Von Autokennzeichen und Schlössern

Tradition, Gemeinschaft, Gefühl: Das bedeutet Heimat für Menschen aus BW

Was ist Heimat? Zwei Frauen aus BW beantworten diese Frage ganz unterschiedlich. Die eine setzt aufs Ehrenamt, die andere, erzählt, wo sie endlich angekommen ist.

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Von Autor/in Hannes Köhle

Die Landesregierung hat mit dem neuen Heimatministerium einen Begriff zum politischen Programm gemacht, der viele Menschen emotional berührt. Für die einen steht Heimat für Vertrautheit und Zusammenhalt. Für andere verändert sich ihr Umfeld so stark, dass sie mit ihrem Zuhause fremdeln. Wieder andere müssen sich, obwohl sie hier geboren sind, aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihres Nachnamens immer aufs Neue erklären. Unterwegs mit zwei Menschen in Baden-Württemberg, die verschiedene Perspektiven auf Heimat haben.

Irmhild Mannsfeld setzt sich für Erhalt von Calws Geschichte ein

Heimat, das ist für Irmhild Mannsfeld vor allem, Geschichte zu erhalten. Seit 30 Jahren leitet sie das Gerbereimuseum in Calw im Nordschwarzwald. Nun möchte sie, dass eine neue Generation übernimmt, doch die Suche nach neuen Freiwilligen ist mühsam. Der Flyer mit dem Aufruf "Dringend gesucht: Nette Leute jeden Alters für die Verstärkung unseres Teams" hängt schon fast zehn Jahre an der Wand. "Neue Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu finden, ist nicht so einfach, weil man bei uns arbeiten muss", sagt Mannsfeld.

Irmhild Mannsfeld im Gerbereimuseum in Calw im Nordschwarzwald
Irmhild Mannsfeld leitet seit 30 Jahren das Gerbereimuseum in Calw. Nachfolger zu finden, sei gar nicht so leicht, berichtet sie.

Rund 40 aktive Mitglieder hat das Museumsteam aktuell. In Sportvereinen sei man Mitglied, weil man da vor allem etwas für sich und seine Gesundheit tun könne, hier müsse man in der Cafeteria stehen oder Führungen geben, erklärt Mannsfeld.

Für mich ist es so, dass man Heimat nur dann wirklich empfinden kann, wenn man sich einbringt. Und wir haben ein so reiches Vereinsleben und ohne die Menschen und das Miteinander geht uns Heimat verloren.

Für Irmhild Mannsfeld geht es bei der Frage, was Heimat ist, vor allem um Gemeinschaft und darum, Geschichte zu erhalten. Die 75-Jährige steht im alten Gebäude des Gerbereimuseums in Calw und dreht einen Schalter an der Wand um. Um sie herum beginnen die alten Maschinen, mit denen früher Leder produziert wurde, lärmend zu rattern. Ohne Mannsfeld wäre es hier heute ruhig, denn sie hat sich vor 30 Jahren dafür eingesetzt, dass die letzte Gerber-Handwerksstätte der einstigen Gerberstadt erhalten bleibt und zum Museum wird. "Ich habe leider in Calw viele Gebäude schon fallen sehen und es tat mir als Kind schon weh", sagt Mannsfeld.

Heimat-Pflege: Garten vor Filiale einer Kleiderkette gerettet

Mannsfeld setzt sich nicht nur für das historische Museum ein: Auch an anderer Stelle hat sie dafür gekämpft, dass ihre Heimatstadt erhalten bleibt. Beim Spaziergang durch die Stadt bleibt sie an einem jetzt denkmalgeschützten Gebäude stehen. Vor dem alten Haus ist ein großer Garten. Der hätte für einen Neubau einer Filiale einer Kleiderkette verschwinden sollen, die Zustimmung vom Gemeinderat gab es bereits.

Mannsfeld startete eine Unterschriftenaktion und holte sich Unterstützung vom Denkmalamt. "Das Denkmalamt hat festgestellt, man kann den Garten nicht einfach überbauen und damit war das Projekt Gott sei Dank gestorben". Heute ist in dem Garten ein Restaurant. "Ich will mich an dem Platz, wo ich daheim bin, wo ich meine Kinder großgezogen habe, da will ich es auch ganz eigennützig schön haben", sagt Mannsfeld.

Heidelberger Schloss ist Heimat für Florence Brokowski-Shekete

Für Florence Brokowski-Shekete ist Heimat ein Gefühl. Wenn sie durch die Fußgängerzone in der Heidelberger Altstadt läuft und auf das Schloss auf der Anhöhe schaut, fällt ihr nur eines ein: "Das ist herrlich". "Heidelberg ist für mich nicht nur eine Stadt. Das heißt, wenn ich irgendwo unterwegs bin und ich sehe das Heidelberger Autokennzeichen, dann habe ich das Gefühl: Ah ja, da kommt jemand von zu Hause", sagt sie.

Florence Brokowski-Shekete im Vordergrund, im Hintergrund das Heidelberger Schloss
Für Florence Brokowski-Shekete ist Heimat ein Gefühl - dazu gehören auch das Heidelberger Autokennzeichen "HD" und das Schloss, das sie "herrlich" findet.

Brokowski-Shekete lebt seit mehr als 35 Jahren in Heidelberg, aufgewachsen ist sie in Buxtehude in Norddeutschland, ihre leiblichen Eltern kommen aus Nigeria. "Ich war da schon eine der wenigen Schwarzen. Dann kam ich damals nach Heidelberg und habe gesehen, wow, du fällst ja gar nicht mehr auf, weil du siehst, hier ganz viele, die so aussehen wie du", sagt Brokowski-Shekete.

Im Grunde ist es, Wurzeln schlagen dürfen, das ist für mich so der Begriff von Heimat.

Heimat beruht laut ihr auf Gegenseitigkeit. Zum Beispiel gehe es darum, Menschen willkommen zu heißen, egal, ob sie einen Migrationshintergrund haben oder aus anderen Orten hergezogen seien so wie sie. "Aber auch ich muss schauen, was macht die Gegend hier aus und wie möchte ich mich einbringen", sagt Brokowski-Shekete. Sie findet, Heimat entstehe durch einen selbst. Wenn die Politik zu dem Schluss komme, bestimmte Dinge schützen zu wollen, wie Denkmäler, sei das nicht falsch. "Es darf jedoch nicht so gemacht werden, dass sich Menschen, die zugezogen sind, ausgeschlossen fühlen."

Baden-Württemberg

Unterstützung für Ehrenamtliche und Vereine Gentges will Heimat entstauben - mit Geld, Freiräumen und einem Podcast

Damit Heimat von allen gestaltet werden kann: Ministerin Marion Gentges (CDU) kündigt mehr Unterstützung für Vereine und Ehrenamtliche sowie eine neue Heimatkampagne an.

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Autor/in
Hannes Köhle
Hannes Köhle ist Teil des Teams von "Zur Sache! Baden-Württemberg".