Gefährliche Social-Media-Trends

Essstörung mit 14: "Ich konnte fast nicht laufen, weil meine Beine so wehgetan haben"

Die Fälle von Essstörungen haben laut KKH-Krankenkasse bei den 12- bis 17-jährigen Mädchen besonders stark zugenommen – die Nutzung von Social Media könnte eine Rolle spielen.
 

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Von Autor/in Clara Holzhauser

Während Essen für viele Menschen Genuss bedeutet, ist es für Aurora (Name von der Redaktion geändert) mit der Angst verbunden, zuzunehmen. Die 14-Jährige leidet an Magersucht, auch Anorexie genannt, eine Form der Essstörung. Deswegen ist sie am Pfalzklinikum in Klingenmünster inzwischen seit mehr als einem Monat in Behandlung. 

"Im letzten Jahr August hat das angefangen. Ich habe mir selbst nicht gefallen und wollte bewusst abnehmen. Und dann ging mein Gewicht runter und ich konnte es nicht kontrollieren", erinnert sie sich. Sie habe viele Mahlzeiten ausgelassen, Kalorien gezählt und irgendwann fast den ganzen Tag ans Essen gedacht.

Keine Kraft und Konzentration durch Essstörung

Die Essstörung veränderte ihr Leben – sie verbrachte immer weniger Zeit mit Freunden und war immer mehr allein in ihrem Zimmer. "Ich bin am Anfang noch in der Schule gewesen, aber ich habe dann gemerkt, dass ich keine Kraft und Konzentration habe", erzählt sie. "Mein Gewicht ist irgendwann so runtergangen. Ich konnte fast nicht laufen, weil meine Beine so wehgetan haben. Ich war schwach und habe viel geschlafen. Ich habe dann zu meiner Mutter gesagt, dass ich Therapie brauche."

Starke Zunahme von Essstörungen in einer Altersklasse

Aurora ist mit ihrer Krankheit nicht allein. Die KKH Kaufmännische Krankenkasse teilte im Mai mit, dass die Fälle von Magersucht, Bulimie und Binge Eating (Essanfälle) bei den 12- bis 17-jährigen Mädchen besonders stark zugenommen hätten: "Vom Vor-Corona-Jahr 2019 auf 2023 von 101 auf 150 Fälle pro 10.000 Versicherte." 

Das sei ein Plus von fast 50 Prozent, in keiner anderen Alters- und Geschlechtergruppe sei der Anstieg derart deutlich gewesen. Die Kasse spricht von einer boomenden "Selbstoptimierungs-Szene" auf TikTok mit "fragwürdigen Idealen". Diese Ideale könnten besonders bei Heranwachsenden zu einem verminderten Selbstwertgefühl und sogar zu psychischen Erkrankungen wie Essstörungen führen.

Höheres Risiko für Unzufriedenheit bei intensiver Nutzung sozialer Medien

KKH-Psychologin Franziska Klemm ordnet in einer Pressemitteilung der Krankenkasse ein: "In einer Lebensphase, in der die eigene Identität noch nicht gefestigt und das Selbstwertgefühl oft nur schwach ausgeprägt ist, können solche übersteigerten Ansprüche an das eigene Aussehen zu einer großen Belastung werden."

Und weiter: "Je intensiver die Nutzung sozialer Medien ist, desto größer ist auch das Risiko für eine Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und damit verbundene Essstörungen."

Welche Rolle spielte TikTok bei Aurora?

Auch bei Auroras Krankheitsverlauf hat TikTok eine Rolle gespielt. Sie erzählt: "Ich habe auf TikTok viele Schönheitsideale gesehen und Videos, wie man schnell abnimmt und Diäten. Ich habe auch Sachen zur thigh gap, also der Lücke zwischen den Oberschenkeln, gesehen. Ich habe mich mit denen in den Videos verglichen, weil ich auch so aussehen wollte."

Clara Leonhardt, Ernährungstherapeutin für Kinder und Jugendliche am Pfalzklinikum in Klingenmünster, erklärt, dass es für die Entstehung einer Essstörung viele unterschiedliche Faktoren brauche: "Social Media ist eher nicht der Auslöser, aber es kann ein verstärkender oder aufrechterhaltender Faktor bei einer Essstörung sein."

Von gesundem Rezept zu Abnehmtipps

"Skinny is the outfit", "nothing tastes as good as skinny feels", "you’re not hungry, you’re just bored"– vor allem auf TikTok werden Videos mit diesen Sprüchen hochgeladen. Das klingt erstmal nach harmlosen Motivationssprüchen, doch die Expertin warnt, spricht von Mantren: "Das verkörpert einen neuen Lifestyle, den es anzustreben gilt."

Und weiter: "Man kann durch Algorithmen von einer Suche nach einem gesunden Rezept schnell auf ein 'what I eat in a day'-Video kommen, wo oft junge Frauen zeigen, was sie am Tag essen." Bei diesen Videos falle oft auf, dass das, was an Essen gezeigt wird, oft unter dem eigentlichen Energiebedarf der Jugendlichen liege.  

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Orientierung an Schönheitsidealen – was ist heute anders?

Auch früher wurden Kinder und Jugendliche in Zeitschriften, Filmen und in der Werbung mit Schönheitsidealen konfrontiert. "Aber das hat man sich gemeinsam mit Freunden und Familien angeschaut. Da hat ein Austausch und ein Realitätscheck stattgefunden", ordnet Leonhardt ein.

Das Schwierige an Plattformen wie TikTok sei, dass kein Austausch stattfinde: "Die Familien bekommen oft kaum mit, was die Jugendlichen am Handy machen. Durch die Algorithmen der Plattformen fällt das Aufzeigen von anderen Perspektiven weg und dann kommt es zur Realitätsverzerrung." 

Was können Eltern tun?

Für Eltern kann das eine schwierige Situation sein, merkt Ernährungstherapeutin Clara Leonhardt an - man wolle keine Grenze verletzen und die Privatsphäre des Kindes nicht stören. Ihr Tipp für Eltern: Ehrliches Interesse zeigen und das Kind fragen, was es am Handy macht.

Teilstationär in Behandlung

Aurora erzählt, dass es ihr mittlerweile durch die Therapie besser gehe. Am Pfalzklinikum in Klingenmünster ist sie teilstationär in Behandlung - sie schläft zu Hause, aber verbringt den Tag im Klinikum. Hier erhält sie Einzeltheraphie, Bewegungstherapie, Ernährungstherapie und auch Schulunterricht.

Trotzdem sei sie viel mit sich selbst beschäftigt: "Wenn ich Essen sehe, habe ich immer noch Angst, zuzunehmen und versuche, die Kalorien auszurechnen."

Kein TikTok mehr auf dem Handy

Aurora arbeitet gemeinsam mit Dorothee Köhler, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin am Pfalzklinikum in Klingenmünster, daran, dass sie wieder in den Gewichtsbereich kommt, in dem sie vor der Anorexie war.

"Hier in der Klinik geben wir die Essensportionen vor. Sie soll dann auch wieder eigenständig Mahlzeiten zu Hause einnehmen. Und das sie es wieder schafft, den normalen Alltag zu bewältigen, wieder Hobbys aufzunehmen, wieder regelmäßig in die Schule zu gehen", erklärt Dorothee Köhler.

TikTok hat Aurora inzwischen von ihrem Handy gelöscht. Sie merkt, dass es ihr guttut.

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