Ganz viel Sport treiben und gewissenhaft die Kalorien zählen: Was als harmloser Wunsch nach Selbstoptimierung beginnt, endet vor allem bei jungen Menschen häufig mit einer Essstörung. Oft steckt unterbewusst eigentlich etwas anderes dahinter: endlich wieder die Kontrolle über sich oder sein Leben haben zu wollen. So ging es auch Laura De Nardis aus Karlsruhe.
Neuer Job löste Essstörung bei Laura De Nardis aus
Bei der jetzt 25-Jährigen fing es vor ein paar Jahren mit einem neuen Job als Sozialarbeiterin an: "Ich habe versucht, sehr leistungsstark zu sein, mich zu kontrollieren", erinnert sie sich. "Ich war überfordert mit der plötzlichen Verantwortung, die ich auf der Arbeit hatte." Sie wollte wieder Erfolgsmomente haben. Und besonders ihr eigenes Essen habe sie kontrollieren können.
Sie protokollierte ihre Mahlzeiten und fing an, viel Sport zu treiben. Das Thema Essen bestimmte ihren Alltag. "Ich hatte keinen Kopf mehr für die Arbeit, für soziale Kontakte, für mich selbst, was ich eigentlich selber fühle", erzählt die 25-Jährige. Laura De Nardis nahm am Tag nur etwa 400 bis 500 Kalorien zu sich. Verschiedene Krankenkassen geben als Richtwert bei jungen Frauen im Alter von 19 bis unter 25 einen Tagesbedarf von 1.900 Kalorien an - bei Personen, die den ganzen Tag nur sitzen.
Maximal 500 Kalorien am Tag: Der Körper im Notzustand
Laura De Nardis Körper war durch die niedrige Kalorienzufuhr chronisch unterversorgt. Das machte sich bei ihr auch bemerkbar: Sie hatte Magen-Darm-, Schlaf-, Konzentrationsprobleme, Haarausfall, und das Sehvermögen ließ nach. Immer wieder fror Laura De Nardis. Ihre Wärmeflasche war deswegen dauerhaft im Einsatz, was zu Verbrennungen auf dem Bauch führte. Auch jetzt hat die 25-Jährige noch Osteopenie - die Vorstufe von Osteoporose. Durch die niedrige Dichte können ihre Knochen leichter brechen.
Erst die Selbsterkenntnis brachte Laura De Nardis dazu, sich Hilfe zu holen. Sie kam, nachdem Laura De Nardis auf der Arbeit zusammengebrochen war. Sie hatte Rufbereitschaft und war mit einer schweren Tasche zur Arbeit gekommen. Eine Kollegin sagte ihr dann, dass sie zu einer Kindeswohlgefährdung mitkommen musste.
Da habe ich gemerkt, ich habe überhaupt gar keine Energie mehr. Ich habe nächtelang nicht mehr geschlafen. Und dann habe ich zu ihr gesagt: 'Ich kann einfach nicht mehr.'
Ihre Mutter versuchte monatelang zu helfen
Schon vor ihrem Zusammenbruch hatte Laura De Nardis Mutter immer wieder versucht, ihre Tochter auf das Problem aufmerksam zu machen. Die Mutter hätte sich in der Zeit mehr Informationen zu Essstörungen und eine Art Fahrplan gewünscht, wie sie ihrer Tochter helfen kann.
"Das war ein monatelanger Prozess, der sich so hingezogen hat", erzählt Sonja Gion-De Nardis. Sie ging mit ihr einmal die Woche essen, versuchte mit ihr zusammen zu kochen, mit ihr eine Möglichkeit zu finden, wieder Struktur in ihre Mahlzeiten zu bringen.
Wir waren mal einkaufen, shoppen, wie Mama und Tochter das machen. Ich glaube, das war der Moment, wo mir klar war: Da ist etwas ganz anderes. Sie hat eine Hose anprobiert, eine XS, und die hat nicht gepasst. Die war einfach zu groß und sie hat mich gebeten, sie einzunähen.
Hilfe gab es bei einer Beratungsstelle in Karlsruhe
Ein Besuch bei der Beratungs- und Informationsstelle bei Essstörungen (BESS) in Karlsruhe führte dann zu den helfenden Maßnahmen. Es folgten Treffen in einer Online-Selbsthilfegruppe, stationäre Klinikbesuche und eine Therapie - zu der Laura De Nardis immer noch wöchentlich geht. "Die Essstörung kann ich nur unter Kontrolle haben, wenn ich auch meine Gefühle zulasse", erklärt die 25-Jährige.
Vollständig weg ist die Essstörung nicht. Sie begleite die 25-Jährige immer noch jeden Tag. "Ich muss essen und ich kann nicht wie bei einer Alkoholsucht auf Alkohol verzichten", sagt sie. Auch die Treffen einer Selbsthilfegruppe des Freundeskreises Suchthilfe in Karlsruhe hilft Laura De Nardis. Sie engagiert sich inzwischen ehrenamtlich in dem Verein. Und um anderen zu helfen, erzählt sie zum Beispiel an Schulen und in Kliniken ihre Geschichte.
Ich möchte der Essstörung, die in mir drin ist, eine Stimme geben.
Jugendliche entwickeln Essstörung häufig in Schulzeit
Laut Alexandra Nägeli von der BESS entwickeln Jugendliche Essstörungen vor allem in der Schulzeit. "Ich erlebe auch öfters mal, dass es dann innerhalb einer Klasse mehrere Fälle gibt", erzählt sie. "Weil die miteinander darüber sprechen und sich mitunter gegenseitig anstacheln."
Die Zahl der Essstörungen sind laut Alexandra Nägeli vor allem in den Jahren nach Corona deutlich gestiegen. In der Zeit waren die Schulen geschlossen und die Strukturen fielen für die Jugendlichen weg. Viele wollten sich dann selbst strukturieren: durch Sport und die Ernährung. Für manche der jungen Menschen sei das der Einstieg in eine Essstörung gewesen.
Auch danach seien die Zahlen hoch geblieben, so die Expertin. Und inzwischen würden auch bei Jungs vermehrt Essstörungen auftreten. Es äußere sich bei ihnen häufig aber anders als bei Mädchen: Durch den Versuch, Muskeln aufzubauen und übertrieben auf die Proteinzufuhr zu achten. Dabei komme es aber auch zu absurden Situationen, erinnert sich Alexandra Nägeli. "Wir wurden einmal von einer Lehrkraft eingeladen, die meinte, bei ihr in der Klasse würden die Jungs zehn Eier am Tag essen."
„Mein Körper durfte nie breiter als die Hand sein.“ – Jona (28) über Magersucht bei Männern
Essstörung bei meinem Kind? Dann sollte ich handeln
Eltern sollten laut Alexandra Nägeli handeln, wenn sich das Essverhalten des Kindes drastisch verändert: Zum Beispiel, wenn die Jugendlichen durch Apps, Lebensmittel abwiegen oder durch Kalorien zählen, übertrieben kontrollieren, was sie essen. Sie auf verschiedene Nahrungsmittel oder Nahrungsmittelgruppen wie Zucker, Fette oder Kohlenhydrate ganz verzichten. Oder das Kind die Kontrolle verliert. Das äußert sich beispielsweise durch Essanfälle, wenn viele leeren Verpackungen im Mülleimer liegen oder Lebensmittel auf unerklärliche Weise verschwinden.
Eltern sollten in dem Fall das Kind ansprechen, ihre Beobachtungen schildern und ihre Sorgen mitteilen. Dann sollten sie erst einmal hören, was das Kind antwortet. Wenn sich die Essstörung bestätigt oder die Sorge weiter fortbesteht, sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Die erste Anlaufstelle ist laut der Expertin der Kinderarzt oder eine professionelle Beratungsstelle. In vielen Landkreisen gebe es explizite Anlaufstellen für Essstörungen wie die BESS.