise erstellen möchte, könnte sich einen solchen Datensatz runterladen, bearbeiten und hätte dann mit vergleichsweise wenig Aufwand ein sehr realistisches digitales Modell einer Ameise", so Thomas van de Kamp. Er hat bereits selbst Animationen aus den Scans erstellt. 

Ein 3D Modell einer Ameise, das aus einem Scan am KIT in Karlsruhe entstanden ist, ist auf einem Computer zu sehen. Davor sitzt ein Forscher und sieht es sich an.
Die 3D Modelle der Ameisen die am KIT in Karlsruhe entstehen könnten nicht nur für die Forschung, sondern auch für Filmemacher interessant sein.

Nächster Schritt: Weitere Insekten in die Datenbank aufnehmen

Seine Arbeit und der Blick auf Hunderte, teils sehr exotische Ameisen hätten van de Kamps Blick auf die Tiere noch einmal verändert: Heute sehe er den Ameisenhügel im Wald vor seinem Institut mit ganz anderen Augen. Selbst vermeintlich "alltägliche" Arten wirkten anders, wenn man wisse, wie komplex die Welt der Ameisen ist.

Waldameisen seien ein Beispiel für eine ökologisch besonders sichtbare und wichtige Gruppe, die sehr große Kolonien bilde, so van de Kamp. Daneben gebe es aber auch in Deutschland andere faszinierende Arten, etwa solche, die andere Ameisen versklaven oder sozial parasitisch leben. 

Das Team will jedoch nicht nur Ameisen, sondern in Zukunft auch weitere Insektenarten erfassen - vielleicht irgendwann die ganze Insektenwelt. Die Forschenden sind überzeugt, dass in dieser Welt noch viel Unbekanntes steckt. 

Verschlüsselungstechnologie Quanten-Teststrecke beim KIT in Betrieb genommen

Quantencomputer bedrohen die IT-Sicherheit: Sie könnten Verschlüsselungen aktuell in Minuten knacken. Am KIT wird nun Quantenverschlüsselung als abhörsichere Alternative getestet.

SWR Aktuell am Vormittag SWR Aktuell

Karlsruhe

Eine der ältesten Technischen Universitäten Deutschlands feiert Menschen, Erfindungen, Forschung: Highlights aus 200 Jahren KIT

Viele Maschinenbauer, elektromagnetische Wellen, erste E-Mail, internationale Großforschung: ein Einblick in die ersten 200 Jahre KIT - und ein Ausblick in die Zukunft.

Karlsruhe

Platz für 2.000 Müll-Fässer Altlasten des KIT in Karlsruhe: Neues Zwischenlager für Atommüll in Betrieb

Auf dem Gelände des KIT ist ein Zwischenlager für radioaktive Abfälle in Betrieb gegangen. In dem Gebäude wird Atommüll aus dem Rückbau von Anlagen gelagert.

Ökologie Aggressive Ameisen, giftiger Bärenklau – Sind eingeschleppte Arten immer ein Problem?

Menschen haben viele Tier- und Pflanzenarten aus anderen Weltgegenden nach Deutschland gebracht. Manche wurden hier heimisch, viele haben sich reibungslos ins Ökosysteme eingefügt.

Das Wissen SWR Kultur

Ohne Chemie gegen Ameisen: Diese Hausmittel sind besonders effektiv

Ameisen sind nützlich, können aber lästig sein. Gartenexpertin Heike Boomgaarden klärt auf, wie Sie Ameisen und ihre Nester in Garten und Rasen natürlich und schonend bekämpfen.

SWR4 BW am Morgen SWR4 Baden-Württemberg

Kenia

Invasive Arten Invasive Ameisen zwingen Löwen zur Änderung ihrer Jagdstrategie

Ein Winzling zeigt große Wirkung: Die invasive Dickkopf-Ameise befällt in Kenia Akazienbäume - und bringt damit die bisherige Nahrungskette durcheinander.