- Der Mythos des Rebellischen
- Heinrich Böll und die RAF in den Medien
- RAF in Filmen
- RAF in der Musik
- RAF auf der Theaterbühne
- RAF in der Kunst
Vor knapp einem Jahr war die Rote-Armee-Fraktion (RAF) plötzlich wieder medial omnipräsent. Die mutmaßliche Ex-RAF-Terroristin Daniela Klette wurde festgenommen, nach knapp drei Jahrzehnten im Untergrund. In Celle in Niedersachsen wird ihr jetzt der Prozess gemacht – unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Der inzwischen etwas eingestaubte RAF-Mythos lebt plötzlich wieder auf.
RAF-Mythos lebt wieder auf
Der Prozess gegen Daniela Klette könnte einer der letzten rund um die aufgelöste Terrorzelle sein. Auf das Konto der RAF gehen laut Ermittlern mehr als 30 Morde. Klette muss sich unter anderem wegen mehrerer Raubüberfälle und versuchtem Mord vor Gericht verantworten. Extra für das Verfahren wird im niedersächsischen Verden jetzt ein Gebäude umgebaut, weil das dortige Landgericht als nicht sicher genug eingestuft wurde.
Vor 50 Jahren war der Prozess gegen die erste Generation der RAF allgegenwärtig. Die Bundesrepublik schaute im Schockzustand nach Stuttgart. Im damals auch eigens erbauten Gerichtssaal in Stuttgart-Stammheim bekam die Öffentlichkeit zum ersten Mal ein Bild von den Anführern jener Terrorgruppe, die das Land seit Jahren in Atem hielt.
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Der Gerichtssaal des RAF-Prozesses: Ausstellung „Stammheim 1975“
Schon jetzt scheint klar: Der Prozess um Daniela Klette wird Schlagzeilen generieren. Aber sicher keine vergleichbare Masse an überdauernden kulturellen Erzeugnissen hervorbringen wie die erste Generation der RAF.
Viele der zum Teil verstörenden Bilder, die von der RAF im sogenannten kollektiven Gedächtnis zurückbleiben, sind Teil der Popkultur geworden: Schon die Fahndungsplakate der Terroristen waren allgegenwärtig.
Noch immer sind viele Fragen mit Blick auf die RAF offen. Von den „RAF-Rentnern“ wie Daniela Klette erhofft sich die Gesellschaft also doch auch immer noch Antworten. Und ein Phänomen ist immer wieder zu beobachten: Wenn die RAF und ihre Taten Thema sind, schwingt oft problematische Faszination mit.
Der Mythos des Rebellischen
Die Geheimnisse, die wohl für immer im Dunkeln bleiben werden, nährten von Anfang an die Mythen, die die RAF bis heute umwehen. Davon haben sie auch viele selbst in Umlauf gebracht, mitunter als Selbstlegitimation. Das fing schon an bei der RAF-Gründungsgeschichte und der Frage, welche Seite die Spirale der Gewalt ausgelöst hatte.
Spätestens seit dem Suizid von Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe im Oktober 1977 wurde die RAF zum Gegenstand von Kunst, Film und Bühne. Als eine der ersten künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Themenkomplex RAF könnte man in Bezug auf die Literatur Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“ von 1974 erwähnen.
Heinrich Böll und die RAF in den Medien
Böll beschreibt in der Erzählung, wie eine bis dato unbescholtene Frau zur Zielscheibe der Boulevardpresse wird. Grund ist ihre Beziehung zu einem Straftäter, der auch im Verdacht steht, Terrorist zu sein. Am Ende wird die Frau zur Mörderin. Der Schriftsteller reagierte mit dem Buch auf seine eigene Erfahrung als Opfer einer Art Rufmordkampagne der Presse.
Nachdem sich Böll 1972 in einem Essay mit den Motiven und Methoden der RAF beschäftigte und dabei auch kritisch die Berichterstattung in einschlägigen Medien, insbesondere der„Bild“, thematisierte, sah sich der Schriftsteller mit dem Vorwurf konfrontiert, selbst Sympathisant der Terroristen zu sein.
„Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ sorgte für einen weiteren Skandal in der ohnehin aufgeheizten Debattenkultur der Bundesrepublik: 1975 wurde die Erzählung von Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta verfilmt. Für Schlöndorff war es der Durchbruch.
RAF in Filmen
Auch der sogenannte „Deutsche Herbst“ 1977 fand schnell Eingang in die Kunst: Für den Episodenfilm „Deutschland im Herbst“ taten sich elf Filmemacher zusammen, mit dabei waren Schlöndorff, Alexander Kluge oder Rainer Werner Fassbinder. Die Collage mit teils szenischen, erzählenden und dokumentarischen Elementen gewann 1978 den Deutschen Filmpreis.
Auch weitere Filme über die RAF sorgten in dieser Zeit für Aufsehen. Unter anderem Margarethe von Trottas „Die bleiernde Zeit“ (1981) oder Fassbinders „Die Dritte Generation“ (1979).
Danach aber ebbte die große künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema ab. Sicher auch, weil die öffentliche Auseinandersetzung mit der sich gerade ereignenden Geschichte ohne Abstand schwierig war. Das Feld war sozusagen von allen Seiten vermint.
RAF in der Musik
Die Musik spielt mit Blick auf die linke Szene eine große Rolle. Bezug auf die RAF nahmen Musikerinnen und Musiker damals aber eher indirekt.
Ein prominentes Beispiel: die Punkrock Band S.Y.P.H., die 1979 damit provozierte, dass sie ihre erste Platte „Viel Feind, viel Ehr“ als „Christian-na-Klar-Produktion“ bezeichnete. Als Cover wählte die Band eine Aufnahme des Kinderwagens, mit dem die RAF 1977 den Dienstwagen von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer gestoppt hatte.
RAF-Zitate als Mittel der Provokation
Mit RAF-Zitaten ließ sich zuverlässig schockieren. Hier aber eine eine klare politische Botschaft herauszulesen, wird der Sache nicht gerecht.
In Bezug auf die Mythenbildung lohnt sich auch der Blick auf eine der politischsten Bands der 1970er-Jahre: Ton Steine Scherben. Lange hielt sich die Geschichte, dass die RAF die Anarcho-Hymne „Keine Macht für Niemand“ bei der Band bestellt hätte.
Später stellte Rio Reiser klar, dass die linksextreme „Bewegung 2 Juni“ den Song in Auftrag gegeben, dann aber wenig begeistert abgelehnt habe. Im NDR erinnerte sich Bandleader Reiser, dass Andreas Baader den Song als „vollkommenen Schmarrn“ abgetan hätte.
Lange war die RAF dann auch mit Blick auf die Musik nicht mehr wirklich interessant. Mit ihrer Selbstauflösung Ende der 1990er-Jahre sind aber plötzlich auch die Terroristen der ersten Generation, ihr Prozess und die Begleiterscheinung gesamtgesellschaftlich und mit Blick auf die Kultur auf einen Schlag wieder allgegenwärtig.
Auflösung der RAF löst neuen Hype aus
2001 rappten zum Beispiel die Absoluten Beginner in ihrem Song „Söhne Stammheims“ zynisch:
Endlich sind die Terroristen weg und es herrscht Ordnung, Ruhe und Frieden. Das bisschen Gesindel, das noch in den Knästen steckt tut sowieso keinen mehr interessieren. Nun kämpfen die Menschen nur noch für Hunde und Benzin. Folgen Jürgen und Zlatko und nicht mehr Baader und Ensslin.
Im gleichen Jahr zeigten die Sindelfinger Punkrocker von Wizo mit ihrem sehr eindeutigen Song „R.A.F.“: Provozieren kann man mit der RAF noch immer.
Da heißt es ganz unverhohlen: „Rote Armee Fraktion – ihr wart ein geiler Haufen. Rote Armee Fraktion – mit euch ist was gelaufen. Rote Armee Fraktion – ich fand euch immer spitze. Leider war ich noch zu klein, um bereits bei Euch dabei zu sein, doch mein Herz schlug damals schon für die Rote Armee Fraktion.“
RAF-Frauen auf der Theaterbühne
2006 brachte das Thalia Theater in Hamburg zum ersten Mal „Ulrike Maria Stuart“ von Elfriede Jelinek auf die Bühne. Das Stück sorgte für Furore.
Jelinek rückt hier die Frauen der ersten Generation in den Fokus, nimmt sich die Vita von Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin vor, spiegelt sie auf das Leben von Maria Stuart und Elisabeth I. Es geht ihr auch um die historische Dimension.
Das Kampfsymbol der RAF, die Maschinenpistole von „Heckler & Koch“ vor dem roten fünfzackigen Stern, wurde wieder omnipräsent. Und plötzlich tauchte es nicht nur auf Sachbuchtiteln auf, sondern auch auf einer Reihe von Blockbuster-Filmplakaten oder gar in Fotostrecken für Modemagazine. Fast so, als hätte das Symbol seine Referenz auf Schrecken und Gewalt verloren.
Ein Film, der zu der Zeit die Gemüter spaltete und dem Thema RAF eine neue Qualität der Aufmerksamkeit im neuen Jahrtausend beschert: Kult-Regisseur Bernd Eichinger verfilmt Stefan Austs Sachbuch „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Der hochkarätig besetzte Blockbuster lässt 2008 die Kinokassen klingeln und bringt die Frage auf: Darf das Grauen der mordenden Terroristen als Popcorn-Stoff herhalten?
Regisseur Bernd Eichinger erklärte in Interviews, dass er dem Mythos RAF, also dass die Köpfe der ersten Generation sozusagen den Status von Popikonen haben, mit seinem Film und der Darstellung der Brutalität und Skrupellosigkeit der Terroristen entgegen wirken wollte.
Aber natürlich sollte sich der Stoff auch verkaufen, lebt von imposanten Bildern und bei aller Mühe um Authentizität kreierte der Film neue ikonische Bilder, die sich mit in das kollektive RAF-Gedächtnis brannten. Auch der Film kämpfte mit dem Vorwurf der Glorifizierung.
RAF in der Kunst
Damit haderte schon die große Kunstausstellung „Zur Vorstellung des Terrors" in den Berliner Kunst-Werken. Die Kunstschau, an der auch Gudrun Ensslins Sohn beteiligt war, zeigte 2005 Werke von namhafter Künstler und Presse- und TV-Dokumente aus der Zeit. Schon im Vorfeld gibt es massive Kritik an dem Projekt. Der Vorwurf: Die Sicht der Opfer sei bei der Konzeption vergessen worden und wieder: Der Terror sei zum Mythos verklärt worden. Die Verantwortlichen hingegen erklärten, es sei ihre Absicht, den RAF-Mythos zu entlarven.
RAF als Popkultur: Ikonisierung und Entpolitisierung
Vor allem die jüngere Generation kennt die ersten Leitfiguren der RAF nur als entpolitisierte Ikonen aus den Medien oder dem Fernsehen. Die Schrecken des Terrors wurden kommerzialisiert und popularisiert.
Es gibt für das Phänomen sogar ein Sinnbild, das zeigt, was passiert, wenn die Rebellion als hip umgedeutet wird, weil das Grauen weit genug entfernt ist: „Prada-Meinhof“. Eine Berliner Electropunk-Band seit 2015, aber schon kurz nach der Auflösung der RAF tauchte das Gag-Label „Prada-Meinhof“. auf. Der Schriftzug wird Kult und ist nicht nur präsent auf den Straßen, sondern auch auf den roten Teppichen. Es ist bizarr: Aus Mördern wurde Mode.
Kommt der Linksextremismus jetzt mit Blick auf den Prozess rund um Daniela Klette wieder mehr „in Mode.? Fest steht, dass sich mit RAF-Zitaten immer noch provozieren lässt, aber die Sprengkraft mit Blick auf das Tabu lässt nach.
Mit dem großen Abstand zu dem bundesdeutschen Trauma vor knapp 50 Jahren bieten sich heute andere Themen eher an, um kommerzialisiert zu werden. Die Terroristen von damals scheinen mit Blick auf die Popkultur nur noch Projektionsflächen, die einmal mehr deutlich machen, wie wichtig es ist, bestimmte Bilder und Figuren nicht aus dem Kontext zu reißen. Und wie wichtig Bildung ist, damit auch die nachfolgenden Generationen bestimmte Zitate richtig einordnen können.