Über Jahre hielt die RAF, die Rote Armee Fraktion, die ganze Nation in Atem. Die Verbindung der Terrorgruppe mit der Stadt Karlsruhe hat eine besondere Bedeutung. Als Sitz des Bundesgerichtshofs und des Generalbundesanwalts war die Fächerstadt Hauptziel der juristischen Verfolgung der RAF. Mit dem Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, seinem Fahrer Wolfgang Göbel und Justizbeamten Georg Wurster wurde Karlsruhe zum Schauplatz eines historischen Anschlags und eines Attentats, um dessen Täterschaft sich bis heute Diskussionen und offene Fragen ranken.
Schulprojekt: RAF-Mord als True-Crime-Podcast
Terrorismus sei im Unterricht ein Thema, erzählt Marius Schmidt, Lehrer für Gemeinschaftskunde und Deutsch am Thomas-Mann-Gymnasium in Stutensee im Landkreis Karlsruhe. Gerade im Gemeinschaftskundeunterricht gehe es viel um Ideologien, Extremismus und Radikalisierung. Mit dem RAF-Attentat in Karlsruhe habe man einen Kriminalfall, der sowohl spannend als auch lehrreich sein könne. Deshalb produziert Schmidt mit zwölf Schülerinnen im Rahmen von Projekttagen einen Podcast, der die Geschehnisse um den Mord verarbeiten möchte. Die Schülerinnen recherchieren, bereiten Interviews vor und treffen sich mit mehreren Zeitzeugen - an der Kreuzung, an der der Mord passierte.
Siegfried Buback wurde am Morgen des 7. April 1977 auf dem Weg zur Arbeit in seinem Dienstwagen erschossen. Auch sein Fahrer Wolfgang Göbel und der Justizbeamte Georg Wurster starben bei dem Attentat an der Kreuzung Moltkestraße/Linkenheimer Landstraße (heute Willy-Brandt-Allee) in Karlsruhe. Die Täter flüchteten auf einem Motorrad, ihre Identität ist bis heute nicht eindeutig geklärt.
Es wurden zwar Leute verurteilt, aber es ist bis heute unklar, wer geschossen hat.
Das Ganze in einem True-Crime-Podcast aufzuarbeiten, sei eine moderne Form der journalistischen Arbeit, die auch auf die Generation der Schülerinnen und Schüler gut passe, erzählt der Lehrer. Die Schülerinnen, die den Podcast produzieren, setzten sich dabei intensiv mit dem Thema RAF und Terrorismus auseinander. Und der fertige Podcast sei auch eine Möglichkeit, dass sich andere mit dem Thema beschäftigen, meint Marius Schmidt. Besonders bei einigen jüngeren Menschen sei die RAF gar kein Begriff mehr. "Die RAF ist nicht mehr so in den Köpfen der jungen Leute. Es steht auch in dem Sinne nicht explizit im Lehrplan."
Ungeklärte Fragen: Zeitzeugen sprechen mit Schülerinnen
Das Schlimmste wäre, wenn der Mord an Buback, Göbel und Wurster vergessen würde, erzählt Anton Gramlich. Er war damals Polizist in Karlsruhe und früh am Tatort. Für das Projekt des Thomas-Mann-Gymnasiums hat er sich mit den Schülerinnen an der Kreuzung, an der der Mord passierte, getroffen.
"Ich finde es gut, dass sich junge Menschen dem Thema widmen", meint Gramlich. Durch solche Projekte wie das der Schule könne das Thema "wachgehalten" werden. Nach einer umfangreichen Recherche haben die Schülerinnen viele Fragen an den ehemaligen Polizisten. Was hat er am Tatort vorgefunden? Wie ist der Mord geschehen und vor allem: Wen vermutet er als Täterin oder Täter? Die Frage, wer die 15 Schüsse auf das Auto des Generalbundesanwalts abgegeben hatte, beschäftigt den Zeitzeugen bis heute.
Ich hätte mir sehr gewünscht und wünsche es mir immer noch, wenn einer der damaligen Täterinnen oder Täter einen Arsch in der Hose hätten, und endlich mal sagen würden, wer jetzt hier die tödlichen Schüsse abgegeben hat.
Das wäre nicht nur für die Ermittlungsbehörden wichtig, sondern vor allem für die Angehörigen, so Gramlich. Die Beantwortung der Täterfrage sei natürlich nichts, was der Podcast der Schülerinnen erreichen könne, dafür sei das Projekt aber eine gute Möglichkeit, das Thema präsent zu halten. Es liege Gramlich sehr am Herzen, dass die offenen Fragen, die noch bestehen, nach Möglichkeit irgendwann beantwortet werden können.
True-Crime-Podcasts faszinieren die Schülerinnen
Es war nicht der Fall an sich, der die Schülerinnen direkt für das Podcast-Projekt begeisterte. Die RAF war nicht allen ein Begriff. Sich für drei Tage intensiv mit einem Thema zu beschäftigen, in einer Art journalistischer Redaktion zu recherchieren und zu ermitteln und am Ende einen eigenen True-Crime-Podcast zu produzieren, habe viele der Schülerinnen aber direkt angesprochen.
Also in der Schulzeit habe ich mich bisher noch nicht so in ein Thema reingefräst wie jetzt gerade.
Viele lieben True-Crime-Podcasts. "Ich höre das eigentlich immer, wenn ich mein Zimmer aufräume", erzählt eine Schülerin. "Die Themen in den True-Crime-Podcasts kommen aber immer aus Amerika oder so. Und das ist hier bei uns passiert." Dass sich der Fall in Karlsruhe abgespielt hat und die Möglichkeit, sich mit echten Zeitzeugen unterhalten zu können, begeistert die Mädchen. Auch dass der Fall eben noch nicht ganz gelöst sei, mache das Thema und die Arbeit am Podcast sehr spannend.
Dass das genau hier passiert ist, das macht einfach was mit einem, das geht einem schon näher.
Aus einer schrecklichen Tat lernen: RAF-Attentat an Buback
Der 7. April 1977 – ein Tag, der nicht so schnell vergessen sein wird. Besonders nicht bei den vielen Menschen, die seither die Frage begleitet, wer für den Mord an den drei Opfern verantwortlich ist. Die RAF-Mitglieder Klar, Folkerts und Mohnhaupt erhielten im Zusammenhang mit dem Attentat lebenslange Haftstrafen. Doch die Angehörigen der Opfer zweifelten die Ermittlungen bald an. Siegfried Bubacks Sohn, Michael Buback, recherchiert seither zum Mord an seinem Vater. Er hat zwei Bücher über seinen Tod geschrieben und ein neues Gerichtsverfahren herbeigeführt.
Es war ein furchtbares Geschehen, was politisch motiviert war. Wir können die Erfahrung mitnehmen, dass alles, was mit Gewalt motiviert ist, zu keinem Ziel führt.
Die Zeitzeugen und auch Lehrer Schmidt sind sich einig: So schrecklich die Tat auch war, es sei wichtig, sich immer noch und immer wieder damit auseinanderzusetzen. "Die 68er-Bewegung, das waren ja junge Leute, denen man das erst mal nicht zugetraut hatte", meint Marius Schmidt. "Man kann daran wirklich erkennen, wo Radikalisierung hinführt." Dabei, das zu verstehen, könne das Podcast-Projekt helfen. Und es habe eben auch die Möglichkeit, dazu beizutragen, dass ein Stück Geschichte, so dunkel es auch sein mag, nicht in Vergessenheit gerät.